Oldenburg

Ein Stück jüdischer Geschichte

Werben für das jüdische Erbe: Rabbinerin Alina Treiger, Gemeindevorsitzende Elisabeth Schlesinger und ihr Stellvertreter Ernst Sittig (v.l.) Foto: Till Schmidt

In der vergangenen Woche hat die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg den Grundstein der alten Synagoge zurückerhalten. Die Synagoge in der Peterstraße war 1854 im Beisein von Großherzog Nikolaus Friedrich Peter, Regierungsvertretern und christlichen Geistlichen eingeweiht geworden. Rund 80 Jahre später wurde sie während der Pogromnacht 1938 zerstört.

Beim Festakt zur Rückgabe des Grundsteins im Oldenburger Rathaus nahmen neben Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) auch die Vizepräsidentin des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Marina Jalowaja, die beiden Oldenburger Gemeindevorsitzenden Elisabeth Schlesinger und Ernst Sittig sowie Rabbinerin Alina Treiger teil.

Die Rabbiner Nathan Marcus Adler, Samson Raphael Hirsch und Leo Trepp amtierten in Oldenburg.

1959 war der Synagogen-Grundstein bei Bauarbeiten in der Peterstraße zufällig gefunden worden. Sein Inhalt – unter anderem zwei gravierte Platten, zwei Münzen und eine Zeitkapsel – wurde damals zunächst der Jüdischen Kulturvereinigung zu Oldenburg übergeben. Anschließend gelangte er in den Besitz des Braunschweiger Landesmuseums.

Der leere Stein hingegen kam in das Stadtmuseum Oldenburg. Dort wurde er zwar als Teil einer Sonderausstellung zur Geschichte der Juden in Oldenburg ausgestellt, geriet jedoch weitgehend in Vergessenheit. Aktuell überprüft das Stadtmuseum seine Sammlung auf während des Nationalsozialismus geraubtes jüdisches Eigentum.

Museumsauftrag Im Stadtmuseum bleibt der Stein allerdings auch nach der Restitution. »Gerne geben wir den restituierten Grundstein der 1938 zerstörten Oldenburger Vorkriegssynagoge als steinernen Zeugen und als Dauerleihgabe an das Oldenburger Stadtmuseum«, sagte Gemeindevorsitzende Elisabeth Schlesinger beim Festakt. »Erinnern und Lernen: Für das jüdische Volk ist das von jeher ganz essenziell, und es deckt sich mit dem Auftrag eines Museums«, so Schlesinger weiter.

Das Erinnern an die Brutalität des Nationalsozialismus habe nicht an Bedeutung verloren, ganz im Gegenteil, so Schlesinger in ihrer Rede. »Die Zeit der Weimarer Republik ist sicherlich nicht mit der heutigen Zeit zu vergleichen. Aber in mancherlei Hinsicht wecken die aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland, in Europa und auch weltweit mit dem wieder aufkeimenden Nationalismus und dem Erstarken der rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien ungute Erinnerungen und Befürchtungen, nicht nur bei jüdischen Menschen.« Die verhängnisvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts dürfe sich nicht in abgewandelter Form wiederholen, sagte Schlesinger.

öffentlichkeit Die Gemeinde tue ihr Möglichstes, sich nach außen zu öffnen sowie Vorurteilen und Antisemitismus entgegenzuwirken, sagte die Gemeindevorsitzende und verwies auf die zahlreichen Synagogenführungen, auf öffentliche kulturelle Veranstaltungen, die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen in Oldenburg sowie auf stadtpolitische Gremienarbeit.

Mit dem Gemeindezentrum in der Leo-Trepp-Straße existiert darüber hinaus ein zentral gelegener Ort, der jüdische Kultur im Oldenburger Stadtbild sichtbar macht. Über dem Portal der heutigen Synagoge befindet sich mit einem wiedergefundenen Schmuckstein ein weiterer Verweis auf die Vorkriegsgemeinde.

Die Oldenburger Gemeinde wurde 1992 neu gegründet.

Die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg war 1992 neugegründet worden. Die Initiative ging vor allem von jüdischen Frauen aus, und von Anfang an nahm die geschlechterpolitisch egalitäre Ausrichtung der Gemeinde eine zentrale Bedeutung ein. Insofern ist es kein Zufall, dass mit Alina Treiger in Oldenburg eine der wenigen Rabbinerinnen in Deutschland wirkt. Beim Festakt sang sie »Le Dor wa Dor« (Von Generation zu Generation) aus dem Gebet »Keduscha« (Heiligung Gottes).

Präsentation Elisabeth Schlesinger hofft, dass die jüdische Geschichte Oldenburgs im Stadtmuseum künftig stärker und differenzierter gewürdigt wird. Der voraussichtlich bis 2022 abgeschlossene Um- und Neubau des Museums biete hierfür eine passende Gelegenheit. Eine aktualisierte Präsentation der oldenburgisch-jüdischen Stadtgeschichte dürfe sich nicht auf die Zeit von 1933 bis 1945 beschränken, fordert sie.

So sei beispielsweise ebenfalls zu berücksichtigen, dass in Oldenburg berühmte Rabbiner-Persönlichkeiten amtierten. Nathan Marcus Adler, Samson Raphael Hirsch, der Begründer der Neo-Orthodoxie, oder Leo Trepp verfassten Werke, die bis heute in der jüdischen Welt Bedeutung haben. »Der alte Grundstein kann zugleich ein neuer Grundstein werden – für eine zeitgemäße Präsentation jüdischer Geschichte in Oldenburg«, sagte Schlesinger. Gleich am Tag des Festaktes fanden hierzu Gespräche im Oldenburger Stadtmuseum statt.

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