Chemnitz

Ein beharrlicher Optimist

Siegmund Rotstein sel. A. (1925–2020) Foto: Harry Haertel

Chemnitz

Ein beharrlicher Optimist

Der langjährige Gemeindevorsitzende Siegmund Rotstein wird 90

von Olaf Glöckner  23.11.2015 20:18 Uhr

Im Scheinwerferlicht wollte er nie stehen, und doch kennt ihn fast die ganze Stadt. Siegmund Rotstein, der am kommenden Montag 90 Jahre alt wird, ist Ehrenbürger von Chemnitz und der Stadt sehr verbunden. Das hätte auch ganz anders kommen können, denn als 13-Jähriger sah er, der Sprössling einer deutsch-polnisch-jüdischen Familie, die große Synagoge in Flammen aufgehen. Sein Vater starb in einem Ghetto in Polen, Rotstein selbst überlebte mit Glück das KZ Theresienstadt.

Mehr als 3000 Mitglieder zählte die Chemnitzer Gemeinde vor 1933, fast alle wurden von den Nazis vertrieben oder ermordet. Doch schon im Sommer 1945 gründeten 47 Frauen und Männer die Gemeinde neu. Siegmund Rotstein war einer von ihnen. Endlich konnte der junge Mann auch eine Berufsausbildung absolvieren, er wurde Herrenschneider und arbeitete später im Handel.

Jüdische Gemeinde Rotstein und seine Frau Marianne richten sich in der sächsischen Industriestadt, 1953 zwangsweise in Karl-Marx-Stadt umbenannt, auf Dauer ein. Die jüdische Gemeinde wird zu einem Ort des Rückzugs und der Selbstvergewisserung, auch wenn die Mitgliederzahl sich stetig verringert. Rotstein steht für Kontinuität, Umsicht und Beharrlichkeit. 1966 wählt ihn die Gemeinde erstmals zum Vorsitzenden, und das bleibt er 40 Jahre lang.

Irgendwann in den 80er-Jahren fragen ihn Freunde, warum er die Gemeinde, die nur noch ein Dutzend Mitglieder zählt, nicht schließen wolle. »Vielleicht warte ich ja auf ein Wunder«, soll er in einer Mischung aus Trotz und Ironie geantwortet haben. Kurze Zeit später passiert tatsächlich Wundersames: die Ankunft Hunderter Juden aus der sich auflösenden Sowjetunion sichert einen dynamischen Neubeginn. Als Siegmund Rotstein 2006, mit 81 Jahren, schließlich den Vorsitz abgibt, zählt »seine« Gemeinde mehr als 600 neue Mitglieder, darunter viele junge Familien. Heute hat Chemnitz wieder einen jüdischen Kindergarten, zahlreiche jüdische Vereine und seit 2015 mit Jakov Pertsovsky einen eigenen Rabbiner.

Zuwanderung Mit dem früheren Chemnitzer Oberbürgermeister Peter Seifert (SPD) hatte Rotstein bis 2002 auch den Bau einer modernen Synagoge mit Gemeindezentrum durchgekämpft. Ruth Röcher, die heutige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz, verweist noch auf ganz andere Qualitäten und Erfolge: »Siegmund Rotstein hat die Zuwanderung aus der GUS als Chance begriffen, aber er hat auch jene Familien sehr respektvoll behandelt, in denen nur ein Teil jüdischer Herkunft ist.« Und schließlich habe Rotstein auch alles Erdenkliche für den Erhalt, die Sanierung und die Erforschung des alten jüdischen Friedhofes getan. »Von hier aus konnten wir die Gesamtgeschichte unserer Gemeinde rekonstruieren«, freut sich Röcher.

Von einem Ort des Rückzugs und des Überlebenskampfs ist die Jüdische Gemeinde Chemnitz längst wieder zu einem lebendigen, weltoffenen Haus geworden. Solch eine rasante Entwicklung wäre kaum denkbar gewesen ohne Siegmund Rotstein, den beharrlichen Optimisten. Mazel tov, bis 120!

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026

Berlin

»Ein leuchtendes Beispiel«

Jüdische Gemeinde Chabad zeichnet die First Lady Elke Büdenbender für ihr Engagement zur Stärkung jüdisches Lebens in Deutschland aus

 20.05.2026

Chemnitz

Ausstellung zum Neuanfang der jüdischen Gemeinde Chemnitz

»Jetzt erst recht!«: Eine Ausstellung im Staatlichen Museum für Archäologie erinnert an den mutigen Neuanfang der jüdischen Gemeinde Chemnitz 1945

 18.05.2026

Baden-Württemberg

»Voices of Hope« - Stuttgart ist Bühne für Jewrovision

Die Veranstalter sprechen vom größten jüdischen Gesangs- und Tanzwettbewerb Europas: Am Freitag startet die Jewrovision in Stuttgart. Vorbild ist der ESC, der parallel in Wien stattfindet - jedoch mit anderen Tönen

von Leticia Witte  12.05.2026

Anschlag

Hakenkreuz an Synagoge in Cottbus

Innerhalb weniger Tage ist die Cottbuser Synagoge zweimal von Unbekannten beschmiert worden. In der Nacht zum Montag wurde an der Fassade ein Hakenkreuz entdeckt. Zeitgleich wurde ein alternatives Wohnprojekt mit einer Rauchbombe attackiert

 27.04.2026

Berlin

Berliner Rabbinerin wird Präsidentin der Rabbinical Assembly

Mit Gesa Ederberg übernimmt erstmals eine Europäerin das Spitzenamt der internationalen Organisation

 18.03.2026

Daniel Grossmann

»Wir bleiben sichtbar«

Der Münchener Dirigent erhält die Wilhelm-Hausenstein-Ehrung

von Esther Martel  04.03.2026

Sicherheit

»Keine jüdische Veranstaltung soll je abgesagt werden müssen«

Nach dem Massaker von Sydney wendet sich Zentralratspräsident Josef Schuster in einer persönlichen Botschaft an alle Juden in Deutschland: Lasst euch die Freude an Chanukka nicht nehmen!

von Josef Schuster  17.12.2025

Osnabrück

Rabbiner Teichtal: »Unsere Aufgabe ist es, nicht aufzugeben«

»Wer heute gegen Juden ist, ist morgen gegen Frauen und übermorgen gegen alle, die Freiheit und Demokratie schätzen«, sagt der Oberrabbiner

 24.10.2025