Erinnerung

Die Bilder von damals

Namenslesung vor dem Gemeindehaus Foto: Chris Hartung

Die Jüdische Gemeinde hat am Montagabend im Gemeindehaus Fasanenstraße an die Novemberpogrome von 1938 erinnert. Wegen der Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls am vergangenen Wochenende fand die Gedenkveranstaltung der Gemeinde einen Tag später als üblich statt. Neben Vertretern aller Fraktionen des Berliner Senats und der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau, nahmen Repräsentanten von Kirchen, Polizei und Gesellschaft sowie der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman an der Gedenkveranstaltung teil.

»Die Ironie der Geschichte hätte für die Jüdische Gemeinde kaum größer sein können«, eröffnete Gideon Joffe die Gedenkveranstaltung, zu der etwa 400 Menschen gekommen waren. »Der 9. November 1938 steht für Tod und Zerstörung, der 9. November 1989 für Leben und Wiederaufbau«, so der Gemeindevorsitzende.

Denn mit dem Fall des Eisernen Vorhangs sei das jüdische Leben in Deutschland erneuert worden – dank der Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion. Umso eindringlicher mahnte Joffe, dieses neu entstandene jüdische Leben zu schützen. »Solange Israel dämonisiert wird, bleibt das Gedenken an die Pogromnacht Pflicht für alle Demokraten«, betonte der Gemeindechef.

Angriff »Beide Ereignisse fordern uns zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte heraus«, stimmte Innensenator Frank Henkel (CDU) seinem Vorredner zu. »Die Bilder von damals lassen uns bis heute nicht los.« Daher sei es die Lehre aus der deutschen Geschichte, Antisemitismus entschieden zu bekämpfen – auch 76 Jahre nach der Pogromnacht. »Ein Angriff auf Juden ist ein Angriff auf unsere Freiheit, unsere Demokratie, unseren Rechtsstaat«, betonte Henkel.

Die Zivilgesellschaft müsse einschreiten, wenn Juden, wie zuletzt im Sommer, auf antiisraelischen Demonstrationen in der Öffentlichkeit beleidigt oder gar attackiert werden. »Niemand darf wegsehen, jeder kann im Rahmen seiner Möglichkeiten helfen«, mahnte der Innensenator. »Berlin ist keine Bühne für Hassprediger.« Die Stadt stehe für friedliches Miteinander der Religionen und Kulturen. Sie sei stolz darauf, Jahrzehnte nach dem Holocaust Juden eine sichere und lebenswerte Heimat geworden zu sein. »Wir werden alles tun, damit das so bleibt«, versicherte Henkel.

kaddisch Das musikalische Rahmenprogramm der Gedenkfeier gestaltete der Violinist David Malaev gemeinsam mit den Kantoren Jochen Fahlenkamp und Avitall Gerstetter. Zum Abschluss wurden am Mahnmal des Jüdischen Gemeindehauses Kränze niedergelegt. Das Gedenkgebet El Male Rachamim sang Kantor Isaac Sheffer. Anschließend sprach Rabbiner Yitshak Ehrenberg das Kaddisch.

Bereits seit Montagmorgen wurden zudem vor dem Gemeindehaus in Charlottenburg die Namen aller 55.696 ermordeten Berliner Juden von Freiwilligen verlesen. Alle Berliner waren dazu aufgerufen, sich daran zu beteiligen. Die jährliche Namenslesung gibt es seit 1996.

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 gingen die Nationalsozialisten zur offenen Gewalt gegen die deutschen Juden über. Etwa 1400 Synagogen wurden deutschlandweit angezündet, Tausende jüdischer Geschäfte zerstört und Wohnungen verwüstet. Etwa 30.000 Juden wurden in Konzentrationslager deportiert, rund 400 bei den Pogromen ermordet.

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