Lichtigfeld-Schule

Eröffnung in aller Stille

Stark in jüdischer Identität: Schüler der Frankfurter Lichtigfeld-Schule Foto: Rafael Herlich

Wenn die Eltern am Montag ihre Sprösslinge am Schulgebäude des Philanthropin in Frankfurt abliefern, wird kaum einem unter ihnen bewusst sein, welch bedeutungsvolles Datum dieser 18. April ist und welch unwahrscheinliches Glück sie haben, ihren Kindern eine Schullaufbahn im Schoße der jüdischen Gemeinschaft ermöglichen zu können, dazu noch eine so hervorragend qualifizierende.

Es ist nämlich auf den Tag genau 50 Jahre her, dass am 18. April 1966 die I. E. Lichtigfeld-Schule in Frankfurt/Main eröffnet wurde, und es war durchaus nicht selbstverständlich, dass diese Schulgründung erfolgreich sein würde. Weil im Land damals heftig um die (Nicht-)Zulassung von Konfessionsschulen gerungen wurde, fürchtete das Ministerium einen Präzedenzfall und knüpfte die Genehmigung an den offiziellen Hinweis, dass es sich um eine »Ausnahmeschule« handele, die mit »keinerlei finanzieller Hilfe« rechnen könne.

»Zartes Pflänzchen« Bedenken wurden aber auch innerhalb der Gemeinde laut: Ist es richtig, sich nach außen als Juden zu erkennen zu geben? Wird es antisemitische Reaktionen provozieren? Führt eine solche Schule nicht zu einer Ghettoisierung? Deshalb wurde die Eröffnung in aller Stille begangen. Den Verantwortlichen war bewusst, wie fragil diese Schulgründung war. Als »Experiment« und »zartes Pflänzchen, das noch viel begossen werden muss«, beschrieb Landesrabbiner Isaak Emil Lichtigfeld sie.

Er hatte verstanden, dass jüdisches Leben in Frankfurt mittlerweile kein Provisorium mehr war, und hatte die Schulgründung forciert. Die Gemeindekinder sollten nicht mehr in einer von vielen als feindlich wahrgenommenen Umwelt aufwachsen müssen, sondern im geschützten Raum eine prägende jüdische Erziehung sowie Selbstbewusstsein erhalten können. Niemand sollte mehr gezwungen sein, seine Kinder im Ausland ins Internat zu schicken, wenn er Wert auf eine jüdische Schulbildung legte. 30 Kinder wurden in Klasse 1 und 2 aufgenommen, vier davon nichtjüdisch. Bewusst wurde entschieden, dass jüdische und nichtjüdische Kinder gemeinsam erzogen werden sollen.

Heute kennen wir die Erfolgsgeschichte der nach dem charismatischen Rabbiner benannten Frankfurter Lichtigfeld-Schule. Die erste Schulleiterin, Ruth Moritz, führte sie erfolgreich 26 Jahre lang. Mit ihrem hoch engagierten Lehrerteam erreichte die Schule einen hervorragenden Ruf, öffnete sich dem nichtjüdischen Umfeld und entwickelte neue Schultraditionen. Bald wurde wegen der wachsenden Schülerzahl das Schulgebäude neben der Synagoge zu klein.

GUS Mit dem Umzug 1986 in das Gemeindezentrum in der Savignystraße präsentierten sich Gemeinde und Schule selbstbewusst als im Herzen der Stadt beheimatete Gemeinschaft. Lehrer-, Eltern- und Schülerschaft nahmen bald darauf, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, ganz selbstverständlich die Kinder der Migranten aus den Ländern der GUS in ihrer Mitte herzlich auf und wurden zu ihren Integrationshelfern. Durch die Einrichtung von Eingangs- und Förderstufe verlängerte sich die Verweildauer der Kinder an der Schule und damit die Möglichkeit, sie in ihrer jüdischen Identität zu stärken. Man war angekommen.

Es war vorgezeichnet, dass dieser Erfolgskurs sich fortschreiben ließe, als ich 1992, nach 20-jähriger Dienstzeit an staatlichen Schulen, die Leitung der Lichtigfeld-Schule übernahm, denn die Corporate Identity und die Aufbruchstimmung bei Träger, Lehrern und Eltern waren überdeutlich. Gemeinsam schärften wir das jüdische Schulprofil, implementierten jüdische Inhalte in profane Fächer, öffneten uns mehr und mehr der Frankfurter Schullandschaft, spezialisierten uns im Förderbereich, erteilten Medienerziehung, boten neben Hebräisch noch weitere Fremdsprachen an, gewannen Preise und Achtung und wurden eine »Schule im Trialog«.

Und trotzdem hatte die Vergangenheit nachhaltig Spuren hinterlassen: Lange sah ich mich nicht in der Lage, Namenslisten unserer Kinder zur Überprüfung des Förderbedarfs dem Staatlichen Schulamt zu übergeben, eine Selbstverständlichkeit damals. Namenslisten jüdischer Kinder einer deutschen Behörde aushändigen: Ich konnte es einfach nicht. Plötzlich war die 20 Jahre lang eingeschliffene Routine meines Lehreralltags nicht mehr selbstverständlich, und viele zuvor vertraute Entscheidungen musste ich erneut überdenken und die Konsequenzen neu abwägen.

Schulamt Es ist der unerwartet feinfühligen Reaktion aller im Staatlichen Schulamt zu verdanken, dass jedes Mal eine konstruktive Lösung gefunden wurde und sich eine wirklich großartige, vertrauensvolle Zusammenarbeit entwickelte.

2006 zog die Schule – um eine gymnasiale Mittelstufe erweitert – in das Gebäude des Philanthropin. Erst jetzt knüpften wir wirklich an die Traditionen der beiden großen Frankfurter Schulen der Vorkriegszeit an, des Philanthropin und der Samson-Raphael-Hirsch-Schule, eine spannende und bereichernde Aufgabe. Fast eine Lebensaufgabe, aber dazu blieb keine Zeit.

Neue Herausforderungen stellen sich heute: Die Lichtigfeld-Schule strebt eine gymnasiale Oberstufe an. Und ich bin sicher: Wieder wird das Lehrhaus ein Haus der Lernenden werden – Schulleitung, Lehrkräfte, Eltern und Schüler werden um das erweiterte Profil ringen und dazulernen, weiter in dem rasanten Tempo der vergangenen 50 Jahre. Von null auf 100 in 50 Jahren – das soll uns mal einer nachmachen!

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