Gespräch

»Er kann nicht anders, als den Sparkurs beibehalten«

»Ich hätte manchmal konsequenter durchgreifen müssen«: Michael Joachim Foto: Mike Minehan

Herr Joachim, Sie waren vier Jahre lang Vorsitzender des Präsidiums der Repräsentantenversammlung (RV) der Jüdischen Gemeinde. Im neuen Parlament gehören Sie zur Opposition. Wie wollen Sie zukünftig Ihre Arbeit gestalten?
Sie wird auf wenigen Schultern liegen – ich fürchte, wir werden mehr oder weniger nur zu fünft sein. Aber wir werden hart nachfragen und nachbohren. Ich rechne jedoch nicht mit kurzfristigen Erfolgen.

Ihr früheres Bündnis Atid hatte nach zwei Jahren Legislaturperiode keine Mehrheit mehr. Welche Beschlüsse hätten Sie noch gerne durchgebracht?
Die neue Versorgungsordnung, weil sie der Schlüssel zu allen Sparmaßnahmen ist. Aber wir haben in den vier Jahren auch viele Erfolge zustande gebracht. Da möchte ich beispielsweise die Verhandlungen mit der Claims Conference nennen, den Sitz im Zentralrat der Juden in Deutschland, die Vermietung der Mädchenschule, die Gründung des Forums gegen Antisemitismus und die Anschaffung der Smart Boards in unserer Grundschule.

Als aussichtsreicher Kandidat für den Vorsitz galt Gideon Joffe vom Bündnis Koach. Was erwarten Sie von ihm?
Eigentlich habe ich erwartet, dass er gar nicht als Vorstandsmitglied und Vorsitzender kandidiert, denn aus der Presse konnte man erfahren, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn in mehreren Fällen wegen seiner Tätigkeit bei der Treberhilfe ermittelt. Jemand, der im Fokus derartiger Ermittlungen steht, darf nicht Vorsitzender unserer Gemeinde sein und die Gemeinde repräsentieren.

Joffe gilt auch nicht als großer Sparer.
Er kann eigentlich nicht anders, als den Sparkurs beibehalten. Er muss die Forderungen des Senates ernst nehmen – auch wenn er eine »eigene Philosophie des Sparens« hat. Ohne einen Verkauf von Immobilien und Einschnitte in die Versorgungsordnung wird es nicht gehen – ansonsten ist die Gemeinde in wenigen Jahren ruiniert.

Was werden die größten Herausforderungen sein?
Die Sanierung der Finanzen, ein sachliches Verhältnis zu den Mitarbeitern und dem Vertrauensrat – übrigens durchaus auch gegenseitig –, eine gute Außenwirkung zu erzielen. Ich hoffe, dass die Gemeinde nicht so isoliert und abgekapselt dastehen wird wie damals, als Gideon Joffe schon einmal Vorsitzender war.

Sie haben die RV in den vergangenen Jahren geleitet. Sind Sie zufrieden mit Ihrer Arbeit als Vorsitzender?
Ja, aber ich hätte manches Mal konsequenter durchgreifen müssen. Da war mir mein ausgleichendes Wesen im Weg. Vielleicht wäre manche Sitzung dann produktiver gewesen und hätte nicht so lang gedauert. Mir hat die Arbeit eine Menge gebracht, ich habe viele Menschen kennen gelernt, die ich sonst nicht getroffen hätte. Ich bedauere es allerdings nicht, jetzt wieder mehr Freizeit zu haben.

Mit dem ehemaligen Präsidiumsmitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sprach Christine Schmitt.

Das Interview wurde vor der konstituierenden Sitzung der Repräsentantenversammlung geführt.

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