Chemnitz

Ein Leben voller Wunder

1938 zerstört: die alte Chemnitzer Synagoge

Nehmen sie mich beim Wort: Es ist wirklich ein Wunder!« Damit meint Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, das 125‐jährige Bestehen der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz. Am 12. Oktober leiteten zahlreiche Gäste und Redner, darunter neben der Zentralratspräsidentin die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig und Staatsminister Johannes Beermann, mit einem Festakt in den Kunstsammlungen Chemnitz die Jubiläumsfeierlichkeiten ein.

Zugleich eröffnete in den Kunstsammlungen am Theaterplatz eine Sonderausstellung, die 125 Jahre jüdisches Leben in der sächsischen Stadt dokumentiert. Die Ausstellung vereint rituelle Gegenstände, Kunstwerke, Fotografien und amtliche Schriften, die mehr als 20 Leihgeber zur Verfügung stellten. Zu sehen sind auch Filmdokumente, in denen Chemnitzer Juden davon berichten, wie sie den Holocaust überlebten. Die Zeitzeugnisse stammen aus der Shoa Foundation von Regisseur Steven Spielberg.

Rückkehr Von einem Wunder war bei der Festveranstaltung noch oft die Rede: Ein Wunder, dass während des Nationalsozialismus das jüdische Leben in Chemnitz nicht völlig zerstört wurde, und dass ab den Jahren 1945 und 1946 etwa 60 Juden in die Stadt zurückkehrten. Ein Wunder, dass es die Wiedervereinigung gab, die nicht nur Deutsche aus Ost und West wieder zu einem Volk machte, sondern auch die Basis dafür schuf, dass sich jüdische Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland – auch in Chemnitz – niederließen.

Ihnen ist es zu verdanken, dass die jüdische Gemeinschaft der Stadt, die 1989 nur noch ein Dutzend Mitglieder hatte, heute wieder auf fast 700 angewachsen ist. Ein Wunder, so betonte die Chemnitzer Oberbürgermeisterin, dass sich die Zuzügler nicht von den Unsicherheiten und der Arbeitsplatznot der Nachwendezeit entmutigen ließen. In den 90er‐Jahren verließen Zehntausende Chemnitzer ihre Stadt, doch die jüdischen Zuwanderer kamen. »Gibt es einen größeren Vertrauensvorschuss«, fragte Oberbürgermeisterin Ludwig. »Ich bin dankbar dafür, dass sie Chemnitz zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht haben. Ich hoffe und wünsche, es mögen noch mehr Juden hierherkommen«, fügte sie hinzu.

In der Rede der Oberbürgermeisterin schwang die Hoffnung mit, die jüdische Gemeinde möge bald wieder eine so tragende Rolle in der Stadt spielen wie während der Vorkriegszeit. Ab 1867 zogen die ersten Juden vor allem aus dem Königreich Preußen nach Chemnitz. Knapp 20 Jahre später wohnten bereits mehr als 500 Menschen jüdischen Glaubens in Chemnitz. Sie konstituierten im November 1885 offiziell die »Israelitische Religionsgemeinde Chemnitz«. 1899 eröffnete die Gemeinde, die sich inzwischen auf 1.000 Mitglieder verdoppelt hatte, ihre Synagoge. Das Gotteshaus galt bis zu seiner Zerstörung in der NS‐Zeit als »Zierde des Kaßbergs«.

Rege beteiligten sich die jüdischen Bürger zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Wirtschafts‐ und Geistesleben der Stadt. Zum Einkaufen gingen die Chemnitzer in die Warenhäuser Schocken und Tietz. Die Schriftsteller Stefan Heym und Stephan Hermlin sind berühmte Söhne der Stadt. Jüdische Kulturfreunde taten sich als Stifter der Oper und Sammler von Kunstwerken hervor. Zahlreiche expressionistische Werke verdanken die Chemnitzer Museen noch heute jüdischen Schenkungen. »Jüdische Bürger gestalteten mit Mut zur Moderne ihre Stadt mit«, sagte Oberbürgermeisterin Ludwig.

»Niemand konnte begreifen, dass auf diese Blüte die Vernichtung folgen sollte«, brachte Charlotte Knobloch die Rede auf das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Doch heute, 65 Jahre nach Kriegsende und 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, sieht Knobloch nicht nur in Chemnitz das Fundament für ein »neues, lebendiges, zukunftsfestes Judentum« in Deutschland.

Warnung Wie Charlotte Knobloch dankte auch Ruth Röcher, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, der Stadt und dem Land Sachsen für ihre Unterstützung. Staatsminister Johannes Beermann sicherte den jüdischen Gemeinden zu, dass Sachsen weltoffen bleibe: »Feinde der Demokratie und Toleranz dürfen keine zweite Chance bekommen. Weder hier noch anderswo.«

Seit acht Jahren hat die Jüdische Gemeinde Chemnitz wieder eine Synagoge. Das Gemeindezentrum bezeichnet Ruth Röcher als Ort der Begegnung für alle Bürger. Allein in den letzten zehn Jahren entstanden sechs jüdische Vereine in Chemnitz. Mit den Kunst‐ und Kultureinrichtungen der Stadt ist die Gemeinde gut vernetzt. Die »Tage der jüdischen Kultur«, die schon seit 1992 stattfinden, sind ein fester Bestandteil des Chemnitzer Kulturlebens.

Das musikalische Rahmenprogramm des Festaktes bestätigte die Hoffnungen der Gäste auf eine neue Blüte jüdischer Kultur in Chemnitz. Die Sopranistin Svetlana Katchour bot ein ergreifendes Friedensgebet »Osseh Shalom« dar, am Flügel begleitet von Jeffrey Goldberg. Und die Chöre der Jüdischen Gemeinde Chemnitz sangen mit so viel Schwung und Lebensfreude, dass die Zuhörer sich begeistert eine Zugabe erklatschten.

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