Münster

Deutsch-französische Parallelen

Sie wollte ihren kleinen Bruder retten und beschwor eine Tragödie herauf: »Sarahs Schlüssel« Foto: Camino

Mit dem jüdischen Leben in Frankreich beschäftigen sich die Jüdischen Kulturtage, die derzeit zum zwölften Mal in Münster angeboten werden. Genau genommen erstreckt sich die betrachtete Zeitspanne von der Kriegs- und Nachkriegszeit bis heute. Damit wird ein weiter Bogen von Konflikten und Lösungsbemühungen gespannt.

Die Kulturtage zeigen darüber hinaus, dass auch im Nachbarland die Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhältnis zur Schoa keineswegs geradlinig und widerspruchslos verlaufen ist. Und man kann feststellen, dass sowohl in Frankreich als auch in Deutschland nicht nur die Haltung zur Schoa, sondern auch die Frage nach den aktuellen Bedingungen für jüdisches Leben in den Vordergrund rückt. Zigtausende jüdischer Franzosen ziehen bereits in Betracht, angesichts der sich häufenden antisemitischen Vorfälle ihr Heimatland zu verlassen.

Serge Gainsbourg erinnert im Chanson »Yellow Star« an seine  Kindheitserfahrungen.

Chanson Die Kulturtage haben gleich mit der Eröffnungsveranstaltung einen eigenen Akzent gesetzt, indem sie den urfranzösischen Kulturbeitrag, das Chanson, zum Thema gemacht haben. Viele Zuhörer mögen überrascht davon gewesen sein, dass Chansons nicht nur die bekannten Themen von Liebe und Liebeskummer oder französische Baguette- und Käse-Romantik besingen, sondern sich auch mit Menschen in der Schoa beschäftigt haben.

Der prominenteste Vertreter ist sicherlich der große Provokateur und Tabubrecher im Frankreich seiner Zeit, Serge Gainsbourg. In seinem Lied »Yellow Star« (Gelber Stern) ruft er in Erinnerung, wie er als Jugendlicher den gelben Stern für sich kurzerhand in einen Sheriffstern umdeutete, um damit das Tragen erträglicher zu machen. Das Lied erschien allerdings erst 1975.

Der Eröffnungsabend präsentierte demgegenüber Kompositionen aus der gesamten Nachkriegszeit. So wurde das Chanson »Nuit et Brouillard« (Nacht und Nebel) schon 1963 von einem der versteckten Kinder, Jean Ferrat, geschrieben. Der Name des Liedes griff die Bezeichnung des entsprechenden »Führererlasses« auf, und Ferrat widmete es seinem Vater, der die klassische jüdische Tragödie seiner Zeit erlitt: 1905 Flucht vor den russischen Pogromen nach Frankreich, 1918 Teilnahme am Ersten Weltkrieg als Freiwilliger zur Verteidigung seiner neuen Heimat, 1942 Deportation nach Auschwitz.

Einen atmosphärischen Kontrapunkt dürfte am 25. April die letzte Veranstaltung der jüdischen Kulturwochen bilden.

Erinnerungskultur Das Chanson passte nicht in die Erinnerungskultur der Zeit und wurde damals im französischen Rundfunk nicht gespielt, bis eine Moderatorin, die selbst als Kind versteckt überlebt hatte, es vorstellte und ihm den Weg zum Erfolg ebnete.

Eine literarische Ergänzung zur musikalischen Eröffnung bildete die Lesung von Barbara Honigmann. Wie auch Rafael Seligmann gehört sie zur zweiten Generation jüdischer Nachkriegsschriftsteller in Deutschland. Honigmann lebt jedoch seit geraumer Zeit in Straßburg. Damit war sie eine Idealbesetzung für die Jüdischen Kulturtage und las aus ihrem Buch Chronik einer Straße, in dem sie den kleinen Kosmos in ihrem Viertel in Straßburg mit seinen Originalen und Alltäglichkeiten eindringlich schildert.

Dem französisch-jüdischen Maler russischer Herkunft, Marc Chagall, durch dessen Gemälde jüdische Gestalten und Symbole völlig unbefangen schweben, war eine weitere Veranstaltung gewidmet. Die Kuratorin Ann-Katrin Hahn versuchte, die verschiedenen jüdischen Einflüsse auf diesen bekennend jüdischen Künstler zu ordnen und einzuordnen. Sie stellte dar, wie seine Erlebnisse sein Malen im Einzelnen beeinflusst haben.

Am 14. April wird der sehr sehenswerte Film »Sarahs Schlüssel« gezeigt.

Antisemitismus Der französischen Gegenwart widmete sich der Vortrag von Gila Lustiger, die sich danach einer Diskussion mit dem Publikum stellte. Der Titel ihres Vortrags – »Antisemitismus in Frankreich heute« – bedurfte weder eines Frage- noch eines Ausrufezeichens. Wie fast überall auf der Welt reicht zu diesem Thema die Feststellung alleine. Lustiger skizzierte die aktuelle Situation in Frankreich, was Anlass zu einer lebhaften Diskussion bot.

Der Schwerpunkt des Programms der diesjährigen Kulturwoche lag aber auf der Gattung Film. Das erste Werk, Ein Sack voller Murmeln, ist die Verfilmung eines autobiografischen Romans, der von der Flucht einer Familie vor der stets drohenden Deportation handelt. Er könnte treffend auch den Titel »... and He Lived to Tell« (er überlebte und konnte davon berichten) tragen, denn er handelt von der Chuzpe und den vielen kleinen Wundern, die damals nötig waren, um zu überleben.

Ein weiterer Film, Die Schüler der Madame Anne, zeigt, wie die Kinder einer Problemklasse in einem Problemvorort durch die Beschäftigung mit der Schoa und der Auseinandersetzung mit einem Überlebenden eine neue Sicht auf die Welt und auf sich selbst gewinnen.

Der französische Film »Ein Lied in Gottes Ohr« ist ebenso bissig wie urkomisch.

krieg Am 14. April wird noch Sarahs Schlüssel gezeigt. Der Schlüssel gehört zu dem Schrank, in den die ältere Schwester den kleineren Bruder einsperrt, damit er bei einer Razzia nicht entdeckt wird. Insoweit gelingt der Plan, doch die Schwester kann nicht zurück in die Wohnung. Sie überlebt den Krieg, zerbricht aber an dem Bewusstsein, dass ihr kleiner Bruder sich aus dem Schrank nicht befreien konnte und darin umgekommen ist.

Einen atmosphärischen Kontrapunkt dazu dürfte am 25. April die letzte Veranstaltung dieser jüdischen Kulturwochen bilden. Ein Lied in Gottes Ohr handelt von einer Band, die jüdisch-christlich-muslimisch besetzt ist und – trotzdem? – Erfolg hat. Was somit ein Problemfilm hätte werden können, wird von der Pariser Boulevardzeitung »Le Parisien« als »bissige und urkomische Komödie« beschrieben. Beide Filme werden im Cinema in der Warendorfer Straße 45–47 in Münster gezeigt.

Die Jüdischen Kulturtage Münster sind eine Kooperation der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster und der Volkshochschule Münster.

Kartenvorbestellung: 0251/303 00

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