Lesung

Die Brückenbauerin

Goral, das bedeutet Los, Schicksal. Das Schicksal ihrer Familie beschreibt Ruth Koren in ihrem Buch Der kleine Vogel heißt Go-ral, erschienen im Psychosozial-Verlag in Gießen. In Briefen und Fotografien über Freunde und Verwandte hat sie die Geschichte aufgespürt, die ihr Vater Leo Freier während der Schoa erleiden musste. Ihm und ihren »ermordeten Verwandten, die ich niemals kennenlernte«, hat sie dieses Buch gewidmet, ebenso wie ihren Kindern, ohne deren hartnäckigen Fragen diese jüdische Familiengeschichte nie zustande gekommen wäre.

Dass der Verlag als Titelbild eine Aufnahme ihrer Eltern im Hof des Krankenhauses im oberschlesischen Beuthen gewählt hat, freute die Autorin besonders. Dieses Foto hat für Ruth Koren eine hohe Aussagekraft, wie sie bei der Buchvorstellung auf Einladung des Kulturzentrums der IKG in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit während der Woche der Brüderlichkeit betonte.

Grausamkeit Kennegelernt hatten sich die Eltern im Krankenhaus, in dem ihre Mutter als Krankenschwester verpflichtet war. Ihr Vater hatte beide Beine verloren – nicht durch einen Unfall, sondern durch die sadistische Grausamkeit eines Nazi-Schergen. Doch das hat Ruth Koren erst später erfahren – von einem Freund des Vaters, der das brutale Geschehen mit ansehen musste.

»Der kleine Vogel heißt Goral. Er begleitet uns ein ganzes Leben«, hatte Ruth Korens Großmutter immer wieder gesagt. Das galt mit ganz besonderen Auswirkungen für den Vater. Seine Krankenschwester und er verliebten sich ineinander, heirateten. 1948 kam Ruth in Berlin zur Welt, wuchs in Leipzig auf, bis die Familie in den Westen flüchtete. Von da an lebte sie in Frankfurt am Main. Mit 21 Jahren wanderte sie nach Israel aus, heiratete ein Jahr später.

Heute lebt die Mutter dreier Kinder in Herzliya. Dem Schicksal kann man nicht entkommen – daran dachte sie bei ihren Besuchen in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem, lange bevor sie die Familiengeschichte zusammentrug. Ihr Vater, so las sie aus ihrem Buch, hatte den Holocaust überlebt, doch entkommen ist er ihm nie: »Er hat seine Beine verloren und seinen Seelenfrieden.« Auch den Wunschberuf Rabbiner konnte er nicht ergreifen. »Viele Jahre später erst verstand ich,« so die Tochter, »dass es Erlebnisse gibt, die Menschen bis ans Lebensende nicht mehr loslassen.«

Begegnung Bei ihrer einfühlsamen Recherche ist es Ruth Koren gelungen, eine Brücke zwischen dem vergangenen und gegenwärtigen Leben, jüdisch-nichtjüdischer Begegnung und zwischen Deutschland und Israel zu bauen. Vielleicht sind das die Gegensätze, die sie auch in ihrer neuen Heimat die Hand zur Versöhnung reichen lassen, wie sie am Beispiel eines Gesprächs mit einem Taxifahrer schilderte: »Wir müssen einen Weg finden miteinander oder wenigstens nebeneinander friedlich zu leben. Der Nahe Osten könnte ein Paradies sein.«

Genau das, nämlich die Hand heute für ein Miteinander auszustrecken, gehört zu den Zielen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Deren diesjähriges Motto »Aufeinander hören – miteinander leben« zur Woche der Brüderlichkeit passte genau zu diesem Abend, den sie als Mitveranstalterin begleitete.

Ihr jüdischer Vorsitzender, Abi Pitum, hatte bei der Münchner Auftaktveranstaltung den Medienwissenschaftler Norbert Bolz zitiert: »Ist nicht das Reden, die Kommunikation heute Kult – Nicht was, sondern dass geredet wird, zählt!« Bolz kommt mit Blick auf Facebook & Co. zu dem Schluss: »Der soziale Zwang, sich in einem Netzwerk zu registrieren, ist ein religiöser Formalismus, ein Ritus ohne Gott.« Pitum folgerte daraus, dass es an denen sei, »die an den einen Gott glauben, auf die Traditionen und Glaubenssätze zu hören, damit wir leben können«.

In München gibt es ein friedvolles Zusammenleben von Christen und Juden. Zugleich forderte er die Anwesenden zu einem noch besseren Miteinander auf. Dass sich diese Notwendigkeit nicht auf München beschränkt, wurde in dem Buch von Ruth Koren auf vielfältige Weise deutlich. Bei alledem ist nicht nur ein Hinhören notwendig, sondern auch ein Hinterfragen, wie Ellen Presser an dem Abend betonte.

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