Fussball

Die Lilien erinnern sich

Die erste Mannschaft von Darmstadt 1932 mit ihrem Präsidenten Karl Heß (5.v.r.) Foto: cc

Immer mehr deutsche Fußballvereine beschäftigen sich mit ihrer oftmals unrühmlichen Vergangenheit während des Nationalsozialismus und setzen sich mit den Schicksalen ihrer jüdischen Mitglieder auseinander. In Darmstadt hat es 41 Jahre und einen Aufstieg in die Fußballbundesliga gedauert, bis sich die Stadt dazu durchringen konnte, einen öffentlichen Platz nach Karl Heß, dem ehemaligen jüdischen Präsidenten des Bundesligisten SV Darmstadt 98, zu benennen. Künftig, so der Beschluss des Magistrats vom 13. April, soll der Platz vor dem Merck-Stadion am Böllenfalltor »Dr.-Karl-Heß-Platz« heißen.

Für den Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch (Bündnis 90/Die Grünen) war diese Ehrung längst überfällig: »Mit der Benennung des Platzes vor dem Merck-Stadion am Böllenfalltor wollen wir einer großen Darmstädter Persönlichkeit die Würdigung seiner Verdienste für die Stadt und den Verein SV Darmstadt 98 zukommen lassen.«

Publiziert Karl Heß, geboren am 15. Januar 1900, war ein bekannter Darmstädter Rechtsanwalt und seit 1924 im Vorstand der »Lilien«, wie der Verein traditionell genannt wird. Die Vereinsführung übernahm er 1928 und war fünf Jahre lang bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten Präsident. Den damals sportlich im Mittelmaß verharrenden Verein brachte Heß während seiner Amtszeit finanziell wieder auf Vordermann, trieb die Idee des Breitensports voran und beschäftigte sich publizistisch mit dem Verhältnis vom Amateur- zum Profisport.

Nachdem ihm die Nazis seine Rechtsanwaltslizenz entzogen hatten und er aus dem Verein gedrängt worden war, konnten er und seine Familie über Frankreich nach Brasilien fliehen. 1963 kehrte Heß nach Darmstadt zurück, wo er fünf Jahre im Rechtsamt der Stadt tätig war. Seinen Lebensabend verbrachte er ab 1973 wieder bei seinem Sohn in Brasilien, wo er zwei Jahre später verstarb. Viel mehr ist über Karl Heß nicht bekannt. Somit ist ein zentraler Aspekt der Umbenennung des Platzes die Erforschung und Dokumentation der Biografie des ehemaligen Lilien-Präsidenten.

Ausgebootet Dieser Aufgabe widmet sich bereits seit mehr als zwei Jahren, also lange vor dem Aufstieg der »Lilien« in die erste Fußballbundesliga, Martin Frenzel, Vorsitzender des stadtgeschichtlichen Fördervereins Liberale Synagoge Darmstadt (FLS). Ende 2013 hatte Frenzel die Idee für eine Umbenennung des Platzes. Umso erstaunter ist er nun, dass im Beschluss des Magistrats der Förderverein mit keinem Wort erwähnt wird.

Auch aus der Pressestelle der Stadt Darmstadt ist nichts weiter zu erfahren, dort wird nur der Fußballverein als Mitwirkender genannt. So hat es den Anschein, als wolle sich die Stadt jetzt, da die »Lilien« in der Bundesliga sind, ins gemachte Nest setzen. »Es wäre, wie wir finden, ein Gebot der Fairness, uns auf Augenhöhe mit einzubeziehen und unsere Rolle als Motor des Karl-Heß-Platzes anzuerkennen, anstatt uns auszubooten«, meint Frenzel, dem man die Enttäuschung über das Vorgehen anmerkt.

Der Bundesligist selbst steht dem Vorhaben ausdrücklich positiv gegenüber. Nachdem man jahrzehntelang den ehemaligen Präsidenten vergessen hatte, ist man nun froh über die Initiative des FLS. »Als wir von der Idee von Martin Frenzel und dem Förderverein Liberale Synagoge hörten, war uns sofort klar, dass wir dies unterstützen«, betont Tom Lucka, Pressesprecher des SV Darmstadt 98, die wichtige Rolle des FLS. Aus diesem Grund haben die »Lilien« und der Förderverein auch einen Kooperationsvertrag geschlossen, durch den das weitere Vorgehen abgestimmt wird.

Finanziert Zusammen werden Benefiz- und Informationsveranstaltungen zu Karl Heß organisiert, und der Bundesligist wird eine Gedenktafel mit biografischen Informationen zu Heß finanzieren. »Ziel ist es«, so Lucka weiter, »die Darmstädter möglichst breit für diesen großen 98er zu interessieren und auch zukünftig dieses Thema verstärkt in unsere Anhängerschaft hereinzutragen«.

Frenzel lässt sich von dem Vorgehen der Stadt nicht entmutigen. Er recherchiert weiter in Archiven und ist auch in Kontakt mit der in den USA lebenden Enkelin von Karl Heß. Diese habe sich ausdrücklich bei ihm für die Initiative des Fördervereins bedankt und angekündigt, zur Einweihung kommen zu wollen. Frenzel hofft, dass es am 4. November 2016 so weit sein kann. Die Pressestelle der Stadt wollte sich dazu nicht festlegen.

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