Porträt der Woche

Fachgebiet: Senioren

»Sprechstunde ist ab acht, mittags mache ich Hausbesuche«: Paula Altmann (59) in ihrer Praxis Foto: Judith König

Mein Beruf ist meine Berufung. Ich bin sehr gerne Ärztin und kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Morgens gegen 7.30 Uhr bin ich in meiner Praxis. Sprechstunde ist ab 8 Uhr, mittags mache ich Hausbesuche. Nachmittags – außer mittwochs – bin ich wieder in der Praxis. Dienstags von 11 bis 14 Uhr gehe ich ins jüdische Altenheim, und donnerstags bin ich von 11 bis 14 Uhr in der Budge-Stiftung.

Ich habe mich notwendigerweise auf Geriatrie spezialisiert. Ich habe viele jüdische Patienten, die inzwischen alt geworden sind, viele von ihnen sind Holocaust-Überlebende. Manche wohnen zu Hause, andere in Seniorenheimen. Alle möchten natürlich, dass ich länger bei ihnen bleibe und mehr Zeit für sie habe. Aber das geht leider nicht.

Slowakei Ich stamme aus Galanta, einer kleinen Stadt in der Slowakei, rund 50 Kilometer östlich von Bratislava. Meine Eltern waren dort bis zu ihrem Tod vor zehn Jahren zu Hause. Mein Vater war Vorsitzender der jüdischen Gemeinde und hat sich sehr darum gekümmert, dass das traditionelle Judentum dort erhalten bleibt.

Nach Frankfurt bin ich wegen meines Mannes gekommen. Als ich Mitte der 80er-Jahre während einer Reise in den Westen auch hier Station machte, lernte ich ihn kennen. Es hat sofort zwischen uns gefunkt, und fünf Monate später haben wir geheiratet. Mein Mann hat denselben Background wie ich, er stammt auch aus der Slowakei, ist sogar ein Kohen und durfte nur eine Frau wie mich heiraten. Ich wünsche mir, dass auch unsere Kinder den Weg gehen, den wir eingeschlagen haben. Es gibt ein jüdisches Sprichwort: Du hast deine Kinder gut erzogen, wenn deine Enkelkinder auch jüdisch sind.

Als ich mit meinem Mann über die Ehe sprach, machte ich ihm deutlich, dass ich gern Kinder hätte, aber auch berufstätig bleiben möchte. Wir haben zwei Söhne: André ist 26 Jahre alt und arbeitet seit einem Jahr als Arzt in der Schweiz. Er ist auch Allgemeinmediziner, das hat er halt von zu Hause mitbekommen. Und Daniel ist 25 Jahre alt, hat die Hotelschule beendet und arbeitet seit Dezember in einem Berliner Fünf-Sterne-Hotel. Ich bin jetzt in einer Situation, die für eine jüdische Mamme ganz schwer auszuhalten ist: Die Kinder sind aus dem Haus.

Westend Ich kam mit einem ziemlich schweren Herzen nach Frankfurt. In der Slowakei hatte ich meine Familie und meine Freunde, hatte mir dort eine Existenz aufgebaut und arbeitete in einer eigenen Praxis. In Frankfurt musste ich bei null anfangen, wie so viele Einwanderer aus dem Osten. In den ersten Jahren nach meiner Ankunft habe ich im Krankenhaus gearbeitet. 1991 übernahm ich eine Praxis im Westend. Es war alles nicht einfach. Ich war hier fremd, ich war unbekannt, ich musste mich beruflich behaupten. Ohne meinen Mann hätte ich es nicht geschafft.

Inzwischen bin ich hier zu Hause und habe einen großen Bekanntenkreis und etliche Freundinnen, die zwischen 30 und 90 Jahre alt sind. Jeden zweiten Dienstag im Monat treffen wir uns zu einem Gesprächskreis mit dem Rabbiner. Ich habe diese Gruppe vor zehn Jahren gegründet, inzwischen sind wir zehn bis 15 Frauen. Ich sende allen Teilnehmerinnen ein paar Tage vorher eine SMS und frage, wer beim nächsten Mal dabei sein wird. Wir treffen uns im Hobbykeller einer Freundin, jeder bringt eine Kleinigkeit zu essen mit. Wir tauschen uns über religiöse Themen aus und essen zusammen.

Theater Mit einer anderen Gruppe treffen mein Mann und ich uns samstagabends. Wir sind neun Paare aus Frankfurt, die gemeinsam ins Kino oder ins Theater gehen. Davor oder danach essen wir etwas im Restaurant. Ich schaue am Donnerstag, was es am Wochenende im Kino oder Theater gibt, und reserviere Karten.

Ich hatte viel Glück im Leben: einen guten Mann, der mich unterstützt hat, und eine Kinderfrau, der ich vertrauen konnte. Wenn mir Gott weiterhin Gesundheit schenkt, dann will ich noch lange arbeiten. Meinen Patienten zuzuhören und mich ihnen zu widmen, bereitet mir Freude. Ich liebe Menschen!

kosmopolitin Manchmal werde ich gefragt, was ich tue, um fit zu bleiben. Nun, ich treibe keinen Sport, aber renne im Alltag viel herum, steige Treppen hinauf und hinunter, bin den ganzen Tag auf Trab. Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich manchmal erschöpft. Ich höre dann Nachrichten und informiere mich über das Weltgeschehen. Ich bin ein politisch sehr interessierter Mensch. Das habe ich vermutlich von meinem Vater, er war auch so.

Ich bin eine Kosmopolitin, aber auch sehr traditionell. Meine religiöse Ausrichtung bezeichne ich als modern-orthodox. Ich bin jeden Samstag ab 10.30 Uhr in der Synagoge. Das habe ich mir angewöhnt, als die Kinder klein waren. Ich wollte, dass sie in die Synagoge gehen. Es wäre schwierig gewesen, selbst im Bett zu bleiben und die Kinder in die Synagoge zu schicken.

Am Samstag fahre ich nicht mit dem Auto, ich telefoniere nicht, und es ruft mich auch niemand an, um mit mir zu plaudern. Klingelt das Telefon doch, weiß ich, dass es etwas Ernsthaftes ist. Wenn ein Patient am Samstag Hilfe braucht, mache ich mich selbstverständlich auf den Weg zu ihm, aber zu meinem Vergnügen fahre ich nicht irgendwo hin. Manche meinen, ich sei fromm. Ich selbst sehe das anders, denn ich halte mich nicht an alle Regeln. Das wäre schwer umzusetzen. Ich würde es so sagen: Ich bin sehr traditionell und versuche, Arbeit und Tora zusammenzubringen.

In der Slowakei habe ich nicht verheimlichen müssen, dass ich Jüdin bin, und hatte damit auch nie Probleme. Ich kehre mein Judentum allerdings auch nicht nach außen. Wenn mich aber jemand danach fragt, dann stehe ich selbstverständlich dazu. Ich würde jedoch nie einen Davidstern tragen, mein Jüdischsein habe ich in mir. Meine Söhne sind da ganz anders: Wenn sie Bewerbungen geschrieben haben, dann haben sie immer mitaufgeführt, dass sie Juden sind.

Kochen In meiner Freizeit koche ich gerne. Um Pessach herum mache ich meine Praxis zu und verbringe viel Zeit in der Küche. Ich habe oft viele Gäste. Wenn meine Jungs an den Feiertagen kommen, bringen sie auch Freunde mit. Uns einzuladen, ist hingegen schwieriger, weil wir koscher essen. Aber ich bin nicht fanatisch. Ich esse woanders kein Fleisch. Unsere Freunde wissen das, und dann gibt es Fisch oder andere Gerichte, wenn wir mit am Tisch sitzen.

Am zweiten Mittwoch im Monat gehe ich nachmittags zu einem Treffen der WIZO-Frauen. Eine Funktion kann ich bei der Organisation nicht übernehmen, dafür habe ich keine Zeit. Ich engagiere mich für den jährlichen Basar, mehr schaffe ich als Berufstätige nicht.

Was ich in meiner Freizeit auch gern tue, ist: Bummeln in Einkaufsmeilen und Shopping-Malls. Das mache ich, ehrlich gesagt, lieber, als dass ich in der Natur bin. Ich muss nichts kaufen – bummeln und alles anzuschauen reicht mir. Das ist für mich wie Psychotherapie. Shoppen tue ich meist auf Reisen. Mein Mann und ich, wir sind beide selbstständig und haben nicht viel Urlaub. Dafür sind die Reisen aber umso intensiver. Wir machen gerne Kreuzfahrten, sind aber meist nicht länger als zehn Tage weg. Demnächst fliegen wir nach Brasilien, von da geht’s weiter mit dem Schiff.

Unglaublich, dass ich in diesem Jahr 60 Jahre alt werde. Zu meinem Geburtstag möchte ich eine große Feier vorbereiten, aber statt Geschenken bitte ich um Spenden für die WIZO. Meine Gäste sollen mir helfen, anderen zu helfen!

Aufgezeichnet von Canan Topçu

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