Berlin

Foul am Feiertag

Spielbetrieb: An regulären Sonn- oder Werktagen darf gekickt werden (Abb.: A-Jugend TuS Makkabi bei einem Mittwochs-Spiel gegen Hapoel Abu Gosch im Mai vergangenen Jahres), aber nicht an den Feiertagen. Foto: Harald Ottke

Es war eine torreiche Begegnung, zu der die 2. Herrenmannschaft von TuS Makkabi am Donnerstag, 9. September, beim FC Lübars angetreten war. Das Spiel endete 4:4. Unentschieden. Dennoch hat der TuS Makkabi verloren, nämlich seinen ehemaligen Vorsitzenden Tuvia Schlesinger. Der informierte den Verein, der ihm »40 Jahre eine sportliche Heimat« gewesen sei, schriftlich über seinen sofortigen Austritt. Der Grund: Der Verein habe es zugelassen, dass die Spieler am zweiten Tag von Rosch Haschana ein Punktspiel absolvierten.

Regeln Er sei »immer noch erschüttert«, kein Makkabi-Verein weltweit würde an einem Hohen Feiertag um Punkte kämpfen, nur in Berlin sei so etwas möglich. Der jetzige Vorstand und damit der gesamte Verein hätten »das Recht verwirkt, die jüdische Gemeinschaft zu repräsentieren«, so Schlesinger in seinem Austrittsschreiben. Regeln, Traditionen und Grundfeste der Idee von Makkabi seien »mit Füßen getreten« worden, heißt es weiter.

Während seiner gesamten Vereinsmitgliedschaft seien jüdische Feiertage »entsprechend geehrt« worden. Weder Spiele noch Trainingseinheiten hätten an Rosch Haschana und Jom Kippur stattgefunden. Das gehörte zu der jüdischen Tradition, der sich der TuS Makkabi Berlin mit allen seinen bisherigen Vorständen und einem großen Teil der Mitglieder verpflichtet fühlte, betont Schlesinger, der auch dem Präsidium der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde angehört.

Reaktion Inge Borck, Ehrenpräsidentin von Makkabi Berlin, hat den Austritt Schlesingers zur Kenntnis genommen. »Doch ob am zweiten Tag Rosch Haschana gespielt werden darf, darüber kann man streiten«, sagt sie. Weiterhin meint Borck, es könne niemand gezwungen werden, den Feiertag zu begehen. »Das ist freiwillig.« Im Übrigen habe sich der Vorstand um eine Terminverlegung bemüht, sagt Vereinsvorstand Isaak Lat. »Doch das hat leider nicht geklappt.« Daraufhin seien die Spieler gefragt worden, ob sie antreten wollten, was sie bejahten. »Bei Nichterscheinen wären drei wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt verloren gegangen.«

Zuständig für die Spielansetzungen ist der Berliner Fußball-Verband. Dessen Vorstand ist dieser konkrete Fall noch nicht bekannt. Integrationsbeauftragter Mehmet Matur meint jedoch, dass es auch bei muslimisch geprägten Vereinen schon mal zu ähnlichen Anfragen kommt, und dann eigentlich immer eine einvernehmliche Regelung gefunden werden kann. »Wir respektieren im Berliner Fußball die religiösen Traditionen«, sagt Martur.

Rabbiner Über die Wahrung der religiösen Tradition in einem jüdischen Sportverein diskutieren nicht nur Aktive und Funktionäre, auch Rabbiner haben dazu ihre Meinung: »An den Hohen Feiertagen Fußball zu spielen, das hat doch einen sehr schlechten Beigeschmack«, meint Rabbiner Tovia Ben-Chorin. Christen würden auch nicht am Weihnachtsabend oder an Karfreitag nach dem runden Leder treten. »Ich bin mir sicher, dass die Makkabi-Fußballer gar nicht gewusst haben, was sie taten«, so der Rabbiner.

Ähnlich äußert sich Rabbiner Yehuda Teichtal. »Grundsätzlich gehört Judentum nicht nur in die Synagoge, sondern in alle Bereiche des Lebens, also auch auf den Fußballplatz.« Gleichwohl sei das Punktspiel an Rosch Haschana ein grobes Foul in religiösem Sinne. Zugleich meint Teichtal jedoch, dass die Spieler wohl nicht um die Ernsthaftigkeit ihres Tuns gewusst haben. »Das zeigt uns umso mehr, wie wichtig es ist, jüdische Bildung zu stärken, unsere Werte und Tradition zu vermitteln.«

Die Gemeindevorsitzende Lala Süsskind erklärt: »Ich bin empört, dass Makkabi an diesem Tag angetreten ist.« Der Gemeindevorstand habe dem Verein einen entsprechenden Brief geschrieben, und mitgeteilt, dass er die Fördergelder einfrieren werde, dies seien »einige tausend Euro«. Der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung, Michael Joachim, bedauert die Unstimmigkeiten bei Makkabi, äußert »vollstes Verständnis« für Schlesingers Entscheidung.

Redner Kicken sollte er nicht, aber auch Gabriel Heim, ehemaliger rbb-Fernsehdirektor, war diesmal in einem Feiertagsdilemma. Er war als Redner bei der Einweihung eines Gedenkortes für das ehemalige DP-Camp Schlachtensee angekündigt. Doch wegen des Feiertags habe er abgesagt. »Auch die Drei-Tage-Juden wissen, wie wir die Hohen Feiertage gestalten können«, meint Heim. Er betrachte die Hohen Feiertage als ein Geschenk, während der sich jeder mit sich selbst beschäftigen dürfe. Das gelte für alle Juden, ob sie Fußball spielen oder nicht.

Ausstellung

Vom Wohlstandskind zur Kriegsreporterin

Die Monacensia lässt das bewegte Leben von Erika Mann Revue passieren

von Ellen Presser  16.01.2020

München

Weiße Rose, Schicksal, Auschwitz

Meldungen aus der IKG

 16.01.2020

Buch

Bilder als Denkmal

Der Fotograf Thies Ibold erinnert an den Kunsthistoriker Aby Moritz Warburg

von Heike Linde-Lembke  16.01.2020

Kino

Familientreffen in Nahost

Nach der Wende lernt Esther Zimmering ihre israelische Verwandtschaft kennen

von Jérôme Lombard  16.01.2020

Synagoge Pestalozzistraße

Der Tradition würdig

Beim Umbau des Estrongo-Nachama-Kidduschsaals stießen Handwerker auf 17 Torarollen. Nun werden sie restauriert

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  12.01.2020

München

Gedenken, Geschichte, Dialog

Meldungen aus der IKG

 09.01.2020

München

Faszination Film

Die Jüdischen Filmtage am Jakobsplatz stehen dieses Jahr unter dem Motto »Eine Reise um die Welt«

von Helmut Reister  09.01.2020

Kölsche Kippa Köpp

»Wenn et Trömmelche jeht«

Der jüdische Karnevalsverein feiert seine erste öffentliche Sitzung

von Leticia Witte  09.01.2020

München

Museum, Gedenken, Ferien

Meldungen aus der IKG

 03.01.2020