Bildung

Es muss nicht immer Abi sein

Alles unter einem Dach: Von der Gemeinschaftsschule können Kinder auch aufs Gymnasium wechseln. Foto: Thinkstock

Bildung

Es muss nicht immer Abi sein

Die Gemeinde will mit einer Gemeinschaftsschule eine Alternative zum Gymnasium anbieten

von Christine Schmitt  23.10.2012 08:12 Uhr

Kinder sollen in der Oberschule Hebräisch lernen, mit der jüdischen Tradition aufwachsen und eine jüdische Bildungseinrichtung besuchen – das sei der Wunsch fast aller Eltern, den Carola Melchert-Arlt, Bildungsdezernentin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, regelmäßig in ihren Sprechstunden hört. Nicht alle Kinder erhalten nach der sechsten Klasse eine Empfehlung für ein Gymnasium, sondern etlichen wird die Sekundarschule nahegelegt. In Berlin gibt es zwar drei jüdische Grundschulen und zwei Gymnasien, aber keine Sekundarschule. Wohin also mit Schülern, die nach der sechsten Klasse auch schlechtere Zensuren auf ihren Zeugnissen haben?

Die Herbstferien sind vorbei, und in wenigen Wochen fallen für die derzeitigen Sechstklässler die Würfel. Auch Melchert-Arlt macht Pläne für das nächste Schuljahr: Sie möchte eine Gemeinschaftsschule als Zweig der Heinz-Galinski-Schule einrichten. Einen Standort gibt es bereits in der Oranienburger Straße. Dort gebe es vier Klassenräume, die notwendigen Nebenräume und eine Turnhalle. Die Klassen sieben bis zehn sollen dort unterrichtet werden.

Anschließend haben die Schüler, die Möglichkeit, auf das Jüdische Gymnasium – Moses Mendelssohn zu wechseln, das nur ein paar Hundert Meter weiter in der Großen Hamburger Straße sein Schulgebäude hat.

Konzept Das trug Carola Melchert-Arlt auf der jüngsten Repräsentantenversammlung vor. Sie sei mit dem Konzept bei der Berliner Schulsenatorin, Sandra Scheeres (SPD), gewesen, die das Projekt unterstützen würde. Bereits jetzt hätten ihr mehrere Eltern mitgeteilt, dass sie großes Interesse haben, ihre Kinder in einer Gemeinschaftsschule anzumelden. Die Räume liegen im hintersten Gebäude nahe der Turnhalle. Der Einzug könne sofort beginnen. Tische und Stühle gebe es auch schon – aus dem Bestand des Berliner Senats. Denn wenn eine andere Schule aufgelöst wird, kann deren Einrichtung übernommen werden.

Lehrer und Erzieher sollen unter anderem von der Heinz-Galinski-Schule und dem Gymnasium gestellt werden. Die Gemeinschaftsschule sei eine »tolle Idee«, lobt Noga Hartmann, Leiterin der Heinz-Galinski-Schule. Vor allem für Kinder, die sich etwas langsamer entwickeln, sei dieses Modell eine große Chance.

Platzmangel »Die Gemeinschaftsschule ist genau das Richtige, wir brauchen sie«, meint auch Heide Michalak, Leiterin der Jüdischen Traditionsschule Or Avner und des Gymnasiums am Spandauer Damm. Sie freue sich für die jüdischen Schüler.
Platzmangel »Die Gemeinde ist eine Einheitsgemeinde, deshalb hoffe ich, dass die Schule auch für Kinder aus traditionellen Familien eine Lösung ist.« Heide Michalak hat in diesem Sommer erlebt, dass zwei Siebtklässler das Probejahr nicht bestanden und das Gymnasium der Jüdischen Traditionsschule verlassen mussten. »Es war eine schwierige Situation.« Hinzu kam, dass diese Kinder in die achte Klasse einer Sekundarschule versetzt wurden, es aber kaum Plätze für sie gab.

Auch Barbara Witting, Leiterin des Jüdischen Gymnasiums – Moses Mendelssohn, findet lobende Worte. »Ich begrüße es, wenn die Jüdische Gemeinde die Gemeinschaftsschule auf die Beine stellt.« Alle Kinder müssen die Möglichkeit haben, jüdische Bildung zu bekommen – unabhängig von ihren Begabungen. Ihr Kollegium und sie hätten es sehr bedauert, als sie wegen der Schulreform die Realschule aufgeben mussten, da sie keine Sondergenehmigung erhielten. Sie hätten damals erfolgreich gearbeitet, und 50 Prozent der Realschüler hätten das Abitur an der Schule erreicht.

Dass ein Kind das erste Jahr nicht besteht, komme bei ihnen sehr selten vor. »Wir haben 24 Kinder in einer Klasse und bemühen uns um jedes Einzelne.« Drei Klassen des Jüdischen Gymnasiums sind seit einiger Zeit in der Oranienburger Straße untergebracht, da das Gebäude an der Großen Hamburger Straße zu klein geworden ist. Dort wäre die Gemeinschaftsschule und des Gymnasiums zusammen.

Schulreform
Das Land Berlin hat sich mit der Reform im Jahr 2010 für ein zweigliedriges Schulsystem im Anschluss an die Grundschule entschieden: für die Integrierte Sekundarschule und das Gymnasium. Als Pilotprojekt starteten die Gemeinschaftsschulen in Berlin im Schuljahr 2008/09. Die Gemeinschaftsschule hat Modellcharakter und sei daher, laut Senat, keine eigene Schulart. Die Schüler bilden von der ersten Klasse an eine Gemeinschaft und können bis zum Mittleren Abschluss zusammen lernen. Die Gemeinschaftsschule ist gleichzeitig eine Ganztagsschule. Im Schuljahr 2008/09 begannen 15 Schulen ihre Arbeit nach diesem Modell.

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