Köln

Ein Westfale am Rhein

Will neue Finanzierungswege für die Gemeinde finden: Alexander Sperling Foto: Ute Mühleib

Die kleine Führung mit Gästen durchs Haus beherrscht er schon perfekt. Das Gemeindezentrum sei früher ein Krankenhaus gewesen, heute beherberge es neben der Verwaltung zum Beispiel das Elternheim und die Kindertagesstätte. Er geht weiter zur kleinen Synagoge mit den großen Fenstern hinter der Bima, eine architektonische Besonderheit, anschließend weist er auf Bilder hin, die das Gebäude kurz nach dem Krieg zeigen – der Dortmunder Alexander Sperling scheint sich in Köln bereits wie zu Hause zu fühlen. Vor 100 Tagen trat er die Stelle des Geschäftsführers der Synagogen-Gemeinde an.

»Ich habe hier noch nicht viel geändert«, sagt er, als er am Besprechungstisch in seinem Büro Platz nimmt. Zum einen meint er damit tatsächlich das Büro, das er im Februar von seinem Vorgänger Benzion Wieber übernommen hat. Aber der Satz gilt auch für die erste Zwischenbilanz: »Ich wäre gerne so weit, dass ich nach diesen 100 Tagen sagen könnte, ich hätte mich schon eingearbeitet.«

Sperling hat Benzion Wieber, der 25 Jahre lang Geschäftsführer der Gemeinde war, in einem fliegenden Wechsel abgelöst. Neben dem Alltagsgeschäft, das er damit sofort übernehmen musste, absolvierte er auch schon die erste Vorstellungsrunde innerhalb und außerhalb der Gemeinde, um Entscheidungsträger sowie Institutionen kennenzulernen. Bereits an seinem zweiten Arbeitstag erhielt er hohen Besuch. »Es war ein kleiner Kulturschock«, sagt Alexander Sperling vorsichtig und lächelt. In das Büro des Westfalen, der bisher keinen näheren Kontakt zu Karnevalisten gepflegt hatte, fiel das Dreigestirn ein: Prinz, Bauer und Jungfrau. Alaaf!

sparmassnahmen Dieses in der Domstadt nicht ganz unwichtige Thema kann Sperling nun bis zum 11. November allerdings wieder ad acta legen. Aufgaben hat der 34-Jährige ohnehin genug. »Eine der großen Herausforderungen liegt im finanziellen Bereich«, sagt er offen. Das ist wenig verwunderlich, und Köln ist nicht die einzige Gemeinde, die nach der Neuverteilung im Staatsvertrag die Refinanzierung neu aufstellen muss. »Schon bevor ich hier angefangen habe, wurden wichtige Einsparmaßnahmen angestoßen«, betont Sperling.

Am Ziel sei man allerdings noch nicht. Die Schwierigkeit bestünde darin, neue Finanzierungswege zu finden, beispielsweise durch Drittmittel oder Spenden. »Das ist allerdings schwieriger, als einfach nur zu streichen«, sagt der junge Geschäftsführer. »Kürzen kann jeder.« Das Angebot der Gemeinde dürfe aber nicht kaputtgespart werden, es müsse möglichst ohne Schaden aufrechterhalten werden.

Auch wenn in diesem Punkt noch viel Arbeit vor Alexander Sperling liegt, sagt er überzeugt: »Die Gemeinde ist auf einem guten Weg.« Das liege auch daran, dass es in Köln schon seit langer Zeit gewachsene Strukturen gebe. Dass für die Synagogen-
Gemeinde oft das Synonym »älteste jüdische Gemeinde nördlich der Alpen« benutzt werde, sei dabei mehr als nur ein Werbespruch. Die Gemeinde habe eine historische Dimension. Besonders deutlich könne man das daran bemerken, dass vor, während und nach der Neuzuwanderung in den 90er-Jahren durch die starken Strukturen eine kontinuierliche Arbeit möglich gewesen sei.

Aufbau Während andere Gemeinden durch die zunehmende Zahl an Mitgliedern als aufstrebend galten, sei Köln bereits groß gewesen und habe sich darum bemüht, diese Position auch zu bewahren. Ein Pflegeheim gab es schon vor der Zuwanderung, auch einen Kindergarten, dessen Leiterin seit 35 Jahren hier arbeitet und damit die dienstälteste Mitarbeiterin der Gemeinde ist. »In Dortmund war einiges noch im Fluss und im Aufbau. Viel wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten gestaltet«, erklärt Sperling. »Hier in Köln ist es seit Generationen gewachsen. Das macht diese Gemeinde zu einer der stärksten und attraktivsten in Deutschland.«

Rund 4500 Mitglieder hat die Synagogen-Gemeinde Köln, in Dortmund sind es knapp 1000 weniger. Die Zahl allein mache laut Sperling noch keinen großen Unterschied. In seinen ersten 100 Tagen am Rhein habe er allerdings den starken Bezug vieler Mitglieder zur Gemeinde bemerkt. »Der Anteil der Mitglieder, die am Gemeindeleben teilnehmen, scheint mir im Verhältnis zu anderen Gemeinden größer zu sein, auch bei den Neuzuwanderern.«

Aus aller Welt Auf dem Status quo ausruhen möchte sich Alexander Sperling aber nicht. Die jüdischen Menschen in Köln, die bisher noch nicht die Angebote der Gemeinde nutzen, möchte er verstärkt erreichen. »Köln ist eine Metropole, in die Menschen aus ganz Deutschland und aus der ganzen Welt kommen. Darunter sind auch viele Juden, von denen – mit einigen Ausnahmen – noch nicht viele in der Gemeinde angekommen sind«, weiß der Geschäftsführer.

Alexander Sperling selbst ist angekommen in Köln, mit seiner Frau und seiner Tochter hat er eine Wohnung gefunden. Die Warnungen, die er von einigen Bekannten mit auf den Weg bekam, fand er in der Domstadt noch nicht bestätigt. »Viele Leute haben mir gesagt, dass die Dinge in Köln anders laufen«, sagt Sperling. »Aber davon habe ich bisher kaum etwas bemerkt.«

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