Berlin

Ein Stolperstein für den Direktor

Die Wilhelm-von-Humboldt-Schule erinnerte an ihren früheren Leiter Fritz Wachsner

von Christine Schmitt  01.12.2014 20:38 Uhr

Marianne Meyerhoff zeigt Schülern ein Foto ihres Großvaters Fritz Wachsner. Foto: Pia Multhaup

Die Wilhelm-von-Humboldt-Schule erinnerte an ihren früheren Leiter Fritz Wachsner

von Christine Schmitt  01.12.2014 20:38 Uhr

Drei Tage lang konnte Marianne Meyerhoffs Mutter die Kiste, die von Deutschland nach Los Angeles geschickt worden war, nicht aufmachen. Es war kurz nach der Schoa, als ihre drei Freundinnen die Fotos, Schmuck und die Doktorarbeit ihrer Eltern an sie gesendet hatten. Ihre Mutter hatte die Handschrift ihrer Freundin sofort erkannt. An diese Tage erinnert sich Marianne Meyerhoff, die damals ein kleines Mädchen war, noch heute.

Von solchen Geschichten berichtete sie Donnerstag vergangener Woche bei der Umbenennung der Aula der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule nach ihrem Großvater Fritz Wachsner, zu der sie eingeladen war, ebenso eindringlich wie lebhaft. Die drei Freundinnen ihrer Mutter hatten Meyerhoffs Großeltern Fritz und Paula während der Schoa immer wieder besucht, Essen mitgebracht und die Unterlagen mit hinausgeschmuggelt, um sie vor den Nazis zu retten. Für das Ehepaar Wachsner und seinen Sohn Erich gab es keine Rettung: Sie wurden deportiert und umgebracht.

würdigung Das Foto, auf dem Meyerhoffs Mutter als Kind auf den Schultern des ehemaligen Lehrers sitzt, der glücklich und zufrieden aussieht, hängt nun neben dem Eingang der Aula, die ab sofort den Namen Fritz Wachsner trägt. Im Gedenken an den Lehrer wurde zudem ein Stolperstein mit dessen Namen vor dem Schulgebäude in der Erich-Weinert-Straße verlegt.

Wachsner war von 1920 an Lehrer und später Leiter der Schinkel-Schule, der heutigen Humboldt-Gemeinschaftsschule. Kurz nach ihrer Machtergreifung suspendierten die Nazis Wachsner, weil er Jude war. Ab 1935 baute er als Gründungsdirektor die jüdische Joseph-Lehmann-Schule in der Joachimstaler Straße auf. Nur seine Tochter Charlotte konnte fliehen, überlebte den Holocaust in den USA und überließ später ihrer Tochter die Unterlagen.

»Ich spüre, dass mein Großvater heute wieder in der Schule ist«, sagte die 73-jährige Enkelin in ihrer Ansprache vor den Schülern, Eltern und Lehrern. Dank der Unterstützung des Zentralrates der Juden in Deutschland und der Harold Bob Stiftung konnte Marianne Meyerhoff eigens für den Festakt aus den USA anreisen.

Nachlass Ihr Großvater sei als Kind frech und kein besonders guter Schüler gewesen, unterstrich sie schmunzelnd. Das gehe aus den Dokumenten ihrer Familie hervor. Besonders erfreut zeigte sie sich darüber, dass die umfangreiche Familiensammlung mit mehr als 1000 Dokumenten nun in das Archiv des Jüdischen Museums Berlin übergeht. Ausgewählte Schriftstücke aus dem Nachlass werden vom 1. Dezember an dort in einer Vitrine zu sehen sein.

Ebenso erfreut zeigte sich Wachsners Enkelin über das Engagement der Schüler. Die 650 Mädchen und Jungen hatten sich im vergangenen Jahr der Schulgeschichte gewidmet, die nun über 100 Jahre umfasst. Dabei wurden sie auch auf das Schicksal von Fritz Wachsner aufmerksam und fingen an, zu recherchieren. Rasch war die Idee geboren, an ihn auch mit einem Stolperstein zu erinnern.

Auch bei der Feier zum 100-jährigen Bestehen der Schule sind die Schüler wieder aktiv gewesen. Zu diesem Anlass haben unter anderem eine Schau über Wachsner erarbeitet, die bei der Feier präsentiert wurde. Ebenso hielten sie in den Klassenräumen Vorträge über ausgewählte Themen – so wie die 14-jährige Mila und die 13-jährige Lilly.

Die beiden Schülerinnen hatten sich für ein Projekt über Diktaturen entschieden. »Wir haben auch die Gedenkstätte Sachsenhausen besucht, was für uns sehr eindrucksvoll war«, sagten die beiden Schülerinnen über die Recherche. Seitdem treibe sie eine Frage um, berichteten sie: »Wie konnten die Menschen in Deutschland nur solch ein Unrecht zulassen?«

Dessau

Weg frei für neue Synagoge

Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt fördert das Neubauprojekt mit rund 1,9 Millionen Euro

 13.02.2020

Geschichte

Täterorte Ost

Eine Ausstellung in der Burgstraße 28 zeigt frühere NS-Institutionen von Pankow bis Köpenick

von Christine Schmitt  13.02.2020

Hamburg

Bürgerschaft beschließt Synagogenaufbau

Einstimmiges Votum für Wiedererrichtung eines repräsentativen Gotteshauses am Bornplatz

 13.02.2020

Sport

Fit in den Mai

Bei den Makkabi Deutschland Games will Maccabi München mit 100 Teilnehmern antreten

von Helmut Reister  13.02.2020

Charlottenburg

Jiddisch im Rathaus

Eine Ausstellung des Moses Mendelssohn Zentrums begibt sich auf die Spuren von Übersetzungen deutscher Klassiker

von Jérôme Lombard  06.02.2020

Dresden

Junges Museum für junge Leute

Im Alten Leipziger Bahnhof soll eine Ausstellung anderer Art über jüdisches Leben in Sachsen entstehen

von Karin Vogelsberg  06.02.2020

Kiel

Antisemitismus im Norden

Erste Statistik für Schleswig-Holstein

von Heike Linde-Lembke  06.02.2020

Halle

»Leben und Sicherheit«

Die Synagogentür rettete beim Anschlag an Jom Kippur Leben – jetzt wird sie Teil eines Kunstprojekts

von Marek Majewsky  03.02.2020

Kaiserslautern

Zutritt untersagt

Warum die Synagoge bis auf Weiteres geschlossen bleibt

von Martin Köhler  02.02.2020