Düsseldorf

Eisgekühlte Tora

Zu Schawuot fast ein Muss: eine riesengroße Eistüte Foto: Thinkstock

Du sollst nicht stehlen«, ruft ein Junge einem anderen empört entgegen. Sofort steigt dem Erwischten die Schamesröte ins Gesicht. Der Verstoß gegen das Gebot wiegt vor allem an Schawuot schwer – dem Tag, an dem Moses die Zehn Gebote von Gott entgegennahm. Glücklicherweise ist die Szene nur gespielt. Das Publikum im Leo‐Baeck‐Saal der Jüdischen Gemeinde lacht herzlich, und die beiden Darsteller scheinen mit ihrer Aufführung zufrieden.

In mehreren Sketchen wollen die Kinder und Jugendlichen des Jugendzentrums den Gästen die Zehn Gebote vermitteln. Und das macht hungrig, denn kaum ist die Aufführung vorbei, stürmt die Menschenmasse in die hintere Raumecke. Das Ziel: ein Eisbuffet der »Milky‐Way‐Party«. Die Schlange vor der Tiefkühltruhe ist lang. Kleine Kinder drängeln sich zwischen die älteren Gemeindemitglieder – jeder möchte möglichst viel Eis bekommen. Auch die Madrichot des Jugendzentrums, Ganna, Anshel und Liana, stehen an – auch wenn sich Liana lieber Käsekuchen gewünscht hätte: »Ich finde, der schmeckt besser als das Eis.«

Liana ist bereits seit sechs Jahren Madricha. Als ihre Familie aus Litauen nach Düsseldorf kam, war sie sechs Jahre alt. Nun studiert sie in Münster, kommt aber trotzdem jede Woche in die Düsseldorfer Gemeinde. »Mir ist es extrem wichtig, die Werte weiterzugeben, die ich selbst von klein auf vermittelt bekommen habe«, sagt die 21‐Jährige. Dabei sei die Religiosität nicht so entscheidend: »Die Menschen, die weniger religiös sind, sollen zumindest eine Ahnung davon bekommen, wie es sich anfühlt, in einer Gemeinschaft Teil von etwas Großem und Wichtigem zu sein« – selbst bei Eiscreme‐Partys.

Eiscreme‐Party Religionslehrerin Shira Rademacher kennt diese Feiern auch aus der Kölner Gemeinde, in der sie lange Jahre als Madricha im Jugendzentrum gearbeitet hat. Nun leitet die Judaistin den zentralen jüdischen Religionsunterricht für Düsseldorf und Umgebung, bringt Kindern von der ersten bis zur zwölften Klasse jüdische Religion bei. Zu Schawuot gibt es für ihre Schüler auch schon mal Sahnetorte oder Eis, um mit ihnen anhand der Süßspeisen den Feiertag zu besprechen.

»Wir haben die Zehn Gebote an einem Schabbat bekommen«, erklärt die 30‐Jährige. »Alle Teller und Töpfe waren noch vom Vorabend verunreinigt. Das Fleisch, das wir hatten, war noch nicht nach Kaschrutgesetzen geschächtet worden.« Tiere durften an Schabbat nicht geschlachtet und das Geschirr nicht gesäubert werden. »Was konnten wir da machen? Nur Milchiges essen!« In Erinnerung an diesen Tag verzehre man deswegen nur milchige Speisen.

Granatäpfel In der Tora werden sieben Arten von Früchten erwähnt, die in Eretz Israel besonders gut gedeihen können: Trauben, Granatäpfel, Oliven, Datteln, Feigen, Gerste und Weizen. »Mit den jüngsten Kindern gehen wir sehr spielerisch an den Feiertag heran«, erklärt Rademacher. »Es werden zum Beispiel die sieben Arten mitgebracht und verzehrt.« Schawuot ist auch Erntedankfest, an diesem Tag wurden die geernteten Früchte in den Tempel nach Jerusalem gebracht.

Spaß ist natürlich nur eine Seite. Sowohl bei der Arbeit im Jugendzentrum als auch im Religionsunterricht geht es vor allem darum, die Kinder und Jugendlichen an den Gottesdienst heranzuführen. »Wir hoffen natürlich alle, dass die Kinder anschließend von allein in den Gottesdienst kommen«, sagt Rademacher. »Damit es in zehn oder 20 Jahren überhaupt noch einen Gottesdienst gibt, die Gemeinden nicht von innen leer werden und keiner mehr das Judentum lebt.« Deswegen versuche man, Kinder mit lustigen Angeboten, wie etwa einer Eisparty, in die Gemeinde zu holen und ihnen so, ganz nebenbei, Jüdisches zu vermitteln.

Gil Stein bekam Judentum anders mit. Im Norden Israels, nämlich im Moschaw Yokneam. Dort feierte man zu Schawuot vor allem das Erntedankfest. Stein wurde in Yokneam geboren und verbrachte seine Kindheit in dem 1100‐Seelen‐Ort. Nach Düsseldorf kam er für seinen Master‐Studiengang »European Studies«, den er gemeinsam mit Israelis, Palästinensern und Jordaniern belegt.

Nun arbeitet der 30‐Jährige auch in der Gemeinde: Seit wenigen Wochen unterstützt Stein als neuer Leiter des Jugendzentrums die Düsseldorfer tatkräftig. »Wir feierten in unserem Ort immer eine große Party«, erinnert sich der Student. »Es gab eine große Show, wir sangen und tanzten. Einige stiegen auf die Traktoren und führten vor, wie das Gras gemäht wird.« Die Kinder durften alles ausprobieren, jeder aß Käsekuchen. In der Synagoge wurden die besonderen Gottesdienste durchgeführt und dann die ganze Nacht gelernt.

Zwar weniger ländlich, dafür aber genauso spannend will auch Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky die Lernnacht in Düsseldorf gestalten. Speziell für die Gemeinde‐Kinder ist Vernikovsky stets um altersgerechte Veranstaltungen und Erklärungen bemüht.

Themen Für seine erwachsenen Schützlinge greift er im Gottesdienst verschiedene aktuelle Themen rund um das Judentum auf. Die Intention ist für jede Altersgruppe die gleiche: sein Publikum zu erreichen und die Menschen dabei auch noch zu unterhalten. »Die Themen müssen möglichst spannend sein«, erklärt Vernikovsky. »Die Leute sollen ja nicht einschlafen.« Und auch optisch wird den Gemeindemitgliedern vieles geboten. So ist der Leo‐Baeck‐Saal bunt geschmückt, Blumen und farbige Servietten stehen auf den Tischen.

Als Moses die Zehn Gebote in Empfang nahm, soll der Berg Sinai schließlich auch voller Blumen gewesen sein. Vernikovsky ist zufrieden mit der Party. Die Schawuotfeier in Düsseldorf gefiele ihm sehr, sagt er. Vernikovsky möchte das gerne auch so beibehalten. Nur eines wünscht er sich für die Zukunft: »Die Mitglieder der Gemeinde sollten die Tora nicht nur an Schawuot, sondern immer und jeden Tag lernen«, kritisiert der orthodoxe Rabbiner die manchmal mangelnde Religiosität der Gemeinde. »Schließlich ist die Tora immer noch das Herzstück unserer Religion!«

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