Kleingemeinden

Die Hilfsbereitschaft ist groß

Wer braucht Unterstützung? Viele junge Leute bieten beispielsweise Hilfe beim Einkauf an. Foto: Getty Images / istock

Seit Mitte März hat die Jüdische Gemeinde Hameln ihre Räume geschlossen. »Aber unser Büro ist montags bis freitags geöffnet, für die Menschen, die Fragen haben«, sagt die Vorsitzende der Gemeinde, Rachel Dohme.

Bevor die Gemeinde wegen der Schutzmaßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 schließen musste, haben sie und ihre Mitarbeiter jedes Gemeindemitglied angerufen und teilweise auf Russisch erklärt, was jeder darf und was nicht. »Es ist ernst, haben wir ihnen mitgeteilt.«

Pflegeheim Auch die Mitglieder in Pflegeheimen und Krankenhäusern wurden informiert, dass sie nun keinen Besuch mehr bekommen können. »Unsere Anrufer haben Fragen und wollen wissen, was das alles zu bedeuten hat und wie lange es noch dauert – Letzteres möchten wir alle natürlich gerne wissen«, sagt Rachel Dohme.

Auf jeden Fall wird der Seder – schweren Herzens – ausfallen. Und auch die Gemeinderabbinerin Ulrike Offenberg, die im Normalfall alle zwei Wochen bei den Gottesdiensten amtiert, wird natürlich nicht aus Berlin, wo sie lebt, nach Hameln fahren. Gottesdienste abzuhalten, ist derzeit verboten. »Aber wir stehen in einem guten Kontakt und telefonieren regelmäßig«, erzählt Rachel Dohme.

Nun hat es in diesen Tagen gerade einen Todesfall – nicht durch das Virus – gegeben. Doch auch für Beerdigungen gelten neue Gesetze. »Ich werde vorsichtshalber keinen weiteren Menschen über das Datum informieren und alleine am Grab stehen«, sagte Dohme am Sonntag. Da sich die Bundesregierung gegen eine Ausgangssperre entschied, wusste sie am Montagmorgen, dass Rabbinerin Offenberg für die Bestattung doch von Berlin nach Hameln fahren kann.

Das E-Mail-Postfach von Rabbinerin Ulrike Offenberg ist jetzt schon so voll wie selten.

Grundsätzlich aber bedauert Offenberg, dass sie auf die Besuche und Begegnungen nun verzichten muss. Es bleibt das Telefon. Und ihr E-Mail-Postfach ist jetzt so voll wie selten. Dennoch werden die Gemeindemitglieder mit Pessach-Paketen versorgt. »Wenn sie das wünschen, bekommen sie die Haggada, Wein und Mazze. Wir versuchen es, so gut es geht.«

Jetzt will Rachel Dohme erst einmal gemeinsam mit der Rabbinerin die Zeit nutzen und am April-Gemeindebrief arbeiten. »Die Menschen sollen und dürfen nicht den Mut verlieren.«

Veränderung »Purim haben wir noch gefeiert«, sagt Tatjana Malafy von der Jüdischen Gemeinde Rottweil. Doch dann kam der Brief des Zentralrats, und sie wusste, dass nun vieles anders werden würde. »In der Tora steht es geschrieben, dass wir auf unsere Gesundheit achten müssen.«

In normalen Zeiten kommt ein Chasan aus Frankfurt oder aus Hamburg – aber nun können die Gottesdienste sowieso nur noch alleine oder mit der Familie im Internet verfolgt werden. Dennoch hat sie viel zu tun, denn »wir kaufen für unsere Senioren immer ein«. Das galt schon vor der Corona-Krise. Jede Woche können sich Bedürftige an die Gemeinde wenden.

Ein Pessach-Paket geht nach Italien zu drei Geschwistern mit sieben Kindern.

Doch nun ist etwas anders: Jugendliche haben vorgeschlagen, einkaufen zu gehen und den Einkauf vor die Tür zu stellen. »Wer braucht unsere Hilfe?«, fragten sie an. »Ich bin stolz auf unsere Jugendlichen«, sagt Malafy.

Holocaust-Überlebende bekommen seit Langem Mazze, Gurken und Gefilte Fisch zu Pessach von der Gemeinde. »Vorher werden sie angerufen und informiert, dann klingelt der Überbringer und stellt es ab.« Alles kontaktlos.

Pessach Ein ganz besonderes Pessach-Paket hat die Geschäftsführerin auch schon weggeschickt: Es geht nach Italien. Der Rottweiler Gemeinde gehören drei Geschwister mit sieben Kindern an, und sie baten, dass ihre Verwandten in Italien versorgt werden. »Ich hoffe, dass es rechtzeitig ankommt.«

Auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, hat derzeit viel zu tun. Wenn er nicht gerade in Sachen Gemeinde unterwegs ist, dann telefoniert er. »Ich habe mit meinen Mitarbeitern zusammen alle Mitglieder angerufen und gefragt, welche Art Unterstützung sie brauchen. Wir würden alles einkaufen und dann vorbeibringen.« Mazze ist kostenlos, ebenso der Wein, den die Beter sonst nach dem Gottesdienst getrunken haben.

Halles Gemeindevorsitzender Max Privorozki verweist auf Gottesdienste aus New York, Moskau oder Leipzig.

Da die Küche noch funktioniert, gab es auch die Überlegung, Schabbatessen auszuliefern, doch da kam keine Resonanz. Extrawünsche beim Einkauf müssen aber zum Einkaufspreis bezahlt werden. Auch in Halle finden derzeit keine Gottesdienste statt, worauf die Website auch hinweist. »Aber nun hat man im Internet die Wahl und kann Gottesdienste aus New York, Israel, Moskau oder Leipzig verfolgen.«

Pläne Doch Privorozki wagt auch einen Blick in die Zukunft: Er würde gerne die Sommer-Machanot planen und den Schabbaton im Juni. Und am 9. Oktober soll die Tür der Synagoge, die bei dem Anschlag zu Jom Kippur standhielt, als Denkmal auf dem Hof gezeigt werden. Es soll eine neue, sichere Tür geben. 700 Mitglieder zählt die Gemeinde.

Zusammensein »Man weiß die Dinge zu schätzen, wenn man sie nicht mehr hat. Ich vermisse das Zusammensein am Samstagmorgen nach dem Gottesdienst«, sagt Dorit Schleinitz, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Celle, der 52 Mitglieder angehören. Rabbiner Gábor Lengyel amtiert hier des Öfteren und ebenso die Kantorin Aviv Weinberg.

Der Sederabend wird wohl auch abgesagt werden müssen. »Im vergangenen Jahr war er so schön. Und ich habe mich so auf diesen Abend gefreut. Doch jetzt müssen wir Verantwortung übernehmen.« Sie könne sich mit den Online-Gottesdiensten noch nicht ganz anfreunden. Denn von der Atmosphäre reichten sie nicht an einen Gottesdienst in der Synagoge heran, so wie er bis vor Kurzem gefeiert wurde.

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