Stuttgart

Erstes Konzert seit 1933

Festlicher Rahmen: Philipp Vitkov (o.) und das Orchester stellen sich vor. Foto: Werner Kuhnle

Applaus. Philipp Vitkov schaut verwirrt zum Publikum, dann zum Dirigenten. Der legt den Finger vor den Mund: Ruhe, bitte! Der 15-jährige Pianist hatte nur die Satzpause genutzt, um seine Noten umzublättern, jetzt kann er nicht weiterspielen, weil die Zuschauer klatschen. Sie klatschen zu Recht, aber im falschen Moment. Gelächter, als sie den Fehler bemerken, dann ist wieder Ruhe. Dirigent Felix Roth hebt den Taktstock, das Orchester und Philipp Vitkov können weiterspielen.

Begeisterung Man kann den Menschen, die am Sonntagabend in der Stuttgarter Liederhalle sitzen, ihre Begeisterung nicht verübeln – das letzte Konzert des jüdischen Kammerorchesters liegt schließlich schon knapp 80 Jahre zurück. Erst jetzt war es möglich, genügend Musiker zusammenzubringen, um wieder zu proben und aufzutreten. Und zum ersten Mal gemeinsam vor Publikum gespielt haben die rund 40 Musiker im Rahmen einer Feier der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW), anlässlich des 20. Jubiläums jüdischer Zuwanderung nach Deutschland.

Passender hätte der erste Auftritt nicht platziert sein können. Zuwanderung schafft neues Leben, das betonten die Redner des Abends immer wieder: in den Städten ebenso wie in den jüdischen Gemeinden. Im Fall des jüdischen Kammerorchesters der IRGW hat die Zuwanderung etwas Besonderes geschafft: Sie hat etwas wiederbelebt, was beinahe 80 Jahre lang nicht existierte.

Auflösung Das letzte Mal hat das ehemalige Orchester 1933 gespielt. Heute weiß man darüber nicht mehr viel. Es war klein, sagt die Stuttgarter Pianistin Margarita Volkova-Mendzelevskaya: »ein paar Celli, ein paar Geigen«. Offiziell verboten worden sei es nicht, es habe sich einfach aufgelöst. »Manche Musiker sind ausgewandert aus Angst vor den Nazis, manche wurden ermordet«, erzählt sie.

Jahrzehntelang fand sich keine Chance auf einen Neuanfang: Es gab einfach zu wenige Juden in Deutschland, in der Stuttgarter Region, um genügend Mitglieder zusammenzubekommen. Doch 20 Jahre, nachdem Juden aus der gerade aufgelösten Sowjetunion in Deutschland willkommen geheißen wurden, sind die Gemeinden gewachsen und groß genug, um unter ihnen genügend Musiker zu finden.

Im Sommer dieses Jahres ging dann alles ganz schnell. Innerhalb weniger Monate bildete sich das Orchester aus dem Nichts. Angestoßen und organisiert wurde die Wiedervereinigung von Margarita Volkova-Mendzelevskaya, die in Stuttgart eine Klavierschule leitet. Sie ist engagiert bei der Sache, wenn es um jüdische Musiker geht: 2007 hat sie den Karl-Adler-Musikpreis mit initiiert, der jüdische Nachwuchstalente fördert. »Es war schon immer mein Traum, dieses Orchester neu zu gründen«, erzählt sie. Lange blieb er unerfüllt. »Ich hatte null Musiker und null Verbindungen.«

Pragmatismus Doch irgendwann wurde der Traum drängender. Es begann mit einem Versprechen. Den besten Teilnehmern des Karl-Adler-Musikpreises wurden in diesem Jahr Auftritte mit einem Kammerorchester in Aussicht gestellt, doch die Festspielleiterin fand keine freien Plätze für die talentierten jungen Musiker. Ein Gespräch mit ihrem Bekannten Fritz Roth brachte dann den Anstoß: »Er hat mir gesagt: Sie haben in den vergangenen Jahren so wunderbare Musiker durch diesen Preis entdeckt, warum nehmen Sie nicht die?«, erzählt Volkova-Mendzelevskaya.

Als sie Fritz Roth dann fragte, ob er das Orchester leiten würde, sagte er zu. Mit einer Einschränkung: »Ich suche mir die Musiker nicht selbst zusammen. Ich leite, aber der Impuls muss aus der jüdischen Gemeinde kommen.« So schrieb die Musikpädagogin an die Gemeindemitglieder und eigene Bekannte und brachte Musiker zusammen.

Profis Nur als später ein paar Stühle aus ihren Quellen partout nicht zu besetzen waren, half Roth mit seinen Kontakten aus und füllte die Reihen des Orchesters auf. Dort sitzen nun Profis wie Evgeni Zhuck, der auch im Stuttgarter Staatsorchester die erste Geige spielt. »Ich konnte es nicht fassen, dass er tatsächlich zugesagt hat«, sagt die Musikpädagogin und schüttelt noch immer ungläubig den Kopf.

Auch Fritz Roth staunte nicht schlecht, als er sah, wen Volkova-Mendzelevskaya da zusammengetrommelt hatte. »Alles Profis, die Leute sind zum Teil wirklich erste Sahne!«, sagt er. Musiker, die in den großen Orchestern Osteuropas gespielt haben, treffen sich nun in Stuttgart. »Da wusste ich: eine Probe vor dem Konzert reicht aus, die spielen die Stücke vom Blatt.« Selbst die drei jungen Karl-Adler-Preisträger und Solisten, Philipp Vitkov am Klavier, der Klarinettist Jakov Galperin und die Sopranistin Enni Gorbonosova, machten ihre Sache ausgesprochen gut. »Sie hatten überhaupt keine Sommerferien, sie haben nur geübt«, sagt die Organisatorin. »Ich bin so stolz!«

geld Was fehlt, ist finanzielle Unterstützung. Alle Mitwirkenden spielen zurzeit ehrenamtlich. »Zumindest Fahrgeld sollten wir irgendwann bezahlen können«, sagt Fritz Roth. Schließlich kommen nicht alle direkt aus Stuttgart, sondern aus dem ganzen Land. Auch Volkova-Mendzelevskaya weiß: »Das kann nicht lange gut gehen.« Sie ist überzeugt, aus dem Orchester eine dauerhafte Institution machen zu können, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Was die Mitglieder des Orchesters betrifft, stimmen die Bedingungen. Viktor Shereschevski ist Violinist und zweiter Konzertmeister und findet gar nicht genug Lob für die umtriebige Frau Volkova-Mendzelevskaya. »Wenn sie nicht aus Russland nach Deutschland gekommen wäre, gäbe es den Wettbewerb nicht und auch kein Orchester. Ich verbeuge mich vor ihr.«

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