Kaddisch

Ein Gebet, das verbindet

Der Künstler Joachim Seinfeld will per Film die Vielfalt der Berliner Gemeinde zeigen

von Philipp Fritz  19.02.2018 18:33 Uhr

Anfang März soll das Kaddisch-Projekt fertig sein, sagt Joachim Seinfeld. Foto: Gregor Zielke

Der Künstler Joachim Seinfeld will per Film die Vielfalt der Berliner Gemeinde zeigen

von Philipp Fritz  19.02.2018 18:33 Uhr

Das Kaddisch ist vor allem als jüdisches Trauer‐ oder Totengebet bekannt. Dabei taucht darin nicht einmal das Wort »Tod« auf, dafür hingegen Worte wie »Leben«, »Tag« und »Welt«. Immer wieder wird es in Gottesdiensten angestimmt, bei ganz unterschiedlichen Gelegenheiten. Eine Be­sonderheit: Es darf nur gesprochen werden, wenn mindestens zehn Personen anwesend sind, eine Gebetsgemeinde, auf Hebräisch Minjan. Das Kaddisch sei hochinteressant, ambivalent und spannungsreich, sagt Joachim Seinfeld. »Deswegen verrät es viel über das Judentum.«

Seinfeld produziert aktuell einen Kurzfilm, in dem er einzelne Teile des Kaddischs von Mitgliedern mehrerer Berliner Synagogengemeinden sprechen lässt. Der nicht einmal einminütige Film wird Baustein eines größer angelegten Projekts sein, zu dem auch Interviews mit mehr oder weniger prominenten Juden wie der Schauspielerin und Musikerin Sharon Brauner oder dem Rapper Ben Salomo gehören, in denen es um Identität und Herkunft geht. Darüber hinaus soll es ein Fotobuch geben. Die Veröffentlichung des Ganzen ist für Mitte März angepeilt.

stress Der 55‐jährige Seinfeld sitzt in einem Café in Berlin‐Kreuzberg, er gibt seine Bestellung auf und lehnt sich nach vorne. »Es zieht sich alles etwas hin«, sagt er. Aber er sei guter Dinge, dass sein Kaddisch‐Projekt nach Purim Anfang März fertig wird. Seinfeld fährt sich mit der Hand durch die Haare, er wirkt gestresst, wenn auch nicht übermäßig. Dass die Produktion eines so kurzen Films mit einem derartigen organisatorischen Aufwand verbunden ist, hätte er nicht gedacht.

Nun ist es so, dass am Schabbat während des Gottesdienstes in den meisten Synagogen nicht gedreht werden darf, es müssen andere Termine gefunden werden, wie auch nicht zuletzt Rabbiner und Gemeindemitglieder, die bereit sind mitzumachen. Das dauert.

Hinzu kommen noch andere Projekte Seinfelds, er ist bildender Künstler, zeigt seine Arbeiten auf Einzelausstellungen, ist auf Messen vertreten oder beteiligt sich an Performances. »Meine Steuererklärung muss ich auch noch machen«, sagt er. Der nicht unübliche Stress eines Freischaffenden also.

idee Die Idee zu dem Kaddisch‐Film ist aus einer Ausstellung heraus entstanden, die Seinfeld für die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) kuratiert hat: L’Chaim – Auf das Leben! Gerade wird sie im Klubhaus Spandau gezeigt. Sie soll Einblicke in die Vielfalt jüdischen Lebens geben und so Vorurteilen vorbeugen und entgegenwirken.

In Porträts erzählen jüdische Berliner ihre ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten, und auf der Internetseite der KIgA wird schließlich auch der Kaddisch‐Film zu sehen sein.
Seinfeld will damit zusätzlich die Vielfalt der Synagogengemeinden seiner Stadt zeigen, von der orthodoxen Gemeindesynagoge in der Joachimsthaler Straße, dem unabhängigen Synagogenverein Kahal Adass Jisroel in der Brunnenstraße bis hin zur Gemeindesynagoge am Fraenkelufer, wo Männer und Frauen zwar getrennt, aber auf der gleichen Ebene sitzen und beten. Und weil Seinfeld das Kaddisch besonders spannend findet und es für das Judentum von zentraler Bedeutung ist, fungiert es in seinem Film als das einende Element – trotz aller Unterschiede der Synagogen und ihrer Beter.

Zehn Berliner Synagogen will er insgesamt repräsentiert wissen, alle hat Seinfeld noch nicht beisammen. Das Kaddisch sollte ursprünglich in neun Zeilen gesprochen werden – eine Zeile von jeweils einer Person. Wie Seinfeld dieses Kunststück bei zehn Gemeinden gelingen sollte, wusste er anfangs nicht. »Nun muss ich mal schauen«, sagt er. »Man kann es notfalls auch in mehr Zeilen sprechen«, zeigt er sich flexibel.

Zusammen mit seinem Partner Lukas Wells verantwortet der Künstler auch die Kamera‐ und die Schnittarbeit. Kein leichtes Unterfangen. »Immerhin bin ich kein gelernter Filmer«, sagt der 55‐Jährige. Erst die abschließende Produktion, wenn alles Material zusammengetragen ist, wird in die Hände eines Profis gegeben.

schrankjude Noch aufwendiger als jene handwerkliche Arbeit sei es gewesen, das Vertrauen der Protagonisten zu gewinnen, sagt Seinfeld. Das gilt für den Kaddisch‐Film wie auch für die Interviews mit den prominenten jüdischen Berlinern.

»Am bewegendsten waren für mich aber die Gespräche mit den nicht‐prominenten Protagonisten, die ebenfalls Auftritte bekommen«, sagt Seinfeld. Der Berliner David König zum Beispiel wurde Seinfeld gegenüber sehr persönlich. Er bezeichnete sich als »Schrankjuden« – als jemanden, der sein Judentum nicht nach außen trage und höchstens zu Hause hinter verschlossenen Türen praktiziere.

Geschichten wie diese seien wichtig, meint Seinfeld. Denn sie verdeutlichen gerade Menschen, denen jüdische Kultur oder jüdisches Leben nicht vertraut sind, dass Juden weder religiös sein müssen noch immer eine Kippa oder Schläfenlocken tragen.
Seinfeld stellt seine Kaffeetasse auf den Tisch. Er werde nun gehen, sagt er. Zu Hause müsse er noch kochen. Immer auf dem Sprung, wenig Zeit. An dem Kaddisch‐Film muss er auch noch weiterarbeiten. Dass er rechtzeitig fertig werde, steht für ihn außer Frage – ebenso, dass dank seines Projekts die Vielfalt jüdischen Gemeindelebens in Berlin besser dargestellt wird und mehr Öffentlichkeit bekommt.

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