Höchst

Fernrohre in die Vergangenheit

Nur noch als Rekonstruktion sichtbar: die Höchster Synagoge

Man braucht kein Fernglas, um den Ettinghausenplatz zu überblicken. Das kleine östliche Anhängsel des wesentlich größeren Höchster Marktplatzes ist kaum größer als ein Einfamilienhaus mit Garten. Doch seit knapp einer Woche stehen tatsächlich zwei Fernrohre zwischen den windschiefen Häuschen der Höchster Altstadt südlich und der modernen Bebauung nördlich des kleinen Plätzchens. Eine Installation wie man sie auf den ersten Blick von Touristenzielen zu kennen glaubt, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied. Beide Fernrohre sind auf die Mitte des Platzes gerichtet, wo es nichts zu sehen gibt – beziehungsweise nicht mehr.

leerstelle Tatsächlich markiert der Ettinghausenplatz eine Leerstelle im ansonsten geschlossenen Stadtbild rund um den Marktplatz. Eine Wunde, die der Nationalsozialismus vor 72 Jahren geschlagen hat. Und wer durch die Sehschlitze der beiden neuinstallierten Guckrohre sieht, der blickt nicht etwa in die Ferne, sondern in die Vergangenheit. In eine Zeit, in der an der Stelle des heutigen Ettinghausenplatzes noch die Synagoge der Höchster Gemeinde stand.

Von einer »neuen Form kulturellen Gedächtnisses«, spricht Ortsvorsteher Manfred Lipp. Die Höchster Synagoge ist wieder auferstanden, wenn auch nur im virtuellen Raum. Die in den Fernrohren installierten Stereo‐Dias zeigen Außenfassade und Innenraum der Synagoge, wie sie sich aus Bauplänen, Fotografien und nicht zuletzt Zeugenaussagen haben rekonstruieren lassen. Die Klinkersteinfassade der Synagoge erinnert an die nicht weit entfernte evangelische Stadtkirche – ein Sinnbild dafür, wie gut integriert sich die jüdische Gemeinde einst fühlte.

150 Mitglieder zählte die Gemeinde als die neue Synagoge in Höchst 1905 eröffnet wurde. Es war bereits die vierte Gebetsstätte der jüdischen Gemeinde in der Frankfurter Vorstadt. Der damalige Bürgermeister Viktor Palleske versprach feierlich, dass alle Höchster stets zur jüdischen Gemeinde stehen würden. Ein Versprechen, das von seinen Nachfolgern nicht eingehalten werden sollte.

Am Morgen des 10. November 1938, nachdem in der Nacht bereits im ganzen Land jüdische Gotteshäuser in Flammen aufgegangen waren, machten sich die Nationalsozialisten auch in Höchst ans Werk. Nach der Plünderung des Innenraums, wurde die Synagoge mehrfach in Brand gesteckt. Die Überreste musste die Gemeinde auf eigene Kosten beseitigen. Später wurde auf einem Teil des Geländes ein Hochbunker errichtet, der heute zynischerweise unter Denkmalschutz steht. Der Rest bildete den Platz, der erst seit Kurzem den Namen der jüdischen Familie Ettinghausen, aus deren Reihen mehrere Gemeindevorsteher stammten, trägt.

Verlust »Solche Orte der Erinnerung gibt es viele«, sagt Architekt Marc Grellert, »und vielen fehlt es an Anschaulichkeit.« Die sinnliche Erfahrbarkeit aber, sei eine entscheidende Voraussetzung für lebendiges Erinnern. Das »Verlorene« wenigstens wieder sichtbar zu machen, hat sich Grellert zur Aufgabe gemacht. Seit 1994 arbeitet er zusammen mit Mitarbeitern der Technischen Universität Darmstadt an Computerrekonstruktionen zerstörter Synagogen in ganz Deutschland. Daraus ist im Laufe der Jahre seine Firma Architectura Virtualis hervorgegangen. Die dreidimensionalen Bilder der Höchster Synagoge sind das neueste Werk der Computerspezialisten. »Letztlich geht es darum, den kulturellen Verlust zu verdeutlichen«, betont Grellert.

Im Falle der Höchster Synagoge keine ganz einfache Aufgabe. Zwar konnten Grellert und seine Kollegen bei der Rekonstruktion der Außenfassade auf reichlich Material zurückgreifen, vom Innenraum aber existieren keinerlei bildliche Aufzeichnungen mehr. »Ohne die Schilderung von Zeitzeugen, wäre die Rekonstruktion gar nicht möglich gewesen«, sagt Grellert. Diese leben mittlerweile verstreut über den halben Erdball. Von den rund 200 Mitgliedern, die die Höchster Gemeinde 1933 zählte, konnte etwa die Hälfte fliehen. »Der Hinweis auf diese menschliche Tragödie ist entscheidend«, sagt Stefan Szajak, Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main.

An die Tragödie des 10. November und das, was darauf noch folgen sollte, erinnert in Höchst seit genau 30 Jahren die Initiative zum Gedenken an die Novemberpogrome 1938. Auf ihr Engagement ist die Benennung des bis dahin namenlosen Platzes nach der Familie Ettinghausen zurückzuführen.

Ebenso haben die Mitglieder jahrelang darum gekämpft, dass eine Plastik des Künstlers Richard Biringer, der sich 1933 den Nazis andiente, vom Platz entfernt wurde. Und auch zum virtuellen Wiederaufbau der Synagoge hat die Initiative um Sprecherin Waltraud Beck ihren Beitrag geleistet, indem sie dem Team von Marc Grellert Kontakt zu den letzten Überlebenden der Höchster Gemeinde vermittelte. »Mit dem Ergebnis sind wir sehr zufrieden«, sagt Beck.

Unvergänglich Zu Ende geführt ist die Erinnerungsarbeit im Frankfurter Vorort aber noch nicht. In zwei Jahren soll der Ettinghausenplatz umgestaltet werden. Waltraut Beck und ihre Erinenrungs‐Initiative wollen sich dafür stark machen, dass auf dem Platz die Umrisse der zerstörten Synagoge nachgezeichnet werden und im Hochbunker eine Ausstellung zur jüdischen Gemeinde Platz findet. Damit dieser Platz auch für künftige Generationen das bleibt, was der Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth schon jetzt in ihm sieht: »Ein Ort, an dem sinnfällig wird, dass Vergangenheit nicht vergeht.«

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