Wiesbaden

Einladung zum Dialog

Filmpremiere: Der elfjährige Joseph Weismann erzählt aus seiner Sicht von der Deportation der Pariser Juden 1942. Foto: pr

Rita Thies wird an diesem Mittwochabend etwas tun, wofür sie seit ihrer Ernennung zur Wiesbadener Kulturdezernentin nur noch selten Zeit findet. Sie wird ins Kino gehen. Nicht in irgendeines, denn die Caligari‐Filmbühne hat sich mittlerweile über die Grenzen der Stadt hinaus einen Namen als Programmkino gemacht. Parkett und Rang bieten 425 Menschen Platz. Am Mittwochabend dürften alle Plätze besetzt sein. Immerhin steht im Caligari eine Deutschlandpremiere auf dem Programm.

»Etwas ganz Besonderes« sei dieser Termin für sie, betont Rita Thies. Ein Vergnügen dürfte die anstehende Uraufführung dennoch kaum werden. La Rafle heißt der Film der französischen Regisseurin Roselyne Bosch, was sich wahlweise als »Jagdnetz« oder »Massenverhaftung« übersetzen lässt. Erzählt wird die Geschichte der Deportation der Pariser Juden im Jahr 1942 aus der Sicht des elfjährigen Joseph Weismann.

Der deutsche Verleih hat sich für den reichlich nichtssagenden Titel Die Kinder von Paris entschieden. Seine Vorpremiere feiert der Film nicht zufällig in Wiesbaden. Er ist Teil eines viel größeren Programms. »Wir wollen nicht, dass die Erinnerung an die Opfer des NS‐Regimes verloren geht«, sagt Thies. Und mit dieser Erinnerung ist die Stadt dieser Tage ganz besonders beschäftigt.

Wachhalten Nach jahrzehntelangen Diskussionen und baulichen Problemen erhält Wiesbaden am 27. Januar – dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz – ein Mahnmal für die verschleppten und ermordeten jüdischen Einwohner der Stadt. Nicht das erste, denn am Hauptbahnhof erinnert bereits die Installation »Schlachthoframpe« an die Deportationen, aber vermutlich das bislang persönlichste.

Dort, wo sich bis vor 73 Jahren die Synagoge am Michelsberg befand, wird künftig an die 1.507 namentlich bekannten Opfer erinnert. Und rund um dieses Datum haben Stadt, jüdische Gemeinde und eine große Anzahl von Initiativen eine ganze Reihe von Veranstaltungen auf die Beine gestellt, welche die Erinnerung wachhalten sollen. Allerdings nicht nur die an die Schoa. »Viele stellen sich doch die Frage: Was war davor?«, so Thies.

Eine Antwort, sofern es diese gibt, versucht die Stadt noch bis zum 12. Februar zu geben. In Konzerten, Lesungen, mit Ausstellungen über die Künstler Varian Fry und Max Lippmann. An drei Terminen zeigt eine multimediale Präsentation am neuen Mahnmal exemplarische Ausschnitte aus dem Leben ermordeter Wiesbadener Juden. Ein Mammutprogramm, das nur gestemmt werden kann, weil sich die Stadt mit vielen Institutionen und Organisationen zusammenschließt. »Das hat hier schon eine gewisse Tradition«, betont Thies.

Angebot Natürlich leistet auch die jüdische Gemeinde selbst ihren Beitrag, auch wenn sich Gemeindevorstand Jakob Gutmark bescheiden gibt: »Wir sind selbstverständlich Mitveranstalter, aber nicht die Herren des Geschehens.« Für ihn, der die nicht enden wollenden Diskussionen um das Mahnmal am Michelsberg über ein Vierteljahrhundert begleitet hat, stellt die Veranstaltungsreihe in erster Linie eine Einladung zum Dialog dar – von der Gemeinde an die Mehrheitsgesellschaft. »Wir geben den Leuten die Möglichkeit, mit uns zu reden, anstatt über uns.«

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