Hohe Feiertage

Die Ruhe weg

Schofarblasen: Zsolt Balla zeigt seinen Töchtern wie man's macht. Foto: Douglas Abuelo

»Rosch Haschana war wunderbar, es waren noch nie so viele Menschen in der Synagoge.« Die Augen von Zsolt Balla, Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft zu Leipzig, leuchten, wenn er an den gerade zurückliegenden Feiertag denkt. Zugleich richtet er den Blick nach vorn, freut sich auf Jom Kippur und Sukkot. Auch wenn die Feiertage in diesem Jahr eine besondere Herausforderung seien, weil sie jeweils mit dem Schabbat zusammenfielen, und dadurch statt zwei gleich drei Festtage aufeinanderfolgen. »Aber Gott gibt einem die Kraft, die man braucht.«

Balla sitzt in der Synagoge in der Leipziger Keilstraße, berichtet davon, wie er die Feiertage vorbereitet. »Insbesondere zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur liegt eine schwere Last auf den Schultern«, sagt er. Nicht nur, dass er die Gebete inhaltlich vorbereiten muss, zudem wird er gemeinsam mit seiner Frau Marina sowohl zu Jom Kippur als auch zu Sukkot die Speisen zubereiten, die die Gemeinde zusammen einnehmen wird.

Halacha »Dabei ist eine strenge Halacha zu beachten«, sagt der Rabbiner. Das bedeutet für ihn unter anderem, dass er zurzeit mehrmals in der Woche in das gut 50 Kilometer entfernte Neusornzig fährt, um dort in einer Bäckerei die koschere Zubereitung des Brotes zu überwachen. »Fünf verschiedene koschere Sorten sind derzeit im Angebot, das Sortiment soll aber noch erweitert werden«, berichtet der gebürtige Ungar, der 2010 als Gemeinderabbiner nach Leipzig kam.

Für andere koschere Produkte muss er nicht so weit fahren, in Leipzig betreiben zwei junge Männer einen Laden, der einmal in der Woche für jeweils zwei Stunden geöffnet hat und in dem auch Fleisch und Milchprodukte erhältlich sind. »Leipzig kann sich in dieser Hinsicht sehr glücklich schätzen«, erklärt der Rabbiner. Auch wenn die Auswahl »in dem Kiosk«, wie er sagt, nicht sehr groß sei, sei er doch gut organisiert. Der 34‐Jährige betont das, weil ihm wichtig ist, dass es zum Kiddusch »nicht nur etwas Wein und ein paar Cracker, sondern eine komplette Mahlzeit« gibt. »Dabei ist die Atmosphäre jedoch wichtiger als das Essen«, fügt Balla hinzu.

Kinder
Zur Vorbereitung der Feiertage besucht der 34‐Jährige auch immer den Kindergarten der Israelitischen Religionsgemeinschaft. »Dann können die Kinder das Schofar blasen, Apfel mit Honig probieren oder zu Sukkot die Sukka besuchen, für die sie häufig Dekorationen basteln«, zählt der Rabbiner auf.

Eine Laubhütte soll auch in diesem Jahr wieder aufgebaut werden. Einige Gemeindemitglieder helfen dabei. »Ich bin immer wieder dankbar und wundere mich oft, wie engagiert die Menschen hier in Leipzig sind«, staunt Balla. »Wir sind keine reiche Gemeinde, 99 Prozent unserer 1300 Mitglieder kommen aus der ehemaligen Sowjetunion, aber helfen kann man auch ohne Geld.«

Sukka Aus Erfahrung weiß Balla, dass die Sukka komplett ausgelastet sein wird, es muss in zwei Gruppen gefeiert werden, wobei erst die älteren Gemeindemitglieder und danach die jüngeren zum Zuge kommen werden.

Feststrauß Und entgegen anderslautender Vermutungen ist es seinen Angaben zufolge kein Problem, den zu Sukkot vorgeschriebenen Feststrauß zu besorgen. Das Gebinde aus Hadassim, Arawot, Etrogim und Lulavim bekommen die Leipziger von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD), wo er es schon vor einigen Wochen bestellen konnte.

Doch Balla erinnert sich auch gern daran, wie er auf einem Markt in Jerusalem die Bestandteile des Feststraußes selbst zusammenstellen konnte. »Da waren unglaublich viele Leute unterwegs, die aus einem enormen Angebot aussuchen konnten«, berichtet er. In wesentlich kleinerem Rahmen habe er so etwas auch im Rabbinerseminar in Berlin erlebt, wo das Angebot auf einem kleinen Markt weniger umfangreich war, dafür aber eine ähnliche Atmosphäre der Vorfreude auf das Fest geherrscht habe.

In den Feiern zu den Festtagen sieht Balla auch eine gute Chance, die weniger aktiven Gemeindemitglieder und unter diesen vor allem die jüngeren Menschen für die Arbeit in der Gemeinschaft zu begeistern. Derzeit seien mehr als 60 Prozent der Gemeindemitglieder älter als 60 Jahre.

Den jungen Leuten müsse die Attraktivität von Religion oft erst nahegebracht werden. »Ich glaube an die Stärke unserer Religion und der Traditionen. Deshalb muss ich für die Menschen die Türen öffnen, darf aber nicht versuchen, sie gegen ihren Willen hereinzuziehen«, erklärt er.

Tradition Seiner Auffassung nach sind die traditionellen Werte des Judentums heute immer noch sehr aktuell. Um sie erfolgreich vermitteln zu können, müsse er seine persönlichen Stärken erkennen. »Manche Rabbiner sind gute Redner, andere gute Sänger, wieder andere sind in erzieherischen Fragen stark. Viele Dinge waren nicht Teil meiner Ausbildung am Rabbinerseminar, aber sie hat mich gelehrt, neue Kräfte in mir zu erkennen.«

Die Frage, ob er nach den bevorstehenden Festtagen etwas zur Ruhe kommt und Urlaub nimmt, beantwortet er mit einem Schmunzeln. »Nein, dafür werde ich keine Zeit haben«, sagt Balla. Schließlich gelte es, die Europäische Rabbinerkonferenz in Berlin vorzubereiten – Balla ist Vorstandsmitglied der ORD.

Liturgie Und nicht zuletzt werde in Leipzig das neue Institut für Traditionelle Jüdische Liturgie, dessen Leiter er ist, den Betrieb aufnehmen. »Damit ist Musik jetzt auch Teil meiner Arbeit«, sagt er und strahlt über das ganze Gesicht. Dabei ist er musikalisch tatsächlich schon länger unterwegs: In der 2007 am Seminar gegründeten Rabbiner‐Band »The Holy Smokes« spielt er Bass und singt. Gerne werden er und seine Mitmusiker in Synagogen eingeladen, um speziell mit Jugendlichen Schabbat zu feiern.

Ob es bei so viel Arbeit nicht hin und wieder zu Problemen mit der Rebbetzin kommt? »Ich bin unglaublich gesegnet mit meiner Frau«, sagt Balla zärtlich. Sie sei stets an seiner Seite, die beiden machten einfach alles zusammen – oder wie es der Leipziger Gemeinderabbiner auf den Punkt bringt: »Wir spielen dieses Spiel zusammen!«

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