Dresden

Ein bisschen russische Seele

Sveta Kundish eröffnete das Festival mit einem Liederabend über die Geschichte ihrer Familie. Foto: Elena Pagel

Kaum eine Einwanderergruppe hat solche deutlichen Spuren im hiesigen Kulturbetrieb hinterlassen wie die russischsprachigen Zuwanderer. Die 21. Jüdische Musik‐ und Theaterwoche in Dresden umkreist dieses Thema. Es geht um die Auswirkungen der sowjetisch‐jüdischen Migration auf die deutsche Gesellschaft.

Küf Kaufmann aus Leipzig zum Beispiel. Der Kabarettist, geboren 1947, stammt aus Marx an der Wolga. Er studierte in Leningrad, war Regisseur an der Leningrader »Music Hall«. Nach seiner Ankunft in Berlin 1990 versuchte er, sofort Fuß zu fassen. In Leipzig gelang ihm das schließlich.

Humor Sein jüdischer Humor öffnete ihm die Türen. Kaum jemand könne witziger über die »deutsch‐russische Emigrantenseele« sprechen, heißt es. Außerdem ist er seit mehr als zehn Jahren Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig und seit 2010 auch Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sein Credo und Titel eines Buches: Wodka ist immer koscher. Ein Spiel mit vielen Klischees von Russen, Juden und Deutschen, die er auch während der jüdischen Kulturwoche aufs Korn nahm, vergangenen Dienstag im Dresdner Societaetstheater.

Noch bekannter ist natürlich Wladimir Kaminer, 20 Jahre jünger als Kaufmann, Schriftsteller und Erfinder der legendären Berliner Russendisko. Seine Lesung aus Goodbye Moskau und die anschließende Tanzsause waren schon lange vorher ausverkauft.

Sein Publikum sind neben vielen Deutschen hier lebende russischsprachige Migranten und deren Kinder. Und aus ihnen ist selbst schon wieder eine neue Autorengeneration hervorgegangen, allesamt Allroundtalente wie Oleg Jurjew (geboren 1959 in Leningrad), Olga Martynova (1962 in Krasnojarsk zur Welt gekommen), Dmitrij Kapitelman, 1986 in Kiew geboren und schließlich die 1981 im damaligen Leningrad geborene Lena Gorelik. Zu erleben waren sie am vergangenen Wochenende in einer postsowjetischen Lesenacht.

Klassik Auch die Sängerin und Kantorin Sveta Kundish ist längst in der westlichen Welt angekommen. Sie eröffnete das Dresdner Festival mit einem Liederabend über die Geschichte ihrer Familie. Geboren wurde sie vor 35 Jahren in der ukrainischen Stadt Owrutsch, an der Grenze zu Weißrussland. Ihr Urgroßvater war ein streng orthodoxer Jude.

Er hätte sich wohl kaum vorstellen können, dass seine Urenkelin gut 100 Jahre später einmal im Tallit vor der Gemeinde stehen würde, als Vorbeterin. Mit ihrer profunden musikalischen Ausbildung könnte die 35‐Jährige gewiss auch als Künstlerin leben. Aber sie entschied sich für eine feste Anstellung in der Jüdischen Gemeinde Braunschweig. Dabei führte ihr Weg nicht direkt nach Deutschland. 1995 ging sie mit ihrer Familie nach Israel. Dort lernte sie Iwrit und Jiddisch. In Wien studierte sie später Operngesang.

Glaube Als Muttersprachlerin fällt es ihr leicht, sich mit den Zuwanderern in ihrer Gemeinde zu verständigen, über Alltagsprobleme, Tradition und Integration. Das sind ja auch ihre eigenen Themen. »Ich kann nicht sagen, dass meine Familie sehr gläubig ist, aber das Wort Tradition bedeutet schon sehr viel für sie, und dass ich die Tradition weitertrage, dass ich jüdische Lieder singe und in einer Synagoge vorbete, ist für meine Familie sehr wichtig.«

Leitung Leiterin des Dresdner Festivals ist die Musikerin Valeria Shishkova. Ihr Großvater war während des Ersten Weltkriegs mit 13 Kindern von Polen nach Moskau geflüchtet – mit der ganzen Mischpoke, wie sie sagt. Heute sei ihre Familie über die ganze Welt verstreut: Israel, Kanada, USA, Deutschland. »Das ist das Schicksal von uns allen. Ich bin auch mit einer solchen Auswandererwelle gekommen.«

Valeriya Shishkova hat Moskau nicht verlassen, weil sie dort als Jüdin verfolgt wurde. Sie sei auf der Suche nach einem besseren, freieren Leben gewesen, gibt sie offen zu. Doch ihre Identität und ihre Berufung als Klezmersängerin habe sie erst hier in Deutschland gefunden, durch die Begegnung mit dem Judentum. Sie selbst spricht noch mit starkem Akzent. Aber die Kinder, so berichtet sie stolz, beherrschen perfekt Deutsch. Natürlich auch Russisch und Englisch. Ihnen stünden nun alle Türen dieser Welt offen, zeigt sich die Mutter stolz.

Grenzen Künstler mit solchem Hintergrund nehmen eine Art Mittlerfunktion ein, sind sie doch in beiden Welten zu Hause. Leider grenze sich ein Teil der russischsprachigen Gemeinde noch immer ab, klagt Valeriya Shishkova. Als Sängerin und Festivalchefin helfe sie, diese Grenzen zu überwinden.

Für die Musiker Daniel Kahn und Psoy Korolenko gibt es keine Grenzen. Mit ihrer Show »Die Unternationale« lösen sie Beifallsstürme unter den Fans aus. Das Programm der jüdischen Woche spricht von »einer anarchisch‐grotesken Orgie diverser Ismen«. Sozialismus, Zionismus, Satanismus, Alkoholismus und vieles mehr. Und das alles in deutsch‐russisch‐hebräisch‐englischen »Weltverschwörungsformeln«, denen zuzuhören einfach Spaß macht. »Das ist die wahre jüdische Seele«, schwärmte eine Besucherin nach dem Konzert. Sie verstand die vielen Sowjet‐Pointen, die einem Deutschen oft verborgen bleiben. Gerade solche Konzerte stiften neue Identität auf sehr unorthodoxe Weise, weil sie nostalgischen Gefühlen und vor allem jedem postsowjetischen Nationalismus widersprechen.

Und manchmal vermischen sich auch die Biografien auf der Einbahnstraße Wostok goes West. Tina, eine in Dresden lebende Jüdin, stammt aus Nowosibirsk. Sie ging bereits vor dem Mauerfall in die alte Bundesrepublik. Von dort kam sie dann in die damalige DDR und traf Heiko. »Ich komme jetzt aus dem Westen, und er ist der Ossi in unserer Beziehung. Ich bin die Frau aus dem Westen.«

Beide eint allerdings auch, dass sie überhaupt nicht religiös sind. Die Synagoge sei für sie kein Ort der Identitätssuche. Dann schon eher die Jüdische Musik‐ und Theaterwoche mit ihren unverbindlichen Angeboten.

Programm
Do 26. Oktober, 20 Uhr: »Der Parasit. Aus dem Leben eines Sowjetbürgers«
Societaetstheater, An der Dreikönigskirche 1A

Fr 27. Oktober, 19.30 Uhr: Der besondere Schabbat. Ein Dinnerabend zum Kennenlernen jüdischer Kultur
Restaurant Lingner – DHMD, Lingnerplatz 1

Sa 28. Oktober, 20 Uhr: »Schwarz Rot Koscher, Alexej Boris, Kabarett« Societaetstheater, An der Dreikönigskirche 1A

So 29.Oktober, 13 Uhr: Synagogenführung. Die Neue Synagoge Dresden kennenlernen, Neue Synagoge, Hasenberg 1

So 29. Oktober, 13 bis 18 Uhr: 3. Gefilte Fest Dresden Foodfestival der jüdischen Küche Deutsches Hygiene‐Museum, Lingnerplatz 1

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