Frankfurt/Main

Die Frau mit der Kamera

Chronistin: Ruth Gruber hat die Kamera immer dabei – auch heute noch. Foto: Reel International Films

»Ich wollte Hitler sehen«, sagt Ruth Gruber. Adrett sitzt die 96‐jährige Dame mit blond gefärbten Haaren, Schleifchenbluse und goldenen Ohrringen in ihrem New Yorker Appartement und lächelt großmuttermild in die Kamera.

Mit 20 Jahren war sie dunkelhaarig und die jüngste Person der Welt mit einem Doktortitel. Den machte die jüdische Amerikanerin 1931 in Köln. Zu der Zeit entschließt sie sich, zu einer Hitler‐Kundgebung zu gehen. »Ich wollte einfach verstehen, warum so viele Menschen von ihm fasziniert waren.« Die Neugier bleibt. Sie wird Auslandskorrespondentin und berichtet über die Nürnberger Prozesse und das jüdische Flüchtlingsschiff »Exodus 1947«.

Leider sind die meisten Frankfurter nicht ganz so neugierig, sich die Dokumentation der Reporter‐Ikone, die am 30. September 100 wird, anzusehen. Ahead of Time ist einer von drei Filmen, die im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen am Sonntag in Frankfurt gezeigt wurden. Aber die Zuschauermenge beschränkt sich auf die Zahl der Passagiere in der Ersten Klasse eines Langstreckenflugs. Zwölf Leute nehmen auf den vorderen Plätzen im Kino Orfeo’s Erben Platz. Draußen ziehen erste Gewitterwolken auf. Perfektes Kinowetter.

faszinierend »In den USA ist Ruth Gruber sehr bekannt, nur in Deutschland weiß kaum einer etwas über ihre faszinierende Lebensgeschichte«, erzählt Nicola Galliner, Leiterin des Jüdischen Filmfestivals in Berlin und Potsdam. Sie hat der Jüdischen Gemeinde Frankfurt diesen Film vorgeschlagen.

Er lief nie im deutschen Kino, und kein deutscher Fernsehsender war bislang an der Ausstrahlung interessiert. »Leider gehen die Leute meist nur in Filme, von denen sie schon viel gehört haben«, sagt Galliner. Der zweite Film Alles ist erleuchtet nach dem Bestseller von Jonathan Safran Foer ist besser besucht.

Lili Narell ist aber neugierig auf Ruth Gruber. Sie sagt: »Ich kannte sie bislang nicht. Aber was für eine Persönlichkeit, die in den 30er‐Jahren so eine Karriere – und das als Frau – hinbekommen hat.« Allein Grubers erste Reporterjahre sind gefüllt mit Abenteuer und Gefahr.

Gruber arbeitet für »The New York Herald Tribune« und besucht im Auftrag der USA nicht nur Alaska und die Eskimos. Während des Zweiten Weltkriegs wird Gruber auf eine Geheimmission geschickt. Sie begleitet und interviewt 1.000 jüdische Holocaust‐Überlebende auf der vom damaligen US‐Präsidenten Roosevelt organisierten Schiffsflucht von Neapel in die USA.

Selbstbestimmt Anna Meyer ist eine der wenigen Kinobesucherinnen der 16‐Uhr‐Vorstellung. Sie ist 34 Jahre alt und katholisch aufgewachsen. Sie interessiert sich vor allem für Ruth Gruber als Frau, die selbstbestimmt ihren eigenen Lebensweg geht.

Anna Meyer ist eine Ausnahme, zumindest an diesem Nachmittag. Die anderen Zuschauer von Ahead of Time sind Mitglieder der jüdischen Gemeinde und gehören zur Generation 50‐Plus. »Das ist sehr schade«, sagt Doris Adler, Kulturbeauftragte der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.

Und sie betont: »Unsere anderen Veranstaltungen der Jüdischen Kulturwochen werden viel von Leuten, die sonst wenig mit dem Judentum zu tun haben, besucht.«

Anna Meyer jedenfalls regt der Film zum Nachdenken an. Auf der Leinwand spricht eine deutsche Holocaust‐Überlebende, die Ruth Gruber von Neapel nach New York begleitet hat. Sehr bewegend findet Meyer die Szene, als die Holocaust‐Überlebende beim Erreichen der Freiheitsstatue sagt: »Da fühlten wir uns wieder menschlich.«

Aber die Flugbegleiterin und Studentin merkt auch, wie wenig Fakten sie zur jüdischen Geschichte und Gründung Israels kennt. »Exodus 1947, das habe ich mal gehört, viel mehr weiß ich auch nicht«, sagt sie. Auch Margalith Grünberg betont: »Der Film ist sehr anspruchsvoll. Ich würde ihn gerne nochmal anschauen, um alles zu verstehen.«

Fotos Mit der Exodus kamen 4.500 jüdische Flüchtlinge 1947 in Haifa an. Israels britische Besatzer verweigerten ihnen die Einreise. Gruber interviewt die erschöpften Passagiere, die auf drei Gefangenenschiffen zurück nach Frankreich geschickt wurden. Ihre Fotos von den menschenunwürdigen Zuständen bringen sogar ihren damaligen Chefredakteur zum Weinen.

Der Film ist zu Ende, und draußen hat es sich eingeregnet. Anna Meyer nimmt einen Schluck Kakao und denkt nochmal über die Szene nach, als Gruber sagt: »Ich werde niemals Hitlers Stimme vergessen. Es war die Stimme eines Wahnsinnigen.« Die Studentin sagt: »Ich finde es erschreckend, dass nicht mehr Leute gemerkt haben, was für ein offensichtlich wahnsinniger Mann er war.«

Pessach

Post aus Ludwigsfelde

In diesem Jahr verschickt der Zentralrat 1000 Pakete an Schüler und Studenten. Eine Reportage

von Heide Sobotka  18.04.2019

Jubiläum

Ein offenes Haus

Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern wird 25 Jahre alt

von Axel Seitz  18.04.2019

Köln

Die Stadt zu Gast

Betroffenheit über steigenden Antisemitismus überschattet den Jahresempfang der Gemeinde

von Constantin und Ulrike von Hoensbroech  18.04.2019