Jubiläum

Ein offenes Haus

Repräsentanten (v.l.): Arkadi Tsfasman, Vorsitzender der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Rostock, Asja Grymberg und der Vorsitzende der Gemeinde, Juri Rosov Foto: Axel Seitz

Wer das Fachwerkhaus am Großen Moor in der Schweriner Innenstadt dieser Tage betritt, der soll ins Stolpern kommen. Vier der Zehntausenden europaweit verlegten Stolpersteine liegen vor diesem Gebäude. Sie erinnern an den ehemaligen Kantor der Schweriner Gemeinde, Leo Mann, seine Frau Frieda und seine Tochter Käthe sowie an Martin Beutler, ebenfalls Kantor. Während das Schicksal von Käthe Mann ungeklärt ist, weiß man, dass die anderen drei Gemeindemitglieder die Schoa nicht überlebt haben.

Das mehr als 200 Jahre alte Gebäude wurde jahrzehntelang als Wohnhaus genutzt und erhält jetzt eine neue Bestimmung. Künftig beherbergt es das neue jüdische Gemeindezentrum Schwerins. Noch haben hier einige Handwerker letzte Arbeiten zu erledigen, und jeder Besucher muss aufpassen, dass er nicht über Baumaterialien und Werkzeuge stolpert. Doch in diesem Monat soll das ehemalige Rabbinerhaus in neuem Glanz erstrahlen – pünktlich zum 25‐jährigen Bestehen der Jüdischen Gemeinde Schwerin. Genauso lange besteht auch die Jüdische Gemeinde Rostock.

Die vierten Jüdischen Kulturtage
sind für den kommenden Oktober angekündigt.

Zu einer Feststunde am 29. April in Schwerin werden der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, die für Religionsfragen zuständige Justizministerin Mecklenburg‐Vorpommerns, Katy Hoffmeister (CDU), sowie die Vizepräsidentin des Landtags, Beate Schupp (CDU), erwartet.

Première  Wer in der Hansestadt Rostock das jüdische Gemeindezentrum in der Augustenstraße besucht, erlebt ein offenes Haus mit zahlreichen Aktivitäten. Gerade proben Mitglieder der Theatergruppe für die nächste Aufführung, Ende Mai ist die Première des Musicals Alle zusammen vorgesehen, und auch die vierten Jüdischen Kulturtage sind für den kommenden Oktober angekündigt.

Bei »minus null« anzufangen
bedeutet, dass es in dem
Bundesland keine
jüdischen Gemeinden mehr gab.

»Dass es diese Kulturtage gibt, ist für mich auch eine besondere Erfahrung, die mir zeigt, was wir erreichen können, wenn wir nicht allein sind und Freunde haben«, sagt Juri Rosov, der seit mehr als 16 Jahren Gemeindevorsitzender in Rostock ist. »Ich wollte immer die Gemeinde nach außen hin öffnen, um sie in der Stadt zu präsentieren. Es ist nicht sinnvoll, die jüdische Gemeinde als geschlossene Gesellschaft zu sehen«, fährt der 58‐Jährige fort und betont zugleich, dass innerhalb der jüdischen Gemeinschaft nicht alle seinen offenen Kurs von Beginn an unterstützt haben.

Staatsvertrag 25 Jahre nach ihrer Gründung im April 1994 gehören der Rostocker Gemeinde derzeit rund 580 Mitglieder an. Asja Grymberg kam 1998 von Kiew nach Rostock, mit zwei damals sechs und neun Jahre alten Jungen. Heute blickt die 51‐jährige Sozialarbeiterin mit Genugtuung zurück: »Es war richtig, damals die Ukraine zu verlassen. In Rostock sind meine Söhne zur Schule gegangen, haben heute beide ihren beruflichen Weg gefunden und sind deutsche Staatsbürger.« Es sind vor allem die Kinder der Emigranten, die in Deutschland für die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft stehen. »Heute sprechen die Kinder perfekt Deutsch und dafür Russisch mit Akzent«, sagt Juri Rosov und schmunzelt.

Wer mit dem Vorsitzenden über die ersten Jahre der Jüdischen Gemeinde in Rostock spricht, der bekommt die gleiche Antwort wie vom Vorsitzenden des Landesverbands, dem Schweriner Valeriy Bunimov: »Wir haben damals bei minus null angefangen, wir hatten nichts.« Aus diesem Nichts sind in 25 Jahren sowohl in Rostock als auch in Schwerin neue Gemeindezentren entstanden, Synagogen wurden gebaut, und beide Gemeinden bekamen mit Unterstützung der jeweiligen Stadtverwaltungen neue Friedhöfe. 1996 schloss der Landesverband mit der Landesregierung von Mecklenburg‐Vorpommern einen ersten Staatsvertrag.

Bei »minus null« anzufangen bedeutet, dass es in dem Bundesland keine jüdischen Gemeinden mehr gab. Die 1948 zugelassene Jüdische Landesgemeinde Mecklenburg existierte im Wendejahr 1989 in der DDR nur noch aus formaljuristischen Gründen, hatte acht Mitglieder, von denen nicht einmal alle um ihre Mitgliedschaft wussten.1992 kamen die ersten jüdischen Emigranten aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion auch nach Mecklenburg‐Vorpommern. Die damalige Landesregierung entschied sich dafür, die jüdischen Emigranten auf Rostock und Schwerin zu verteilen. Heute gehören der Schweriner Gemeinde knapp 700 Juden an, von denen rund 120 in Wismar wohnen.

2005 zählte die
Schweriner Gemeinde
noch rund 1000 Mitglieder.

2005 – da zählte die Schweriner Gemeinde noch rund 1000 Mitglieder. Auch die Rostocker Gemeinde hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Mitglieder verloren, viele Juden verließen Mecklenburg, zogen in andere Regionen Deutschlands, zudem sind zahlreiche Gemeindemitglieder gestorben.

Zukunftssorgen »Wie wird die Zukunft aussehen?«, fragt sich Valeriy Bunimov. Der 70‐Jährige ergänzt: »Die Gemeinde wird bleiben, aber jüngere Mitglieder müssen mehr Verantwortung übernehmen.« So wie die Sozialarbeiterin Janina Kirchner und Natella Levi, Sprecherin des Schweriner Gemeindevorstands. Die beiden Söhne von Janina Kirchner sind in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen, auch sie stehen mittlerweile im Berufsleben. Die Tochter von Natella Levi wurde in Schwerin geboren und besucht derzeit noch das Gymnasium.

Beide Frauen schauen mit unterschiedlichen Gefühlen zurück. »Es war nicht immer einfach in den vergangenen 25 Jahren«, sagt Janina Kirchner, »aber trotzdem bin ich glücklich, dass wir nach Deutschland gekommen sind. Heute gibt es viel Gutes für meine Familie.«

Natella Levi hingegen sorgt sich um die Gegenwart und die Zukunft: »Die politische Situation in Deutschland hat sich geändert«, merkt die 46‐Jährige mit leiser Stimme an. Bei allen gesellschaftlichen Problemen gehören die vergangenen 25 Jahre zweifellos zu den erfolgreichsten für das Judentum in Mecklenburg.

Weder das Vierteljahrhundert vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten noch das Vierteljahrhundert nach der Schoa sah so mitgliederstarke jüdische Gemeinden in Rostock und in Schwerin. Viele Gemeindemitglieder kamen als Emigranten, heute sind sie deutsche Staatsbürger. Ihre Kinder und Enkel wuchsen hier auf, und sie alle bereichern seitdem das gesellschaftliche Leben in Mecklenburg‐Vorpommern. Auf die Frage, wo ihre Heimat sei, antwortet Janina Kirchner: »Meine Heimat ist da, wo meine Familie ist.«

Die Feststunde zu 25 Jahren Landesverband und zur Eröffnung des neuen Schweriner Gemeindehauses findet am 
29. April ab 15 Uhr am Großen Moor 12 
in Schwerin statt.

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