Warschauer Ghetto

Erinnerung an den Aufstand

Musikalische Würdigung: Jugendliche aus der IKG erinnerten am Jom Haschoa an die Opfer des Holocausts. Foto: Marina Maisel

Zum Jom Haschoa versammelten sich die Münchner Gemeindemitglieder zu einem tief beeindruckenden Abend in der Hauptsynagoge Ohel Jakob. Der IKG, federführend durch das Kulturzentrum, war es gelungen, den Zeitzeugen Feliks Tych für einen Vortrag zu gewinnen. 1996 übernahm er die Leitung des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau und konzentriert sich seitdem vor allem auf die Geschichte der Schoa und ihre Folgen.

Für die feierliche und besinnliche Stimmung bei der vom Jugend- und Kulturzentrum der IKG organisierten Veranstaltung hatten insbesondere die Jugendlichen vom Jugendzentrum Neshama und der ZJD München mit Liedern und Zitaten jüdischer Widerstandskämpfer gesorgt.

würde Die Kämpfer des Aufstands im Warschauer Ghetto seien sich bewusst gewesen, dass sie den Kampf nicht gewinnen konnten, berichtete Tych. Aber sie wollten »offen kämpfend in Würde sterben und möglichst in dem Bewusstsein, wenigstens einige oder mehrere Mörder ihrer Angehörigen getötet zu haben«.

Dazu passte gut das jiddische Lied von Hirsch Glik, das schnell zur Hymne des jüdischen Widerstands wurde: »Sage niemals, dass du den letzten Weg gehst. Wenn auch bleierner Himmel den blauen Tag verdeckt. Kommen wird noch unsere erträumte Stunde. Dröhnen wird unser Schritt. Wir sind da!«

Seinen Vortrag hatte Tych unter das Motto »Die Niedertracht der einen – der Heldenmut der anderen« gestellt. Ersteres hatte er selbst erlebt, der Heldenmut anderer hatte ihn überleben lassen. Denn kurz vor der Deportation aus Radomsko ins Vernichtungslager Treblinka ließen ihn seine Eltern nach Warschau zu seiner im Untergrund lebenden Schwester bringen. Er überlebte dort dank der polnischen Gymnasiallehrerin Wanda Koszutska mit gefälschten Papieren als deren verwaister Neffe. Sie wurde von Yad Vashem als »Gerechte unter den Völkern« geehrt.

Ghetto Eigentlich hätte Tych am 1. September 1939 sein fünftes Schuljahr beginnen sollen. »Doch bis zum Ende der deutschen Besatzungszeit ging ich nicht mehr zur Schule. Das Dritte Reich hatte mit jüdischen Kindern anderes vor«, so Tych. Noch in Radomsko erlebte der damals Zehnjährige den Einmarsch der Wehrmacht und das dortige Ghetto, bis ihn seine Eltern nach Warschau schickten. Dass er sie »beim Abschied zum letzten Mal sah – mit dieser Möglichkeit rechnete niemand«. Seine Eltern wurden in Treblinka ermordet.

In Warschau konnte Tych sich als scheinbar polnischer Junge frei bewegen. Seine blonden Haare und hellen Augen erhöhten für ihn und seine Retter die Überlebenschance. »Ich war oft und viel unterwegs. Dabei zog mich ständig die Ghettomauer an. Ich fühlte die Verbundenheit und dachte über das Leben dieser Menschen hinter der Mauer nach.«

Wie es zum Ghetto kam, berichtete Tych in einem historischen Abriss: Vor dem Einmarsch der Deutschen lebten in Warschau knapp 375.000 Juden, etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung. »Sie wohnten überall in der Stadt, wenn auch am häufigsten im Judenviertel. Dieses war jedoch kein Ghetto, wie antisemitische Parteien es damals erfolglos gefordert hatten.«

An der Verteidigung Warschaus »nahmen selbstverständlich auch die jüdischen Warschauer als Soldaten sowie als zivile Freiwillige teil. Zu ihnen gehörten auch zwei meiner Brüder«, betonte Tych. Am 28. September erfolgte die Kapitulation. Am 5. Oktober kam Hitler zur Siegesparade.

mauern Bereits Anfang November sollte ein Ghetto errichtet werden, doch erst im Sommer 1940 wurde die Mauer gebaut: 18 Kilometer lang, größtenteils aus Ziegelsteinen bestehend, drei Meter hoch und oben zusätzlich mit Glasscherben und einem ein Meter hohen Stacheldrahtzaun bewehrt. Es gab 22 Ein- und Ausgänge. Ab dem 16. November 1940 konnte niemand mehr das Ghetto ohne Erlaubnis verlassen oder betreten. 138.000 jüdische und 118.000 nichtjüdische Personen mussten binnen weniger Wochen ihre Wohnungen wechseln.

Das Ghetto bedeutete eine unvorstellbare Enge: Auf fünf Prozent der Stadtfläche musste rund ein Drittel der Bevölkerung leben: »Es mangelte an allem, was zum Überleben nötig war – Lebensmittel, Wohnraum, Hygienemittel, Heizmaterial und Medikamente«, erinnerte sich Tych. In den 20 Monaten, in denen das Ghetto bestand, starben dort mindestens 150.000 Menschen. Die erste Deportation ins Vernichtungslager Treblinka begann im Juli 1942.

widerstand Im Ghetto gab es Geheimorganisationen, die sich für den bewaffneten Widerstand entschieden hatten. Darunter waren die linke Jüdische Kampforganisation, der konservative Jüdische Militärverband, der Bund, die Poale Zion mit ihrer Jugendorganisation Dror, Hashomer Hatzair und Hechaluc, die religiöse Misrachi-Partei und das im November 1942 gegründete Jüdische Nationalkomitee. Vom 19. April bis in den Juni 1943 dauerten die Kämpfe, die mit der Sprengung der Warschauer großen Synagoge offiziell endeten.

Davon und wie es innerhalb des Ghettos aussah, erfuhr der junge Feliks Tych im Haus seiner polnischen Ziehmutter. »Der Ausbruch des Aufstands berührte die Menschen, mit denen ich zusammenlebte, zutiefst. Über dem brennenden Ghetto hing eine riesige Rauchwolke. Man hörte Explosionen und Schüsse. Als ich einmal eine Straße unmittelbar am Ghetto entlangging, sah ich brennende Häuser im Ghetto, aus deren oberen Stockwerken Menschen sprangen.«

»Die Erinnerungen, auch wenn sie uns teilweise längst bekannt sind, bleiben erschütternd. Je mehr wir uns kundig machen, umso schwieriger wird es, das zu ertragen« – Gemeinderabbiner Arie Folger traf mit diesem Dankeswort das Gefühl vieler Anwesender.

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