Köln

Der Retter vom Volksgarten

Gymnasialdirektor Erich Klibansky bewahrte viele seiner Schüler vor der Vernichtung. Jetzt wurde an ihn erinnert

von Roland Kaufhold  24.07.2017 18:29 Uhr

Kurt Marx, der selbst Jawne-Schüler war, zeigt auf die Ausstellungstafel mit seinem ehemaligen Schulleiter Erich Klibansky. Foto: Roland Kaufhold

Gymnasialdirektor Erich Klibansky bewahrte viele seiner Schüler vor der Vernichtung. Jetzt wurde an ihn erinnert

von Roland Kaufhold  24.07.2017 18:29 Uhr

Rund 180 Menschen, darunter viele Nachbarn und zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinde Kölns, haben sich an der neben dem Kölner Volksgarten gelegenen Adresse Volksgartenstraße 10 versammelt, um zu erinnern. Dort hatte Erich Klibansky, der 1900 geborene Direktor des jüdischen Reform-Realgymnasiums Jawne, mit seiner Familie mehrere Jahre lang gelebt.

Vor dem Haus – ein Neubau, das Haus wurde im Krieg zerstört – erinnern großformatige Tafeln an das beeindruckende Rettungswerk Erich Klibanskys, aber es werden auch einige Täter benannt.

75 Jahre zuvor waren vom Bahnhof Köln-Deutz aus mit dem »Transport DA 219« 1164 jüdische Männer, Frauen und Kinder nach Minsk in Weißrussland verschleppt worden. Mitzubringen seien »ein Rucksack mit Bettwäsche und Kleidern sowie Verpflegung für drei Tage« wie auch 50 Reichsmark, lautete die Anordnung. Sogar die Reise in den Tod mussten sie selbst bezahlen. Die Mehrzahl von ihnen stammte aus Köln, aber auch aus dem Umland.

Minsk Direkt nach ihrer Ankunft in Minsk wurden die 1164 Menschen in den südöstlich von Minsk gelegenen Wald von Blagowschtschina gebracht und dort erschossen. Bei den von den Deutschen organisierten Tötungsaktionen wurden mindestens 60.000 Menschen im Wald ermordet. Unter den Verschleppten befanden sich auch Erich Klibansky, seine Frau Meta und deren drei Söhne.

In den Jahren der systematischen Verfolgung und Entrechtung war die Zahl der Schüler der 1919 gegründeten Jawne auf über 400 angewachsen. 1939 gelang es dem vorausschauenden Schulleiter, der die organisierte Vernichtung spürte und davor warnte, 130 Schüler mit den Kindertransporten nach Großbritannien zu bringen und sie so vor der Deportation und Ermordung zu retten. Sein eigenes familiäres Schicksal, so erinnerte der Hauptorganisator der Erinnerungsveranstaltung, Wolfgang Richter von der Projektgruppe Jawne, in seiner Rede, erschien Erich Klibansky hingegen als nicht so bedeutsam.

Dringlichen Bitten von Freunden, selbst nach Liverpool zu emigrieren, gab Klibansky nicht nach: Er werde erst auswandern, wenn er alle seine Schüler gerettet habe, betonte der knapp 40-Jährige. Das letzte Lebenszeichen der Familie Klibansky datiert vom 21. Juli 1942: Noch während der Deportation warfen sie eine Postkarte aus dem Zug, gerichtet an die befreundete Familie Jakoby: »Es drängt mich, Ihnen beiden von Herzen zu danken für alle Hilfe, die Sie uns geleistet haben.« Sie seien »auch die Letzten, die uns Freunde geblieben sind«.

Jawne Viele der 130 Geretteten sind Jahrzehnte später wieder besuchsweise nach Köln zurückgekehrt. Sie alle haben den kleinen, berührenden, versteckt in der St.-Apern-Straße gelegenen Gedenkort Jawne aufgesucht, mit seinem von dem ehemaligen Jawne-Schüler Hermann Gurfinkel gestalteten Löwenbrunnen. Einige wenige von ihnen haben sich, mit tiefer Ambivalenz, nach Jahrzehnten sogar für eine Rückkehr nach Köln entschlossen, einer von ihnen war der Chemiker Henry Gruen.

Der 92-jährige Kurt Marx ist extra aus London angereist, um eine kleine Ansprache zu halten. Auch seine Eltern gehörten zu den in Minsk Ermordeten. »Ich bin 1954 erstmals wieder nach Deutschland gereist«, erzählt er. »Das war sehr schwer.« Und auch die Anreise nach Köln, einen Tag zuvor, gestaltete sich als schwierig: »Zuerst habe ich am frühen Morgen das Flugzeug verpasst, und dann mussten wir wegen des schlimmen Gewitters in Köln in Dortmund landen. So habe ich zwölf Stunden für die Anreise gebraucht.«

Er geht zu den am Zaun der Volksgartenstraße befestigten Papptafeln und zeigt auf ein Foto von einigen ehemaligen Jawne-Schülern, unmittelbar vor ihrer Abreise. »Diese damals 14-jährige Mitschülerin«, bemerkt er, »wohnt heute direkt über mir in London.« Erst 1995, berichtet Kurt Marx in seiner Ansprache, »habe ich die erste Liste der Deportierten gesehen. Und erst 1999, nach 57 Jahren, haben wir gewusst, was in Deutschland passiert ist«.

Die Nachbarschaftsinitiative Erich Klibansky hatte bereits vor fünf Jahren eine erste Gedenkveranstaltung in der Volksgartenstraße organisiert. Eingerahmt wurde die jetzige knapp zweistündige Gedenkveranstaltung von mehreren musikali- schen Einlagen, darunter das Lied »Eli Eli«, vorgetragen von Sivan Yonna, Tal Kaizman und Monika Payen-Schlicht, sowie weiteren erinnernden Redebeiträgen. Das Kaddisch sprach Binjamin Munk, Kantor der Synagogen-Gemeinde Köln. Abschließend verlasen acht junge Erwachsene die Namen und Adressen von 120 bei dem Transport ermordeten Kölner Bürgern.

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