Porträt der Woche

Der Liebe wegen

Valentina Marcenaro kam vor elf Jahren von Italien nach Dresden – und blieb

von Teresa Stelzer  14.06.2010 17:46 Uhr

Beobachtet zarte Anfänge deutsch-jüdischer Normalität: Valentina Marcenaro Foto: Steffen Giersch

Valentina Marcenaro kam vor elf Jahren von Italien nach Dresden – und blieb

von Teresa Stelzer  14.06.2010 17:46 Uhr

Meine Mutter wurde zwar in Ägypten geboren, ihre Eltern waren aber Europäer. Mein Großvater leitete damals das jüdische Krankenhaus in Kairo. Ich kam am 18. Mai 1973 in Mailand zur Welt. Als ich 13 Jahre alt war, sind wir nach Riva del Garda, eine kleine Stadt am nördlichen Ufer des Gardasees, gezogen. Dort habe ich ein Sprachengymnasium besucht. Ich habe Englisch, Deutsch und Französisch gelernt. Für Sprachen begeistere ich mich, seit ich denken kann. Deutsch und Englisch waren auch meine Nebenfächer an der Universität, als ich Literaturwissenschaft studierte.

In unserem Ort gab es keine jüdische Gemeinde. Die nächste war in Verona, doch die gehörte nicht zu unserem Bezirk. Die Gemeinde, die in unserem Bezirk lag, war sehr klein und orthodox geprägt. Nach meinem Eindruck sind die italienischen Gemeinden überwiegend orthodox. Doch auch diese Gemeinde in Südtirol haben wir nie besucht, denn ich komme eher aus einer säkularisierten Familie. Nur ein paar Cousinen mütterlicherseits leben die jüdische Religion.

Strömungen Dennoch war es für uns immer eine Tatsache, dass wir Juden sind, jedoch eher aus kultureller Sicht. Im Alltag habe ich das kaum gespürt, ich bin nicht nach jüdischen Regeln erzogen worden. Ich selbst habe mich später phasenweise mit dem Judentum beschäftigt. Ein Höhepunkt war dabei das Schreiben meiner Diplomarbeit über jüdisch‐amerikanische Literatur. Ich bin nach New York gegangen und habe mich eineinhalb Jahre intensiv mit dem Leben und Werk des Autors Chaim Potok auseinandergesetzt. Dabei habe ich viel über die verschiedenen Strömungen des Judentums gelernt. Ich selbst vertrete eher die liberalen Ideen.

Nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte, sagte ich mir: Du hast so viel mit der englischen Sprache gearbeitet, jetzt musst du etwas für dein Deutsch tun. Also bin ich mit 27 Jahren nach Deutschland gegangen. Es hat mich nach Dresden verschlagen, weil hier die Schwester einer Freundin lebte und mir anbot, bei ihr zu wohnen. Ich wollte sechs Monate bleiben, ein bisschen jobben, mein Deutsch vertiefen. Jetzt sind daraus elf Jahre geworden, denn ich habe hier meinen Mann kennengelernt. Er ist Arzt. Wir haben mittler‐ weile zwei Kinder. Leah ist vier und Joschua acht Jahre alt.

Jüdischkeit Mit den Kindern kam mein Bedürfnis, dem Judentum näherzukommen, wieder. Ich habe überlegt, was ich ihnen weitergeben kann. Für mich gestaltet sich der Zugang zur Religion schwierig, denn als Erwachsener ist man viel kritischer. Ich bin überzeugt, dass man das Religiöse wesentlich in der Kindheit durch die Eltern vermittelt bekommt. Da ich das leider nicht erlebt habe, finde ich es umso spannender, dass meine Kinder jetzt in dieser Tradition groß werden. Natürlich werden sie später entscheiden können, was sie damit machen. Aber wenigstens haben sie die Grundlagen.

Meine Tochter sagt jetzt immer stolz, dass sie schon ein Schulkind ist. Seit ein paar Wochen geht sie wie ihr Bruder in die jüdische Sonntagsschule. Joschua hat kürzlich von selbst die Unterschiede zwischen Christentum und Judentum thematisiert. Da bin ich sehr aufmerksam. Er soll keine andere Religion abwerten. Wir leben hier in einem Land, das überwiegend christlich geprägt ist. Beispielsweise hört Joschua so viel über Weihnachten in der Schule, da können wir das Fest nicht ignorieren. So feiern wir Chanukka und Weihnachten. Ich sehe das nicht so verbissen.

Tradition Als ich meinen Mann kennenlernte, war er nicht jüdisch. Heute möchte er gern zum Judentum übertreten. Das ist von ihm gekommen. Er hat immer nach einer religiösen Zugehörigkeit für sich gesucht. Ich hätte das nie erzwungen, denn meiner Meinung nach ist das eine sehr persönliche Entscheidung. Jetzt möchten wir beide die jüdische Tradition in unseren Alltag integrieren. Wir feiern häufiger Schabbat. Wenn wir Leute zum Kiddusch einladen, warnen wir sie immer vor, dass es bei uns noch nicht so professionell gemacht wird. Das ist für mich auch das Schöne am Judentum: Man hat die Möglichkeit, alles verschieden zu gestalten.

Den Regeln des jüdischen Lebens nähern wir uns eher auf intellektuelle Art, indem wir viele Bücher lesen. Ich lerne gerade Hebräisch. Mein Mann erfährt im Rahmen des Gijurs viel im Unterricht beim Rabbiner. Er geht auch oft in die Synagoge. Für mich ist das mit den kleinen Kindern manchmal noch ein bisschen zu stressig. Als ich nach Dresden kam, kannte ich kaum Leute und habe mich deshalb gleich in der Gemeinde angemeldet. Aber ich habe das Gemeindeleben viele Jahre nicht aktiv mitgestaltet. Ich musste mich beruflich erst orientieren.

freiberuf Heute arbeite ich freiberuflich. Zum einen betreue ich Ausländer, die nach Dresden zum Arbeiten kommen. Ich helfe ihnen, eine Wohnung oder Schulplätze für die Kinder zu finden. Mein Wunsch ist es aber, mich nur vom Kulturmanagement zu ernähren. Meine Arbeit in diesem Bereich habe ich hier in Dresden nach einem Aufbaustudium begonnen. Zunächst habe ich in der Stadt einen italienischen Verein gegründet. Weil die Arbeit da nicht ausreichte, bin ich zum jüdischen Kulturverein »Hatikva« gegangen und habe gefragt, ob ich bei ihren Projekten mitwirken könnte. Die Vereinsvorsitzende, Nora Goldenbogen, die auch die Gemeinde leitet, schlug mir vor, mich eher dort zu versuchen. Seit September 2009 bin ich also Kulturmanagerin der Gemeinde und organisiere die Jiddische Musik‐ und Theaterwoche in Dresden mit.

Natürlich laufen in der Gemeinde viele verschiedene Projekte, ich bin nicht allein für alles zuständig. Die meisten Gemeindemitglieder sprechen Russisch. Mit ihrer Kultur kenne ich mich noch zu wenig aus. Trotz sprachlicher Barrieren möchte ich Veranstaltungen organisieren, die alle ansprechen und die auch für nichtjüdische Leute interessant sind. Die Reihe »Nu ma lacht!«, bei der drei Abende dem jüdischen Humor gewidmet sind, ist mein erster Versuch. Die Resonanz ist sehr positiv. Besonders, als Michael Wuliger aus seinem Buch Der koschere Knigge gelesen hat, herrschte im Gemeindesaal eine heitere Stimmung. Eine Besucherin, selbst keine Jüdin, sagte mir hinterher, dass der Abend für sie so angenehm unbeschwert gewesen sei.

Diese Art von Erleichterung, eine jüdische Veranstaltung ohne schlechtes Gewissen zu besuchen, habe ich bei vielen Besuchern gespürt. Es ist interessant zu sehen, dass der Wunsch wächst, das Judentum als »normal« zu begreifen. Wir sind noch nicht angekommen, aber beide Seiten, die jüdischen und die nichtjüdischen Deutschen, nähern sich an. Die Kultur befindet sich im Umbruch. Das bezeugen Werke von Michael Wuliger und Oliver Polak, die durch ihren Humor auf lockere Weise die grundlegende Aussage treffen, dass wir gewöhnliche Bürger sind, die eben der jüdischen Gemeinschaft angehören. Natürlich muss die Erinnerung an die Schoa weiterbestehen, aber ich habe das Gefühl, der Moment ist gekommen, um in die Zukunft zu blicken.

Normalität Was der Preis der Normalität ist, wenn die jüdische Minderheit hierzulande ihren Sonderstatus verliert, kann ich nicht beurteilen. Die Gemeinden bekommen Geld vom Staat, natürlich brauchen sie es. Für meine Arbeit in der Gemeinde stehen keine Mittel bereit. Ich suche Sponsoren, beantrage Fördergelder. Insofern unterscheidet sich das nicht von der Kulturarbeit anderswo. Das ist Normalität. Gleichzeitig muss ich aber sagen, dass Sponsoren ein bisschen offener sind, wenn sie hören, dass es um jüdische Themen geht. Wahrscheinlich hat das auch mit dem kollektiven schlechten Gewissen im Bezug auf die Schoa zu tun. Mit meiner Arbeit möchte ich jedenfalls dazu beitragen, dass die jüdische Gemeinde sich kennenlernen lässt und ihr Plätzchen in der Dresdner Kulturlandschaft einnimmt.

Aufgezeichnet von Teresa Stelzer

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