Berlin

»Eine fantastische Geschichte«

Heute wird nur der Seitenflügel des einstigen Gotteshauses als Synagoge genutzt. Foto: Uwe Steinert

Mein Urgroßvater war Beter in der Synagoge Fraenkelufer, ich habe hier geheiratet, und meine Kinder haben Bar‐ und Batmizwa gefeiert.« Nun steht Mario Marcus im Garten vor dem Seitenflügel des einstigen Gotteshauses, der heute als Synagoge genutzt wird, und zeigt, wo früher das ursprüngliche Haus war.

Unterm Arm trägt er dicke Bücher über Synagogen und erzählt von »seiner« Synagoge. Der Sportplatz der angrenzenden Schule befindet sich auf dem ursprünglichen Grund der Gemeinde, ebenso ein Gemeinschaftsgarten, an den ein Haus mit Fenstern grenzt.

»Eigentlich ist das die Brandmauer. Bis dahin stand die Synagoge. Die Fenster sind später hinzugekommen«, sagt Marcus. Diese beiden Grundstücke gehören heute dem Land Berlin. »Es muss etwas geschehen, wir brauchen mehr Platz«, sagt der Beter. Der Kidduschraum ist seit Langem zu klein, darin finden die vielen Beter schon seit geraumer Zeit keinen Platz mehr. Denn die Synagogengemeinde ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Die Gottesdienste sind sehr gut besucht, und es gibt auch immer mehr Familien. Daher kam auch immer wieder die Idee auf, eine Kita einzurichten.

architektur Mario Marcus begrüßt deshalb die Idee des SPD‐Fraktionsvorsitzenden Raed Saleh, die ursprüngliche Synagoge wiederaufzubauen. Auch die Beter unterstützen Salehs Initiative. »Wir wollen uns dafür einsetzen, dass das Projekt gemeinsam mit verschiedenen Partnern aus Politik und Gesellschaft Gestalt annimmt«, posten sie auf ihrer Website. Ihr Ziel sei, dass neben dem Gebetshaus ein jüdisches Zentrum entsteht, das für verschiedenste Gemeindeaktivitäten und Nachbarschaftsarbeiten offen ist, sagt Gabbai Grigorij Kristal. »Es ist gut, dass darüber gesprochen wird.« Allerdings müsse die Außenfassade der Synagoge dringend saniert werden, ferner böte sich ein Ausbau des Dachgeschosses an, um eine Kita aufzubauen.

»Da kommt der Vater der Idee«, begrüßt Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, den SPD‐Politiker Raed Saleh, als dieser am vergangenen Donnerstag zur Pressekonferenz eintrifft. Der SPD‐Fraktionschef präsentierte gemeinsam mit Gideon Joffe und dem Architekten Kilian Enders einen ersten Entwurf für den Neubau am Fraenkelufer. Er orientiert sich an dem großen jüdischen Gotteshaus, das dort 1916 eröffnet und 1938 in der Pogromnacht vom 9. November von den Nazis weitgehend zerstört wurde. Strahlend weiß könnte es werden.

Die Entwurfsstudie von Enders’ Architekturbüro sieht keine historische Rekonstruktion des Gebäudes im klassischen Stil vor, das Alexander Beer, Baumeister der jüdischen Gemeinde, von 1913 bis 1916 geschaffen hatte, sondern eine »abstrahierte Variante, allein durch die Verwendung anderer Materialien«. Der Bruch durch die Gräueltaten der Nazis müsse erkennbar sein. »Die neue Synagoge soll so etwas wie ein Erinnerungsbild darstellen«, hofft der Architekt. »Das Weiß steht für eine bleibende Leerstelle. Die Geschichte darf nicht überschrieben werden. So wirkt das Haus wie ein Erinnerungsbild und nicht wie ein Remake.«

austausch Nach Meinung Salehs, der die Idee vor vier Monaten im Abgeordnetenhaus in seiner Rede zum 9. November vortrug, könnte es ein »Leuchtturmprojekt« werden. In einer Zeit, in der viel von Antisemitismus und der Spaltung der Gesellschaft die Rede ist, sei der Wiederaufbau einer Synagoge ein wichtiges Signal. »Wo, wenn nicht in Berlin, sollten wir ein solches Zeichen setzen?« Gideon Joffe hofft, dass das neue Gotteshaus auch eine Stätte der Begegnung und des Austauschs wird.

»In Zeiten von wachsendem Antisemitismus müssen sich die jüdischen Gemeinden stärker öffnen und auf die Menschen zugehen«, betonte der Gemeindechef. Dabei könne das Projekt helfen, das er zwar unterstütze, das aber keines der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sei. »Wir wären damit überfordert und sind dankbar für den Impuls von außen«, sagte Joffe. Die Gemeinde habe derzeit viel mit der Erweiterung bereits vorhandener Einrichtungen wie Kitas, Schulen und Seniorenzentrum sowie mit den notwendigen Sanierungen der anderen Gotteshäuser zu tun.

Machbarkeitsstudie, Architekturwettbewerb, Finanzierungskonzept – all das stehe noch aus, sagte Iris Spranger, baupolitische Sprecherin der SPD. Nach ersten groben Schätzungen würde das Synagogenprojekt mindestens 20 bis 25 Millionen Euro kosten. Saleh und die SPD‐Fraktion wollen versuchen, dafür Geld von Bund, Land und Stiftungen sowie aus Lottomitteln und durch private Spenden bereitzustellen. Sie hoffen, dass der Bau zum 85. Jahrestag der Pogromnacht in fünf Jahren bereits sichtbar sein wird. Auch die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain‐Kreuzberg hat grünes Licht gegeben; Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) unterstützt das Projekt ebenso.

Das neue Gotteshaus soll auch ein Ort der Begegnung sein.
»Als ich vor zwölf Jahren erstmals zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gewählt wurde«, sagte Gideon Joffe, »hätte ich nie gedacht, dass ein Deutscher, ein Berliner palästinensischen Ursprungs, der jüdischen Gemeinde helfen würde, jüdisches Leben weiter zu etablieren.« Das sei eine fantastische Geschichte.

anschub Und diese Geschichte geht noch weiter. Denn der im Westjordanland geborene SPD‐Politiker unterstützt auch die Gründung einer jüdischen Sekundarschule in der Auguststraße in Mitte. Bis zur letzten Berliner Schulreform 2010 bot die Jüdische Oberschule, heute das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn, jüdischen Schülern an, einen Mittleren Schulabschluss zu machen. Auch Kinder, die über keine Empfehlung fürs Gymnasium verfügten, konnten bis dahin die Schule besuchen. Das soll sich nun ändern.

»Das Land Berlin hat bereits eine Anschubfinanzierung von 3,6 Millionen Euro bewilligt«, sagt Daniel Bartsch, Pressesprecher von Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa. Der Senat begrüße die Einrichtung einer solchen Bildungsinstitution innerhalb der Jüdischen Gemeinde. »Wenn man in das Ahawah‐Gebäude hineingeht, könnte man denken, dass der Zweite Weltkrieg gerade erst ein paar Tage vorbei ist«, beschreibt Gemeindechef Joffe den derzeit schlechten Zustand des Gebäudes. Er rechnet mit Kosten von etwa 12,5 Millionen Euro und hofft, dass die Schüler in zwei bis drei Jahren dort unterrichtet werden können. Bereits diesen Sommer sollen die Baumaßnahmen beginnen.

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