Jom Haschoa

»Ein Wunder, ihr lebt noch!«

Einstimmung: Der Synagogenchor Schma Kaulenu stimmt auf den Jom Haschoa ein. Foto: Marina Maisel

»Sterne am Himmel, ein Stern an der Brust, / Mama, ich weiß, ich hab’s längst gewusst. / ... / Sie sind von Gott, die Sterne der Nacht. / Auch mich, auch mich hat er gemacht. / Weine nicht, Mama, hör mein Versprechen, / Niemand wird meine Seele zerbrechen. / Ich bin ein Stern.« Diese Zeilen von Inge Auerbach trug an Erew Jom Haschoa ein junges Mädchen aus dem Batmizwa- Club in der Ohel-Jakob-Synagoge vor. Inge Auerbach, aufgewachsen im Schwäbischen, wurde als Siebenjährige gemeinsam mit ihren Eltern nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte.

Auch andere Kinder schrieben damals ihre Gedanken und Eindrücke nieder. Wie Miroslav Kosek, der als Zehnjähriger 1942 nach Theresienstadt gekommen war: »Der Tod ist überall zu Haus, / fasst einen jeden an dem Kragen, / ... / Gerechtigkeit schafft in der Welt / zu guter Letzt sich freie Bahn, / und sie versüßt das bittre Brot / dann selbst dem allerärmsten Mann.« Miroslav sollte diese Gerechtigkeit nicht mehr erleben. Er wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

Erinnerungen Von Kindern aus dem Jugendzentrum Neshama mit Gedichten, Liedern und Melodien und dem Solo von Yoed Sorek vom Synagogenchor Schma Kaulenu auf den Jom Haschoa eingestimmt, hörten die Synagogenbesucher Eva Umlaufs »Betrachtungen und Gefühle«.

Ein Wunder, wir leben, hatte sie ihren Vortrag betitelt. Damit knüpfte sie an ihre Ansprache an, die sie im Januar dieses Jahres bei der Gedenkfeier in Auschwitz gehalten hatte. Als eine der Jüngsten hatte sie dieses Vernichtungslager überlebt. Und mit dem Titel erinnert sie an die erste Begegnung nach der Befreiung: Nachbarn begrüßten die junge Mutter, die zweijährige Eva und ihre nach der Befreiung geborene Schwester mit dem Ausruf: »Ein Wunder, ihr lebt noch!« Für Eva Umlauf bedeutete das, »dass ich als kleines Kind davon überzeugt war, ein Wunder zu sein«.

Ihre Ausführungen orientiert Umlauf an den Erfahrungen ihres Lebens und ihren Überlegungen über den Vernichtungsort Auschwitz bis in ihr bewusst gestaltetes Heute: »Ich tue das in dem Bewusstsein, dass wir Menschen durch Nachdenken zu einem Umdenken und zu einem gesellschaftlichen Anderssein finden können.« Dabei spielte ihre Mutter Agnes Cierny sel. A., die Münchner IKG-Mitgliedern als Lehrerin an der Sinai-Schule noch in Erinnerung ist, eine wesentliche Rolle. Als Fachärztin für psychotherapeutische Medizin formuliert Umlauf die Vorbildrolle der Mutter: »Sie ist für meine Schwester und mich bis heute ein positives inneres Objekt.«

Neubeginn Der Vater wurde auf dem Todesmarsch erschossen, die Familie der Mutter kam in Verfolgung und KZs um. Agnes Cierny hatte mit zwei Kleinkindern aus dem Nichts den Neubeginn gestartet. Die Tochter charakterisiert ihre Mutter so: »Sie hat sich nach den grausamsten Verlusten in ihrem Leben nicht ins klagende Nichts fallen lassen, sondern sich zukunftsoffen dem für sie möglichen Leben zugewandt.«

Eva Umlauf beschränkte ihre Betrachtungen aber nicht auf die eigene Familiengeschichte: »Wir wissen, dass viele aus der Generation meiner Mutter nur weiterleben konnten, wenn sie das Erlebte verkapselten. Nur wenigen ist es gelungen, das Trauma gleich ohne größeren zeitlichen Abstand zu bearbeiten.«
Da sie weiß, dass viele im Alter von den Schrecken der Verfolgung eingeholt werden, hält sie es für die Verpflichtung der Nachgeborenen, »die Kapsel zu öffnen, das Verkapselte für uns zu reflektieren, als Betroffene miteinander zu sprechen und mit anderen, auch mit denen darüber zu sprechen, deren Familien den nationalsozialistischen Zivilisationsbruch mitgemacht oder geduldet haben. Das lähmende Tabu, das über allen und allem lag, kann jetzt gebrochen und bearbeitet werden.«

Trauma Die »Stempel der Vergangenheit« sind als unauslöschliche Gefühlserbschaften, als Körper- und Seelenerinnerungen, auch in ihr selbst. Eva Umlauf weiß, dass sie auch in ihrem scheinbar geordneten Lebensfluss jederzeit wieder aufrufbar sind. Sie sieht darin aber auch eine Chance. Und sie sieht ein Verpflichtung auch gegenüber den folgenden Generationen: »Meine Kinder haben ein Recht darauf, dass ihre Mutter das Trauma wahrnimmt und bearbeitet, damit es nicht als Gefühlserbschaft auch in ihnen weiterwirkt.«

Rückblickend ist Eva Umlauf bewusst geworden, dass ihr Lebensweg mit Schule und Studium in der Slowakei, mit der Heirat nach Deutschland, Beruf und Familie nicht nur ihre persönliche Sache ist, sondern, »dass sich darin unsere Gesellschaft mit ihren Brüchen und Potenzialen widerspiegelt«. Es ist für sie ein gesellschaftliches Interesse, sich mit den Zeiten zu beschäftigen, für die sie Zeugnis ablegen kann.

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