Geschichte

Die Geburt von Aschkenas

Die Salier-Ausstellung in Speyer beleuchtet auch das jüdische Leben im mittelalterlichen Reich

von Veit-Mario Thiede  09.05.2011 14:15 Uhr

Aus der Dombauhütte: Doppelbogenfenster der Speyrer Mikwe Foto: Museum Speyer

Die Salier-Ausstellung in Speyer beleuchtet auch das jüdische Leben im mittelalterlichen Reich

von Veit-Mario Thiede  09.05.2011 14:15 Uhr

Im Jahr 1074 gewährte Kaiser Heinrich IV. (1050–1106) »an die Juden und die anderen Wormser« das Zollfreiheitsprivileg. Diese früheste kaiserliche Urkunde, in der Juden erwähnt werden, ist derzeit im Historischen Museum von Speyer in einer großen Ausstellung über die Salier zu sehen. Das fränkische Adelsgeschlecht beherrschte im 11. und 12. Jahrhundert das Heilige Römische Reich Deutscher Nation.

blütezeit Die Salierära war auch eine Blütezeit des Judentums im Reich. 1084 hatte Bischof Rüdiger von Speyer für die privilegierte Ansiedlung von Juden gesorgt, um, wie er sagte, »aus einer ländlich geprägten Siedlung eine Stadt zu machen und den Ruhm Speyers tausendfach zu mehren« .1090 stellte Heinrich IV. die Juden von Speyer unter seinen Schutz, bestätigte die vom Bischof gewährten Privilegien und erteilte ihnen reichsweite Gültigkeit. Reise- und Handelsfreiheit wurden den Juden garantiert, ebenso ihr mobiler wie immobiler Besitz. Die Klärung juristischer Konflikte oblag der Eigengerichtsbarkeit. Die jüdischen Gemeinden des Reiches stiegen in salischer Zeit zu rechtlichen Körperschaften mit eigener Verwaltung auf.

Die Maßnahmen der weltlichen und kirchlichen Obrigkeit erfüllten ihren zugedachten Zweck. »Über ein ganzes Netzwerk jüdischer Gemeinden und Niederlassungen auf der Iberischen Halbinsel und Südfrankreich, Italien und Sizilien, auf dem Balkan, in Nordafrika und dem Vorderen Orient versorgten jüdische Fernhandelskaufleute das Abendland mit den kostbaren Waren des Orients«, berichtet der Historiker Werner Transier im Ausstellungskatalog. Die Überschüsse investierten die jüdischen Kaufleute in den regionalen Wirtschaftskreislauf. Speyer war damals eine Großbaustelle, denn Heinrich IV. ließ den Dom erweitern. »Für das Beschaffen größerer Geldmengen für ein Großprojekt wie den Dombau waren Juden von großer wirtschaftlicher Bedeutung«, unterstreicht Transier. Die Handwerker der Dombauhütte arbeiteten auch für die jüdische Gemeinde, wie die ausgestellten Doppelbogenfens-ter aus der Synagoge und der Mikwe zeigen. Die Ruine der Synagoge und das Ri- tualbad vom Beginn des 12. Jahrhunderts gehören zu den herausragenden baulichen Zeugnissen des mittelalterlichen Judentums in Europa.

So wurden die jüdischen Gemeinschaften von Speyer, Worms und Mainz in salischer Zeit zu Zentren jüdischen Lebens und jüdischer Gelehrsamkeit. Ihre Rabbiner entwickelten eigene Riten, Gebete und Gesänge, die wesentlich zur Entstehung einer neuen, der aschkenasischen Tradition beitrugen.

pogrome Doch es kam in salischer Zeit auch zu einer ersten großen Pogromwelle. Davon berichtet die zwischen 1097 und 1140 entstandene Chronik des Mainzer Anonymus. Sie ist in einer Kopie überliefert, die in der Speyrer Schau zu sehen ist. Ausgelöst wurden die Pogrome durch den Aufruf Papst Urbans II. zum Kreuzzug. Gruppen der Kreuzzugsbewegung überfielen 1096 die jüdischen Gemeinden des Reiches. Vielerorts kamen Hunderte um. In Regensburg und Prag entschieden sich die Juden mehrheitlich für die Zwangstaufe, um dem Tod zu entgehen. Nur die Gemeinde von Speyer kam mit elf Ermordeten einigermaßen glimpflich davon. Bischof Johannes hatte den Juden der Stadt Schutz in seiner Burg gewährt.

So war nach den Pogromen allein die Gemeinde von Speyer intakt geblieben. Der Mainzer Anonymus berichtet, dass deren Vorsteher, Mosche ben Jekuthiel, von Kaiser Heinrich IV. die Rückkehr der Zwangsgetauften zum jüdischen Glauben erwirkte. Damit war eine wesentliche Voraussetzung für die Neuorganisation des Judentums im römisch-deutschen Reich geschaffen.

»Die Salier«. Historisches Museum der Pfalz, Speyer,
bis 30. Oktober

www.museum.speyer.de.

Berlin

Koscher Foodfestival bei Chabad

»Gerade jetzt ist es wichtig, das kulturelle Miteinander zu stärken«, betont Rabbiner Yehuda Teichtal

 07.04.2024

Hannover

Tränen des Glücks

Auf der Damentoilette gibt es eine Schminkorgie, während Backstage auch mal die Gefühle durchgehen. Aber »je näher der Abend, desto geringer die Aufregung«

von Sophie Albers Ben Chamo  31.03.2024

Hannover

»Alle sollen uns hören und sehen!«

Tag zwei der Jewrovision beweist, dass immer noch mehr Energie möglich ist. Nach Workshops und Super-Hawdala geht es zur Kirmes und auf die Zielgerade zur Generalprobe am Sonntagvormittag

von Sophie Albers Ben Chamo  30.03.2024

Jewrovision

Perfekter Auftritt

Der Countdown zur 21. Jewrovision läuft. Rund 1300 Teilnehmer und Gäste aus den deutschen Gemeinden purzeln in Hannover aus den Bussen und bereiten sich auf das große Finale am Sonntag vor: Time to Shine!

von Sophie Albers Ben Chamo  29.03.2024

Hannover

Tipps von Jewrovision-Juror Mike Singer

Der 24-jährige Rapper und Sänger wurde selbst in einer Castingshow für Kinder bekannt

 26.03.2024

Berlin

Purim für Geflüchtete

Rabbiner Teichtal: »Jetzt ist es wichtiger denn je, den Geflüchteten die Freude am Feiertag zu bringen«

 21.03.2024

Centrum Judaicum Berlin

Neue Reihe zu Darstellungen von Juden in DDR-Filmen

Im April, Mai, August, September und Oktober werden die entsprechenden Filme gezeigt

 20.03.2024

Stiftungsgründung

Zentralrat der Juden ordnet Rabbinerausbildung neu

Das Abraham Geiger Kolleg und das Zacharias Frankel College sollen durch eine neue Trägerstruktur abgelöst werden - mit Unterstützung der staatlichen Zuwendungsgeber

 26.02.2024

Streit um Wahlordnung

Gericht: Stimmrecht Berlins im Zentralrat aussetzen

Weitere Sanktionen gegen die Berliner Gemeinde könnten folgen

von Michael Thaidigsmann  23.02.2024