Geburtstag

Ein Blumenstrauß für den Zaren

Kölns älteste Bürgerin Bronislawa Kravtsova ist 108 und lebt im Elternheim der Synagogen‐Gemeinde

von Zlatan Alihodzic  18.05.2015 21:01 Uhr

»Meine Mutter liebt klassische Musik, auch heute« sagt Rina Ekelchik (r.) über die 108-Jährige. Foto: Jörn Neumann

Kölns älteste Bürgerin Bronislawa Kravtsova ist 108 und lebt im Elternheim der Synagogen‐Gemeinde

von Zlatan Alihodzic  18.05.2015 21:01 Uhr

Der bunte Orden aus dem Büro des Oberbürgermeisters ist das Erste, was Rina Ekelchik auf den Tisch legt, wenn sie die lange Lebensgeschichte ihrer Mutter zu erzählen beginnt. Er traf erst vor ein paar Tagen bei ihr ein. Schnell schiebt sie dann auch den Orden der Kölner Karnevalisten dazu, die Ekelchiks Mutter ebenfalls geehrt haben. Die Gratulanten stehen Schlange, schließlich ist Bronislawa Kravtsova die älteste Bürgerin der Domstadt. Am Mittwoch feierte sie ihren 108. Geburtstag im Elternheim der Synagogen‐Gemeinde Köln.

Erst ein paar Jahre alt ist das Foto über dem Bett. Es zeigt Bronislawa Kravtsova in einem glänzenden Kostüm, rot und weiß, wie man es hier aus der fünften Jahreszeit kennt. »Sie liebt den Karneval«, sagt die Tochter. Ihre Mutter schaue jeden Tag auf dieses Bild, wenn sie aufwache. Dutzende andere Fotos an den Wänden des Zimmers künden von einem ereignisreichen Leben, auf das Bronislawa Kravtsova zurückschauen kann. Noch mehr Fotos hat Rina Ekelchik in ihrer Tasche. »Das hier ist ihr Vater Grigori mit ihrer Mutter Ester.« Es ist von 1869 und wurde in Odessa aufgenommen. Großvater Isaak sitzt mit Hut, Regenschirm und Zigarette in einem Fotostudio in Odessa. Fast 150 Jahre hat das Foto überstanden, Verfolgung und Flucht.

Familiengeschichte »Meine Mutter wurde am 20. Mai 1907 in Odessa geboren«, erzählt Ekelchik. Ihr Vater war Zeitungsvertreter, der Bruder Journalist – doch auf den Beruf der Mutter kommt Rina Ekelchik dann zunächst nicht zu sprechen, denn viele Anekdoten charakterisieren die nun 108‐Jährige viel besser. »Als kleines Mädchen stand sie mit ihren Klassenkameraden in Odessa und hielt einen Blumenstrauß in der Hand, als Zar Nikolaus II. in einer Kutsche vorbeifuhr. Davon hat sie oft erzählt«, sagt Ekelchik.

Weder arm noch reich sei die Familie gewesen, als die Oktoberrevolution 1917 durch das Land fegte. »Aber all ihren Schmuck hat meine Mutter verloren«, erzählt die Tochter. Die Familie blieb in Odessa. Erst mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs flüchtete sie aus ihrer Heimat. Bronislawa Kravtsova verlor dabei ihre erste Tochter. »Sie wurden nach Kasachstan gebracht. Es war eine sehr schlechte Zeit, meine Mutter hat oft davon erzählt. Alle schliefen zusammen in einem Zimmer – auf dem Boden. Ihre Tochter starb, es gab nur wenig zu essen. Davon hat sie immer wieder gesprochen«, erzählt Tochter Rina Ekelchik.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte die Familie nach Odessa zurück, musste dort ein Jahr lang bei Verwandten und Bekannten wohnen, bis Kravtsovas Ehemann Michael eine Wohnung renovieren konnte. Bronislawa arbeitete als Musiklehrerin, trat manchmal mit ihrer Zwillingsschwester, einer Sängerin, im Duett auf.

Deutschland 1994, mit 86 Jahren, scheute sich Kravtsova nicht davor, mit ihrer Familie nach Deutschland auszuwandern. »Wir haben damals Konzerte im Dom und in der Philharmonie besucht«, erzählt Ekelchik. »Meine Mutter liebt klassische Musik, auch heute. Bis letztes Jahr habe ich noch DVDs mitgebracht, und wir haben zusammen Konzerte gehört, heute ist sie dafür zu müde. Aber sie guckt noch russisches Fernsehen und ist informiert. Viele fragen mich, was ihr Geheimrezept ist«, sagt Ekelchik. »Sie hat einfach einen guten Charakter. Und sie macht weder Sport noch Diäten.«

Manchmal fährt Bronislawa Kravtsova auch heute noch im Rollstuhl mit ihrer Tochter in den Saal des Elternheims, um Konzerte zu hören. »Oder wir sitzen zusammen in ihrem Zimmer und schauen uns all die Fotos an. Dann erzählt meine Mutter von früher.« Von der Zarenfamilie, von Odessa, von Auftritten mit ihrer Schwester, von einer Zeit, die 100 Jahre zurückliegt.

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