Porträt der Woche

Die Archäologin

Yulia Vodolazska erforscht antike römische Städte und engagiert sich bei ELES

von Jérôme Lombard  16.05.2019 12:17 Uhr

»Auf einer Taglit-Reise in Israel habe ich meine Identität entdeckt«: Yulia Vodolazska (30) lebt in Berlin. Foto: Stephan Pramme

Yulia Vodolazska erforscht antike römische Städte und engagiert sich bei ELES

von Jérôme Lombard  16.05.2019 12:17 Uhr

Was willst du später einmal werden?« Wann immer mir als Kind oder Jugendliche diese Frage gestellt wurde, wusste ich die Antwort genau: Archäologin. Vielleicht waren es die vielen IndianaJones-Filme, die ich mit meinem Vater geguckt habe, die mich schon als Mädchen für die Erforschung alter Kulturen begeistert haben – ich kann es gar nicht so genau sagen. In jedem Fall ist die Archäologie bis heute meine große Leidenschaft.

Nach einem Bachelor in Altertumskunde an der FU Berlin und einem Masterstudium in klassischer Archäologie an der Humboldt‐Universität schreibe ich zurzeit an meiner Doktorarbeit. Dafür will ich mehrere antike römische Städte hinsichtlich ihrer Barrierefreiheit und Seniorenfreundlichkeit untersuchen.

Ich möchte zu den jeweiligen Ausgrabungsorten reisen, die urbanen Strukturen miteinander vergleichen und sie im Rahmen ihres jeweiligen regionalen und lokalen Kontextes gegenüberstellen. Um konkret ein Beispiel zu nennen: Wenn ich mir die israelische Mittelmeerstadt Caesarea anschaue, will ich untersuchen, inwieweit die Kultur der alten Israeliten auf die Stadtgestaltung der Römer vor Ort Einfluss genommen hat.

Mit meinen Eltern bin ich immer schon viel herumgereist. In Italien und Griechenland waren wir einige Male zusammen. Womöglich kommt daher auch mein großes Interesse an den historischen Kulturen dieser beiden Länder. Wenn ich so zurückdenke, setzen meine frühen Kindheitserinnerungen mit einer Reiseerfahrung ein.

Ich untersuche die Ausgrabungsstätten hinsichtlich ihrer Barrierefreiheit und Seniorenfreundlichkeit.

Ich bin 1988 in Charkiv im Osten der Ukraine geboren. Als ich fünf Jahre alt war, kam ich mit meinen Eltern nach Berlin. Meine Mutter ist jüdisch, mein Vater gehört keiner Konfession an. Als sogenannte Kontingentflüchtlinge konnten wir damals relativ unkompliziert ein dauerhaftes Aufenthaltsvisum für die Bundesrepublik bekommen.

Die Wahl fiel damals auf Deutschland und Berlin, weil der Bruder meiner Mutter bereits hier lebte. Er war mit seiner Familie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zunächst nach Israel gegangen. Dort konnte er aber nie richtig Fuß fassen. In Berlin dagegen hat er sich schnell integriert.

Bei meiner Familie war das nicht anders. Der gesamte jüdische Teil meiner Familie ist aus der Ukraine entweder nach Deutschland oder in die USA emigriert.

ballett Religion spielte in meiner Kindheit keine Rolle. Ich bin im Berliner Bezirk Tempelhof im Ortsteil Mariendorf aufgewachsen. In meiner Schulzeit hatte ich viele Freunde mit den unterschiedlichsten Migrationshintergründen: Leute mit vietnamesischen, türkischen und indischen Wurzeln. Außer mir gab es damals an meiner Schule keine anderen jüdischen Schüler, das glaube ich zumindest. Und selbst wenn, hätte ich mit ihnen wahrscheinlich gar nichts anfangen können.

Den einzigen Kontakt, den ich als Kind mit anderen jüdischen Kindern unterbewusst hatte, war im Ballettunterricht im Gemeindehaus der Synagoge in der Oranienburger Straße. Dort habe ich mit acht Jahren zu tanzen begonnen.

Bis ich 20 Jahre alt war, habe ich Ballett getanzt. Danach habe ich mich mehr auf lateinamerikanische Tänze wie Salsa und Bachata fokussiert. Auch Hip‐Hop und Zumba waren dabei. Eine Zeit lang habe ich als Zumba‐Lehrerin in einem Fitnessstudio gearbeitet. Das hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Seit ich an meiner Promotion schreibe, komme ich aber leider nur noch selten zum Tanzen.

Eine Zeit lang habe ich als Zumba‐Lehrerin in einem Fitnessstudio gearbeitet.

Vom Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) bekomme ich ein Promotionsstipendium. Dafür bin ich überaus dankbar. Ohne diese Unterstützung könnte ich meine Doktorarbeit nicht stemmen. Dabei bin ich eher durch Zufall zu ELES gekommen.

Als ich 2008 mit meinem Studium begonnen hatte, gab es das jüdische Studierendenwerk noch nicht. Damals hatte ich ganz klassisch Bafög beantragt. Für Promotionsvorhaben gibt es aber kein Bafög, und als ich mich dann nach Alternativen umgeschaut hatte, bin ich auf ELES gestoßen.

Heute bedauere ich, dass ich nicht schon früher darauf gekommen bin. Denn ebenso wichtig wie die finanzielle Unterstützung ist die ideelle Förderung für mich. Ich nehme aktiv an den Veranstaltungen teil und bin seit einiger Zeit eine der Sprecherinnen der Promovierenden. In meiner Funktion berate ich Menschen, die an einer Promotionsförderung interessiert sind. Da in meiner Familie das Judentum nie gelebt worden ist, erlebe ich durch das Studienwerk die Möglichkeit, mich mehr und mehr damit zu befassen.

masada Meine erste bewusste jüdische Aktivität – wenn man es so nennen will – war mein Taglit‐Aufenthalt in Israel. Ich war damals 25 Jahre alt. Meine Mutter hatte mich darauf hingewiesen. Wieso sie das gemacht hat, weiß ich gar nicht. Ich glaube, sie hatte von Freundinnen davon gehört. Sie wollte mir wohl auch einfach etwas ermöglichen, was sie selbst nicht kannte und wozu sie keinen Bezug hatte. Jedenfalls wollte ich zuerst gar nicht mitfahren, schließlich kannte ich bei Reiseantritt niemanden aus der Gruppe. Mit der Jüdischen Gemeinde in Berlin hatte ich bis dahin nichts zu tun.

Vor Kurzem habe ich meine Mutter einmal zum Gottesdienst mitgenommen. Ich glaube, es war das erste Mal überhaupt, dass sie in einer Synagoge war.

Ich bin dann trotzdem mitgefahren und kann heute sagen, dass es eine grandiose Erfahrung war. Ganz besonders erinnere ich mich an einen Moment: Mit der Reisegruppe fuhren wir um fünf Uhr morgens nach Masada, um von dort den Sonnenaufgang über dem Toten Meer zu beobachten.

Als ich oben auf dem Hügel stand und hinunter auf die Reste der römischen Festung blickte, ist mir zum ersten Mal klargeworden, dass ich jüdisch bin. Ich war plötzlich sicher: Hätte ich im Jahr 73 nach der Zeitrechnung gelebt, hätte ich dort oben mit den Leuten Eleasar ben‐Jairs gestanden und erbittert Widerstand gegen die römischen Invasoren geleistet.

Während der Taglit‐Reise habe ich mein Judentum entdeckt. Ich habe dabei viele gute Freundschaften geschlossen, die bis heute halten.In den darauffolgenden Jahren habe ich mich dann immer mehr mit der jüdischen Kultur und Tradition befasst. Ich habe zum Beispiel auch am »March of the Living« in der KZ‐Gedenkstätte Auschwitz teilgenommen.

GOTTESDIENST Ich bezeichne mich heute selbstbewusst als Jüdin, obwohl ich die Religion als solche nicht streng praktiziere. Zum Beispiel könnte ich nie koscher leben. Dafür liebe ich allein schon Lasagne viel zu sehr. Hin und wieder gehe ich zum Schabbatgottesdienst in die Synagoge am Fraenkelufer in Kreuzberg. Die internationale Atmosphäre dort gefällt mir sehr gut.

Vor Kurzem habe ich meine Mutter einmal zum Gottesdienst mitgenommen. Ich glaube, dass es das erste Mal überhaupt war, dass sie in einer Synagoge war. Es war eine tolle Erfahrung für uns beide.

Mit 30 Jahren bin ich jetzt in einem Alter, in dem ich mir viel mehr Gedanken über meine eigene Identität mache als früher.

Dass die jüdische Tradition durch mich wieder ein Stück weit in meine Familie zurückkommt, finde ich sehr schön. Da ich ein Einzelkind bin, liegt es auch irgendwie an mir, die in der Sowjetunion unterdrückte jüdische Kultur und Geschichte meiner Familie wiederzubeleben.

Mit 30 Jahren bin ich jetzt in einem Alter, in dem ich mir viel mehr Gedanken über meine eigene Identität mache als früher. Ich bin ledig und habe keine Kinder. Dennoch ist mir heute bewusst, dass meine künftigen Kinder jüdisch sein werden. Dass sie ihre jüdische Herkunft selbstverständlich annehmen und leben können, ist mir sehr wichtig.

traum Für die Zeit nach meiner Promotion habe ich viel vor. Am liebsten würde ich in einem archäologischen Museum arbeiten, wo ich mein Wissen an andere weitergeben kann.

Die Antike erscheint vielen Menschen oft als etwas Verstaubtes, als Reminiszenz an den meist langweiligen Lateinunterricht in der Schule. Dieses Klischee möchte ich aufbrechen und zeigen, dass es auch ganz spannende und moderne Zugänge zu dieser Epoche geben kann.

Mein großer Traum ist es, eine Anstellung im Metropolitan Museum of Art in New York zu bekommen. Falls daraus nichts wird, würde ich aber auch zu einer Arbeit im Berliner Pergamonmuseum nicht Nein sagen.

Ich bin jung und fühle mich nicht an Berlin als Lebensmittelpunkt gebunden. Als Archäologin muss man flexibel sein. Die Zeit wird zeigen, wohin es mich verschlägt. Klar ist dabei jedoch, dass ich immer wieder nach Berlin zurückkehren werde. Schließlich lebt meine Familie in dieser Stadt.

Aufgezeichnet von Jérôme Lombard

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