Schwerin

Ein freudiger Tag

Es ist nicht bekannt, ob dieses Haus in der Schweriner Altstadt jemals eine Mesusa zierte. Doch mit der Eröffnung des neuen jüdischen Gemeindezentrums ist diese kleine Kapsel am Türrahmen des Eingangs deutlich zu sehen. Noch bevor am vergangenen Montag Reden gehalten wurden, befestigten Rabbiner Yuriy Kadnykov, der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern, Valeriy Bunimov, und Zentralratspräsident Josef Schuster die Mesusa.

Für den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland war es bereits der zweite Besuch innerhalb von drei Jahren in Schwerin. »Das ist nicht selbstverständlich gewesen«, betonte Josef Schuster im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, »und ist zugleich eine Wertschätzung für die Arbeit in diesem Landesverband, die besonders und herausragend ist.«

Jubiläum Vor 25 Jahren, im April 1994, gründeten jüdische Emigranten aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion sowohl in Schwerin als auch in Rostock neue jüdische Gemeinden. Dieses Jubiläum wurde nun gemeinsam mit der Eröffnung des neuen Schweriner Gemeindezentrums gefeiert.

Das rund 240 Jahre alte Fachwerkhaus in der Schweriner Altstadt ist seit Jahrzehnten als Rabbinerhaus bekannt; hier wohnte und arbeitete Mitte des 19. Jahrhunderts Samuel Holdheim als Landesrabbiner im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin.

In seiner Rede ging Schuster auf die ungewöhnliche Verbindung zwischen Schwerin und dem Gebäude des Zentralrats der Juden in Berlin ein, wurden doch dort in der Johannisstraße bei Bauarbeiten kürzlich Reste der Reformsynagoge entdeckt, in der auch Samuel Holdheim wirkte.

beauftragter »Als sich der Zentralrat der Juden entschied, die Sanierung des Rabbinerhauses in Schwerin zu unterstützen, war mir diese Verbindung durch Rabbiner Holdheim allerdings noch nicht klar«, betonte Josef Schuster. Der Zentralratspräsident sprach Valeriy Bunimov, der auch Vorsitzender der Rostocker Gemeinde ist, direkt an, als er betonte, sein Anliegen sei es, »die jüdischen Gemeinden als integralen Teil der Gesellschaft zu etablieren und gegenseitige Berührungsängste abzubauen«. Auch werde dieses Haus mit seiner besonderen Geschichte dazu beitragen, »das Gemeindeleben noch aktiver zu gestalten und den Austausch mit den Bürgern der Stadt zu vertiefen«.

Auch das 25-jährige Bestehen des Landesverbands wurde in Schwerin gefeiert.

In der Ablehnung jeglicher Form von Antisemitismus war sich Josef Schuster einig mit der Justizministerin von Mecklenburg-Vorpommern, Katy Hoffmeister. Die innerhalb der Landesregierung für Religionsfragen zuständige CDU-Politikerin hob hervor, dass sich die Abgeordneten des Schweriner Landtags in ihrer Aprilsitzung mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen hatten, dass es auch in Mecklenburg-Vorpommern künftig einen Antisemitismusbeauftragten geben wird.

Wer diesen Posten im Justizministerium übernehmen wird, ist allerdings noch nicht bekannt. Stellvertretend für die Landesregierung betonte Katy Hoffmeister: »Wir wollen, dass die jüdischen Gemeinden ihre Religion in Sicherheit und Freiheit ausüben können. Wir wollen, dass jüdische Mitbürger ihren Glauben nicht verstecken. Sie sollen angstfrei und offen unter uns und mit ihrer Religion leben können. Jüdisches Leben ist willkommen.«

rückkehr Für den Landesverband der Jüdischen Gemeinden fragte dessen Vorsitzender Valeriy Bunimov mit Blick auf das Jubiläum: »Was bedeuten 25 Jahre? Sie bedeuten vor allem die Rückkehr jüdischen Lebens nach Mecklenburg-Vorpommern. Unsere Gemeinden sind ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil religiösen und kulturellen Lebens in unserem Bundesland.« 1994 gab es »keine Synagogen, keine Gemeindezentren, es gab nicht einmal das Elementarste für eine Jüdische Gemeinde, einen jüdischen Friedhof«, so Bunimov weiter. Heute haben die Jüdischen Gemeinden Schwerin und Rostock zusammen ungefähr 1400 Mitglieder.

1994 gab es »keine Synagogen,
keine Gemeindezentren, es gab
noch nicht einmal einen Friedhof.

Das rund 240 Jahre alte Rabbinerhaus bereichere gemeinsam mit der Synagoge und zwei weiteren Gemeindehäusern das Schweriner Stadtzentrum, betonte Bunimov. «Mit der Eröffnung des neuen Gemeindezentrums zeigen wir, dass wir bereit sind für die Zukunft.»

Selbst wenn dieser Tag ein sehr freudiger für das Judentum in Mecklenburg-Vorpommern war, ein Ausruhen auf dem Erreichten wird es nicht geben können. Beide Gemeinden müssen darauf reagieren, dass die Zahl der Mitglieder auch in Schwerin und in Rostock seit einigen Jahren durch Wegzug und Sterbefälle wieder abnimmt und dass es keinen nennenswerten Zuzug mehr gibt. Josef Schuster sagte der Jüdischen Allgemeinen: «Dieser Schrumpfungsprozess ist zwar nicht ideal, aber ich bin davon überzeugt, dass dieser Prozess nicht so weit geht, dass die Gemeinden nicht überlebensfähig sein werden.»

zukunft Eine weitere Aufgabe für die Zukunft sprach Schwerins Oberbürgermeister Rico Badenschier an. Er versicherte der Schweriner Gemeinde seine Unterstützung und die der Stadtverwaltung im Rechtsstreit um die Nutzung des historischen jüdischen Friedhofs. Seit mittlerweile 22 Jahren gibt es keine juristische Entscheidung darüber, ob die Gemeinde die seit 1717 bestehende Begräbnisstätte wieder nutzen darf oder nicht. Eine Anwohnerin klagt gegen Gemeinde und Stadt.

Die Feierhalle möchte die Jüdische Gemeinde Schwerin ebenfalls sanieren.

Direkt neben dem alten jüdischen Friedhof steht auch Mecklenburgs größtes jüdisches Sakralgebäude – die Feierhalle. Und die möchte die Schweriner Gemeinde ebenfalls gern sanieren und nutzen. Insofern war die Feststunde zum 25-jährigen Bestehen der beiden Gemeinden in Schwerin und Rostock ein willkommener Anlass zum Feiern und zum Zurückblicken für das neue Judentum in Mecklenburg-Vorpommern. Zugleich wurde aber deutlich, dass auch künftig Herausforderungen zu meistern sind.

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