Lübeck

Einstürzende Altbauten

Prachtvoll: Blick in den Innenraum der 1880 eröffneten Synagoge Foto: Marlies Bilz-Leonhard

In diesem Jahr wird sie 130 Jahre alt, die Synagoge in der Lübecker Altstadt. Als eine der wenigen jüdischen Gotteshäuser in Deutschland hat sie den Zweiten Weltkrieg überstanden. Doch wenn nicht bald etwas geschieht, droht ihr der Verfall. Wasserschäden, Risse in den Wänden, eine Frauenempore, die wegen statischer Mängel nur noch eingeschränkt begehbar ist, undichte Fenster notdürftig mit Klebeband abgedichtet, morsche Balken sind die äußerlich sichtbaren Mängel.

»Das Fundament muss dringend untersucht werden«, sagt Eduard Jankelevich vom Gemeindevorstand. Er ist selbst Bauingenieur und kann die Schwere der Schäden einschätzen. Nicht nur die Synagoge ist sanierungsbedürftig. Auch das nebenstehende Haus St.-Annen-Straße 11, in dem Gemeindebüro und Jugendzentrum untergebracht sind, weist erhebliche bauliche Mängel auf. Bei beiden Gebäuden fehlt jegliche moderne Wärmedämmung. Marode Abflussrohre produzieren unerträglichen Gestank. Wasser kannn nur abgekocht getrunken werden. Die ehemalige Mikwe ist heute Heizungsraum.

Eigentlich soll sie wiederhergestellt und als historisches religiöses Tauchbecken Teil der Ausstellung werden. Das ist zumindest der Plan von Maja Bobyleva vom Vorstand der Gemeinde. Die Mikwe, so Bobyleva, sei eine sinnvolle Ergänzung der Dauerausstellung zur Geschichte der Juden in Lübeck, die seit zwei Jahren in der Synagoge zu sehen ist. Gäste aus aller Welt haben sie bereits besucht.

Schändung Eröffnet wurde die Lübecker Synagoge 1880. Damals wirkte Rabbiner Salomon Carlebach in der Stadt. Die Nationalsozialisten rissen die prächtige maurische Fassade des Hauses nieder. Eine Sprengung des Gebäudes verbot sich, weil sie das nebenstehende St.-Annen-Museum gefährdet hätte. Der Gebetsraum wurde in der Pogromnacht 1938 geschändet. Er ist in seiner alten Form wiederhergestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten nur noch sehr wenige Juden in Lübeck. Die Synagoge verfiel in einen Dornröschenschlaf. Der äußerlich unscheinbare Backsteinbau beherbergt heute wieder eine lebendige jüdische Gemeinde mit rund 800 Mitgliedern. Mehr als 95 Prozent von ihnen stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Mit Schrecken erlebten sie den Brandanschlag auf ihr Gotteshaus im März 1994. Der Sachschaden hielt sich in Grenzen, Personen wurden nicht verletzt. Die Lübecker reagierten mit Empörung und Abscheu. Hunderte versammelten sich zu Mahnwachen vor dem Gebäude. Unter Führung von Bürgermeister Michael Bouteiller wurde ein Runder Tisch gegen Antisemitismus und rechtsradikale Gewalt gegründet.

Eigenleistung Die jüdische Gemeinde nahm dies erleichtert zur Kenntnis. Mit den Zuwanderern entfaltet sich seit rund 20 Jahren wieder reiches jüdisches Leben in der alten Hansestadt. Das ist jetzt in Gefahr. Eine so gewaltige Aufgabe wie die umfassende Sanierung von Synagoge und Gemeindezentrum kann die Jüdische Gemeinde aus eigener Kraft nicht bewältigen. In Eigenarbeit wurden in den vergangenen Jahren das Foyer zum Gebetsraum und die Garderobe frisch gestrichen. Mit eigenem Geld ließ man das Dach des Gemeindehauses notdürftig reparieren. Das Jugendzentrum wurde von der Lübecker Possehl‐Stiftung finanziert, die seit 90 Jahren einerseits Maßnahmen unterstützt, die zum Erhalt des Stadtbildes beitragen als auch solche zur Förderung der Jugend.

Auf die Hilfe dieser Stiftung hofft die jüdische Gemeinde auch jetzt wieder. Die Kosten für die Sanierung, so der Gemeindevorstand, werden wohl mehrere Millionen Euro betragen. Ein Gutachten, das bereits 1998 in Auftrag gegeben worden war, weist Kosten von 2,4 Millionen Mark aus.

Zuwendungen Heute dürfte dieselbe Summe in Euro kaum für die notwendigsten Reparaturen ausreichen. Aus dem Staatsvertrag erhalten die Gemeinden jedes Jahr nach der Zahl ihrer Mitglieder gestaffelte Zuschüsse für die laufenden Kosten, darüber hinaus Mittel für den Erhalt der Gebäude. Wegen der Sanierung steht der Dachverband der drei Gemeinden Lübeck, Kiel und Flensburg bereits seit mehr als zwei Jahren in Verhandlungen mit der Landesregierung. Er gab 2009 ein neues Gutachten in Auftrag.

Jetzt sollen alle Beteiligten an einen Tisch gebracht werden. Wolodarski ist zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden wird. Viele Lübecker und Mitglieder der Carlebach‐Familie unterstützen darüber hinaus das Vorhaben, in die Dauerausstellung einen Salomon‐Carlebach‐Gedächtnisraum zu integrieren. Ein Förderverein wurde gegründet. Bevor die Synagoge nicht saniert ist, wird wohl nichts aus dem Plan.

Auch die Wiedererrichtung der maurischen Fassade sei ein lang gehegter Traum vieler Gemeindemitglieder, sagt Eduard Jankelevich. Dann würde auch die Funktion des Gebäudes für alle wieder deutlich sichtbar. Derzeit weist die Formensprache der Fassade eine Mischung aus Elementen des Klassizismus, der Heimatschutz‐Bewegung und Anklänge an mittelalterliche Wehrarchitektur auf, wie die Hamburger Gutachter 1998 schrieben.

Nur der Davidstern und die hebräische Inschrift deuten darauf hin, dass es sich um eine Synagoge handelt. Mit Kuppel und maurischer Fassade war die Synagoge vor dem Weltkrieg eines der prächtigsten Gebäude in der St. Annen‐Straße. Ob sich der Traum von ihrer vollständigen Wiederherstellung verwirklichen lässt, wird sich zeigen. Ohne die Hilfe vieler auch auswärtiger Mäzene wird es nicht zu schaffen sein.

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