Rostock

»Die Stadt ist besser als ihr Ruf«

Vor 25 Jahren tobte hier tagelang der Mob. Die Polizei schritt nicht ein. Foto: dpa

Herr Rosov, Sie wohnen jetzt seit genau 20 Jahren in Rostock. Wie erleben Sie die Stadt?
Als meine Familie und ich damals erfuhren, dass wir nach Rostock ziehen sollen, war ich erst einmal sehr erschrocken. Denn auch im ukrainischen Fernsehen hatten wir natürlich die Bilder von den Ausschreitungen in Rostock‐Lichtenhagen gesehen. Aber als wir dann hier waren, merkten wir bald, dass unsere Ängste übertrieben waren. Wir wurden sehr freundlich empfangen, und so wurde es eine Liebe auf den ersten Blick zwischen mir und dieser Stadt – bis heute. Ich versuche immer zu erklären, dass es so viel Negatives im Image von Rostock gibt, was aber nicht stimmt. Die Ereignisse damals haben das Bild angekratzt, aber das ist ungerecht für die ganze Stadt.

Auch wenn Sie selbst damals noch nicht in Rostock waren – was haben Sie in Gesprächen über diese Ausschreitungen erfahren?
Viele Gemeindemitglieder haben mir erzählt, dass sie sich persönlich nicht bedroht gefühlt hätten, es sei ja »nur« gegen die Sinti und Roma gerichtet gewesen. Aber manche verdrängen die Geschehnisse auch, gerade Deutsche. Sie behaupten, das habe nichts mit ihnen zu tun gehabt, die Angreifer seien gar nicht von hier, also aus Rostock, gewesen. Aber das stimmt ja so nicht. Und nur wenige dort in Lichtenhagen waren damals bereit, den betroffenen vietnamesischen Familien zu helfen. Diese Geschichte macht uns Rostockern keine Ehre.

Das alles ist jetzt 25 Jahre her. Gibt es heutzutage konkrete Bedrohungen gegen Ihre Gemeinde?
Das ist schwer zu beurteilen. Die Polizei ist der Meinung, es gebe keine, und dauernd einen Streifenwagen vor der Tür stehen zu haben, würde nur provozieren. Ich sehe das ein bisschen anders – auch wenn ich ungern Polizei vor der Tür stehen habe. Einmal hat mich ein russischstämmiger Polizist hier gefragt, wovor ich Angst habe. Ich antwortete ihm, dass ich keine Angst habe, aber Verantwortung. Ab und zu erreichen uns antisemitische Briefe oder Mails. Wir werden zum Beispiel aufgefordert, Palästinenser zu befreien. Aber wir sind keine Vertreter des Staates Israel. Ich habe keine Palästinenser im Keller, die ich freilassen kann. Zum Glück passiert nichts wirklich Bedrohliches. Aber wenn es 200 Kilometer von hier entfernt, nämlich in Kopenhagen, einen Anschlag auf die Synagoge geben kann, könnte das hier natürlich auch passieren.

Wie sieht es mit muslimischem Antisemitismus aus?

Als Vorsitzender des Migrantenrates habe ich die Möglichkeit, mit Muslimen zu kommunizieren. Viele wollen einfach nur friedlich hier leben, aber manche betrachten uns nicht immer freundlich. Aus meiner Sicht werden sie durch Medienpropaganda arabischer Länder aufgehetzt. Dort spielen Israel und Antisemitismus immer wieder eine Rolle – das merkt man auch hier in Deutschland. Wir dürfen auch die deutschen Rechtsextremen nicht vergessen.

Wie geht es Ihren Gemeindemitgliedern in den verschiedenen Stadtteilen?
Viele werden eher als Russen wahrgenommen, nicht so sehr als Juden. Wenn Kinder in der Schule sagen, dass sie jüdisch sind, gibt es manchmal Konflikte. Leider hat der Begriff Jude auf Schulhöfen einen negativen Beigeschmack – das tut ihnen weh. Und so raten viele Eltern ihren Kindern, ihr Judentum zwar nicht zu verheimlichen, es aber auch nicht zu betonen. Es wäre falsch zu sagen, dass alles perfekt ist, denn es gibt tatsächlich Antisemitismus in Deutschland. Aber das war in Russland und in der Ukraine manchmal noch extremer.

Ihre Gemeinde hat etwa 600 Mitglieder. Welche Aktivitäten können Sie anbieten?
Die meisten jüdischen Gemeinden in den Neuen Bundesländern bestehen aus russischsprachigen Einwanderern. Aber inzwischen ist eine zweite Generation nachgewachsen, die viel besser Deutsch als Russisch spricht – das freut mich sehr. In unseren Gottesdiensten spielen beide Sprachen eine Rolle – neben Hebräisch natürlich. Im Seniorenklub wird Russisch gesprochen, aber bei den Jugendlichen fast immer Deutsch. Wir arbeiten viel im sozialen Bereich und mit Kindern. Es gibt eine Sonntagsschule, wir bieten auch Musik, Schach oder Malerei an.

Wie offen ist Gemeinde nach außen?
Diese Gruppen sind offen für alle, nicht nur für Gemeindemitglieder. Das ist uns wichtig, denn ich wollte hier nie ein Ghetto oder eine geschlossene Gesellschaft aufbauen. Durch meine Arbeit am Theater habe ich viele jüdische Gemeinden in ganz Deutschland besucht und kann gut Vergleiche anstellen. Und ich habe festgestellt, dass es sehr offene, aber auch fast vermauerte jüdische Einrichtungen gibt. Das lässt sich nicht immer mit Sicherheitsbedenken erklären. Ich möchte nicht ein zwar sicheres, aber leeres Haus haben. Ich will, dass hier Leben ist.

Was wünscht sich die jüdische Gemeinde Rostock für die Zukunft?
Wir hoffen, dass wir friedlich und offen in dieser Stadt leben können, dass die Sicherheitsbedenken überflüssig werden. Vielleicht ist es ja zu idealistisch, aber ich wünsche mir, dass die Menschen keine ausländerfeindlichen oder antisemitischen Vorurteile haben. Denn das zerstört unser Leben und deren Leben, denn aus meiner Sicht leben sie in einer sehr düsteren Welt.

Mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Rostock sprach Dörte Rahming.

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