Gespräch

»Die Zukunft sichern«

»Die Aufgabenstellung ist eine riesige Herausforderung«: Geschäftsführer David Klapheck Foto: Graf von Hoehnsbroech

Herr Klapheck, seit Anfang März sind Sie Geschäftsführer der Synagogen‐Gemeinde Köln (SGK). Sie bringen viel Unternehmenserfahrung mit. Lässt sich die SGK wie ein Unternehmen führen?
Natürlich ist eine Gemeinde kein Unternehmen, und hier geht es ja auch nicht um wirtschaftliche oder finanzielle Gewinnmaximierung. Aber es gibt durchaus einige Erfahrungen und betriebswirtschaftliche Rahmenbedingungen, die sich für die Geschäftsführung eignen.

Zum Beispiel?

Etwa im Bereich der Personalführung. Da geht es darum, die hier arbeitenden Menschen, rund 180 Personen, mit ihren Schwächen und Stärken so in den Blick zu nehmen, dass sie effektiv und gemäß ihrer Stärken eingesetzt werden. Oder im Bereich des Haushaltens, da geht es vor allem um unternehmerisches Handeln auf der Ausgabenseite. Die finanziellen Mittel müssen sorgsam eingesetzt werden, um das Leben der jüdischen Gemeinschaft nachhaltig zu sichern. Das erfordert vor allem dann Kreativität, Mut und auch einen langen Atem, wenn es darum geht, Visionen zu verwirklichen, die die Gemeinde nachhaltig voranbringen.

Ist das seit Langem geplante jüdische Gymnasium für Köln eine solche Vision?
Ja, das ist so eine. Wenn man attraktiv bleiben will für das jüdische Leben in einer Großstadt, braucht es ein jüdisches Gymnasium. Die Gespräche sind fortgeschritten.

Was heißt das konkret?
Wir denken an ein dreizügiges Gymnasium, das in seinen Klassen sowohl die jüdische Herkunft von Schülern abdeckt als auch die nichtjüdische Seite von Kindern aus der Nachbarschaft. Aber es sind noch viele Fragen zu klären, nicht nur finanzielle Aspekte. Da geht es beispielsweise um den guten Übergang von der Grundschule ins Gymnasium, um die Gestaltung des Lehrplans oder auch um den Standort. Wir wünschen uns, dass wir dieses Vorhaben in den nächsten fünf Jahren realisieren können. Frau Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sagte bei der Unterzeichnung des 5. Zusatzes des Staatsvertrages mit den jüdischen Landesverbänden in NRW: »Das jüdische Gymnasium in Köln wird kommen.« Auf der anderen Seite hoffen wir auf ein schultaugliches Gebäude von der Stadt.

Köln wirbt gern mit dem Attribut, die älteste jüdische Gemeinde nördlich der Alpen zu beherbergen. Schlägt sich das nieder?
Das bekommen wir immer wieder zu spüren. Die Unterstützung durch die Stadt ist sensationell. Darüber hinaus können wir uns sehr gut in die Stadtgesellschaft einbringen und werden dort gerne aufgenommen. Das zeigen Kooperationen, etwa mit den großen christlichen Kirchen, zuweilen auch der Austausch mit der hiesigen türkisch‐islamischen Union Ditib.

Trotzdem gibt es auch in Köln immer wieder Antisemitismus.
Es hat sich auch hier im Rheinland in den vergangenen zehn Jahren einiges verändert. Früher fand der multikulturelle Austausch einfach statt, und sei es beim Fußballspiel auf der Straße. Heute ist das längst nicht mehr selbstverständlich. Das hängt leider sehr mit dem zugewanderten Antisemitismus zusammen.

Was meinen Sie damit?
In der arabischen Welt zielt Kritik an Israel stets auf das Judentum generell, die Juden an sich. Durch die Zuwanderung in den vergangenen Jahren hat dies stark zugenommen, und die Judenfeindlichkeit tritt immer offenkundiger zutage. Antisemitische Grundtöne hören wir leider aber nicht nur in diesem Zusammenhang. Da müssen wir sehr wachsam sein. Mitunter fehlt leider die entscheidende Unterstützung von verantwortlichen Personen in Politik und Gesellschaft.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Als Zentralratspräsident Josef Schuster im Zuge der ersten großen Flüchtlingswelle sehr vorsichtig und im Konjunktiv darauf hingewiesen hat, dass über die vielen Flüchtlinge auch der Antisemitismus befördert werden könnte, hat er viel Kritik einstecken müssen. Leider wissen wir aus dem Alltag, wie recht er hatte.

Könnte ein jüdisches Gymnasium hier für mehr Aufklärung sorgen?
Davon sind wir überzeugt. Die Einrichtung soll ja allen Konfessionen offenstehen und dazu beitragen, Vorurteile abzubauen. Bildung ist ein hohes Gut in der SGK und spielt für den Gemeindealltag und die Integration von Gemeindemitgliedern eine herausragende Rolle. Denn trotz aller Sicherheitsbedenken und trotz des Antisemitismus: Wir müssen uns auch als lebendiger Teil der Gesellschaft zeigen.

Ist die Integrationsarbeit nach wie vor eine der größten Herausforderungen für Ihre Gemeinde?
Es kommen weiterhin Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, mittlerweile aber auch Menschen aus Israel. Viele Israelis sind säkular und nicht an jüdischen Institutionen interessiert. Wir wollen allen Juden die Möglichkeit eröffnen, sich hier in der SGK heimisch zu fühlen und jüdisches Leben zu erleben und zu leben. Wir wollen eine Plattform bieten für eine feste Gemeinschaft, in der jeder die gemeinsamen Wurzeln erkennt und sich einem Volk, einer Religionsgemeinschaft zugehörig fühlt.

Dazu gehört sicherlich auch ein Rabbiner, der seit eineinhalb Jahren gesucht wird.
Ganz klar: Eine Gemeinde braucht religiöse Führung. Aber einen Gemeinderabbiner für eine orthodox geführte Einheitsgemeinde zu finden, ist Aufgabe des Vorstands, der sich sehr intensiv darum kümmert. Es ist aber nicht so, dass das jüdisch‐religiöse Leben nicht vorhanden wäre. Sicher kann es zu Engpässen kommen. Aber der Chabad‐Rabbiner, der Rabbiner für den Religionsunterricht in der Grundschule und der Kantor, der auch eine Smicha hat, leisten hervorragende Arbeit. Gerade die älteren Menschen dürfen nicht alleingelassen und müssen ernst genommen werden. Egal ob in der Roonstraße oder in den Begegnungszentren Porz und Chorweiler.

Haben Sie persönlich eine Vision für Ihre Tätigkeit in der Synagogen‐Gemeinde?
Die Aufgabenstellung ist eine riesige Herausforderung. Die Gemeinde schrumpft und wird in den kommenden zehn Jahren deutlich weniger Mitglieder haben als heute. Mein Ziel ist es, die Gemeinde darauf vorzubereiten und das Miteinander und den Zusammenhalt so zu organisieren, dass die SGK in eine gesicherte Zukunft gehen kann.

Mit dem Geschäftsführer der Synagogen‐Gemeinde Köln sprach Ulrike Gräfin von Hoensbroech.

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