Düsseldorf

Esspapier statt Mazze

Genauso trocken: Esspapier hat Ähnlichkeit mit dem ungesäuerten Brot. Foto: Alexandra Umbach

Genüsslich tunken 120 Kinder gleichzeitig Erdbeeren in Schalen mit flüssiger Schokolade und beißen mit großem Spaß in die tropfende Süßigkeit. Was sich da am Sonntag im jüdischen Schulzentrum in Düsseldorf tat, sah auf den ersten Blick wie ein riesiger Kindergeburtstag aus: An langen Tischreihen saß sich der Nachwuchs aus Jugendzentren von Wuppertal, Krefeld, Aachen, Duisburg und Düsseldorf gegenüber – und vor sich hatten Kinder und Betreuer allerlei Leckeres, von Esspapier bis zum Schoko‐Osterhasen mit Glöckchen.

Gefeiert wurde zwar, aber kein Geburtstag. Das Ganze war sozusagen ein Probe‐seder, eine Vorbereitung auf den Pessach‐Auftakt am 29. März. Der Ablauf des Festes ist ja nun mal recht kompliziert, langwierig, voller tiefgründiger historischer Symbolik und gerade für Kinder schwer zu durchschauen. Lüba und Julia sind beide 10 Jahre alt und kommen aus Duisburg. Sie wissen, dass es bei der Zeremonie um »etwas mit Israel« geht, das »schon lange her ist«. Nach etwas Hilfe durch Betreuerin Nadja fällt dann das Stichwort »Auszug aus Ägypten«.

eingeladen Um den Ablauf der Sederfeier kindgerecht durchzuspielen und dem Nachwuchs aus verschiedenen Städten Gelegenheit zum Kennenlernen zu geben, hatten das Jugendreferat des Landesverbands der Gemeinden von Nordrhein und das Düsseldorfer Jugendzentrum Kadima den »Sweet Seder« organisiert. Jean Bernstein und Valentina Medvedeva vom heimischen Jugendzentrum fungierten am Kopf der Tafel als Gastgeber, führten durch die Zeremonie und erläuterten die vielen Besonderheiten.

Los ging es ganz traditionell mit der Suche nach Gesäuertem. In diesem Fall mussten die Kinder versteckte Buchstaben finden, die – in die richtige Reihenfolge gebracht – »Chamez« ergaben. Die Buchstaben als Zeichen für die letzten Reste von Gesäuertem wurden dann weggeworfen. Die klassischen Seder‐Nahrungsmittel hatten die Betreuer durch diverse Leckereien ersetzt. In jedem Fall wurde erklärt, um was es sich handelt und was es damit auf sich hat. Als Ersatz für Karpass (Erdfrüchte) dienten die Erdbeeren, von denen die Betreuer knapp acht Kilogramm eingekauft hatten. »Als Sklaven in Ägypten konnten wir uns kein frisches Obst leisten. Daher sind frische Früchte ein Zeichen von Freiheit«, erläuterte die Düsseldorferin Shira Fleisher. Das konnten die Kinder nachvollziehen. Beim Biss in die Erdbeere sollten die Jungen und Mädchen bedenken: »So schmeckt die Freiheit«. Die Schokosoße stellte das Salzwasser da, und statt Bitterkraut (Maror) stand Zartbitterschokolade zur Verfügung. Gesottene Eier wurden kurzerhand durch Überraschungseier ersetzt, statt Charosset gab es Nuss‐Schokocreme und statt Lammkeule Schokohasen in Goldfolie. Die Rolle der Mazze spielte Esspapier, und statt des Weins standen vier Saftsorten zur Verfügung.

Reihenfolge und Vorschriften wurden genau eingehalten, eine Haggada per Beamer auf eine Leinwand projiziert. Vor dem Eintunken der Erdbeeren durfte daher auch der gemeinsam gesprochene Kiddusch‐Segen nicht fehlen. Natürlich durften sich die Kinder beim Essen anlehnen, schließlich ist auch die Bequemlichkeit ein Symbol der Freiheit. Als Höhepunkt erwies sich dann ein Schoko‐Fondue, bei dem unter anderem klein geschnittene Bananen, Äpfel und Kiwis tief in die dunkelbraune Soße getaucht und verspeist wurden. Zwischendurch standen auch immer wieder Spiele auf dem Programm. So musste etwa der Afikoman, das versteckte Mazze‐Stück, gefunden werden, wofür eine Belohnung winkte.

entdeckt Mit dem Probe‐Seder wollen die Organisatoren beim Nachwuchs Verständnis für die jüdische Tradition wecken und einüben. Viele der Kinder kommen aus russischsprachigen Zuwandererfamilien, die erst vor Kurzem ihre jüdische Identität für sich wiederentdeckt haben. Außerdem war diese Nachhilfestunde in Jüdischkeit durchaus erschwinglich: Pro Kind waren gerade mal drei Euro fällig.

Der Sweet Seder ist Teil eines Projekts, das die Jugendzentren der Nordrhein‐Gemeinden durchführen. Zu den jüdischen Feiertagen wollen sie zentrale, thematisch passende Jugendveranstaltungen jeweils in einer anderren Gemeinde anbieten. »Purim in Duisburg war ein großer Erfolg«, berichtet Jugendreferent Gabriel Goldberg, der auch mit dem Ablauf der Seder‐Generalprobe äußerst zufrieden war.

Gute drei Stunden dauerte die Veranstaltung in Düsseldorf, am Ende waren aus den jungen Teilnehmenr richtige Seder‐Experten geworden – außerdem waren sie pappsatt und ihr Süßigkeitsbedarf wohl über Wochen erst einmal gedeckt.

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