Berlin

Der letzte Kiddusch

Beter beim Gottesdienst Foto: Gregor Zielke

Ein älterer Herr kämpft mit den Tränen. »Die wollen uns unsere Synagoge wegnehmen«, sagt er. Zum letzten Mal trafen sich am vergangenen Freitag etwa 30 Beter, Vorbeter und Rabbiner, um gemeinsam in der Herbartstraße Schabbat zu feiern. Bereits vor dem Gottesdienst rangen etliche um die Fassung, denn sie sind enttäuscht und verärgert, dass die Synagoge mit ihrem
liberal‐konservativen Ritus nicht weiter existieren wird.

»Von einer Schließung der Synagoge kann keine Rede sein. Ganz im Gegenteil, sie wird wieder verstärkt mit Leben gefüllt«, sagt Ilan Kießling, Sprecher der Jüdischen Gemeinde. Rabbiner Andreas Nachama habe zuvor schon jahrelang in der Herbartstraße amtiert. »Dass er dort nun dauerhaft wirken wird, ist eine Bereicherung für die Synagoge«, betont Kießling.

Senioren Noch ein letztes Mal zündet Golda Ugoleva die Kerzen an, dann beginnt der Vorbeter mit der Liturgie. »Es trifft ausgerechnet die, die das jüdische Berlin nach der Schoa aufgebaut und geprägt haben – denn etliche leben nun im Seniorenzentrum«, sagt Gabbai Garry Wolff. Die Synagoge gehört dem Seniorenzentrum an, und es ist Brauch, dass der Vorbeter nach dem Gottesdienst die Bewohner des Hauses aufsucht, um mit ihnen ebenfalls zu feiern. »Viele Bewohner sind nicht mehr mobil und auf einen Rabbiner oder Kantor angewiesen, der in ihre Räume kommt«, sagt Wolff.

Doch auch diese Tradition wird es nun nicht mehr geben, denn in den nächsten Tagen wird die Synagoge nach den Plänen des Vereins Synagogengemeinde Berlin Sukkat Schalom, Mitglied der Union der progressiven Juden, umgebaut. Am Dienstag fand eine Übergabe mit den Mitarbeitern der Kultusverwaltung statt, bei der inventarisiert wurde. Bis auf die Orgel und die Bestuhlung wird voraussichtlich alles im Keller des Gemeindehauses eingelagert – auch die Torarolle. »Über die Verwendung des Inventars und den Umfang der Umbauten entscheiden Synagogenvorstand, Gemeindevorstand und Kultusabteilung gemeinsam«, sagt Ilan Kießling.

Im Gottesdienst betonte Rabbiner Yaacov Zinvirt, dass die Mühe von 32 Jahren erhalten bleibe. Sie sei nicht vergebens gewesen. Garry Wolff stellte sich an das Mikrofon und bedankte sich bei allen, die die Synagoge unterstützt haben. »Es tut mir furchtbar leid, dass es nun vorbei ist.« Er habe erst am vergangenen Mittwoch erfahren, so Wolff, dass am 9. August endgültig die Tür für den liberal‐konservativen Gottesdienst geschlossen wird – und auch nur, weil ihm die Kultusverwaltung für seine Dienste als Gabbai gedankt hatte. »Weder der Gemeindevorsitzende noch der Kultusdezernent haben bisher mit mir oder dem Gabbai Mario Wolff darüber gesprochen.«

Renovierung Wann der erste Reformgottesdienst in der Synagoge gehalten wird, das kann Benno Simoni, Vorstandsmitglied von Sukkat Schalom, derzeit nicht beantworten. Selbst für die Hohen Feiertage sind sicherheitshalber für beide Gotteshäuser Karten gedruckt worden. Demnächst soll mit der Renovierung begonnen werden. »Die Gemeinde trägt die Kosten für die Grundsanierung, wir für unsere Sonderwünsche«, sagt Simoni. Im hinteren Teil soll der Kidduschraum eingerichtet werden im vorderen zur Straße gewandten Teil die Synagoge.

»Die Bestuhlung werden wir übernehmen, nur für den Kidduschbereich werden wir für die Hohen Feiertage Klappstühle anschaffen«, sagt Simoni. In dem Synagogenbereich gebe es Platz für 94 Beter. Etwa 80 kommen laut Simoni zu den Gottesdiensten. Eigene Torarollen wird der Verein auf jeden Fall mitbringen. Es wird für die Synagogengemeinde eine Zwischenlösung bleiben, denn sie strebe eine eigene Synagogenbau an, die in der Tradition der Reformsynagoge Johannisstraße steht.

Bereits seit Jahren sucht die Betergemeinschaft nach einem neuen Domizil, da der Raum im Hüttenweg zu klein geworden ist. Dringlich wurde die Lage nun auch, da der Mietvertrag ausläuft. Eine »Synagoge Hüttenweg« wird es demnächst nicht mehr geben.

Ratlos Sich neue Räume suchen und umziehen, dass ist für die Beter der Synagoge Herbartstraße nicht möglich, da sie im Seniorenzentrum leben und nicht mehr mobil sind, sagt Wolff. Der Weg zu weiter entfernten Gotteshäusern ist für viele im Alter nicht mehr möglich. Also werden die Bewohner in Zukunft ohne Gottesdienste auskommen müssen – oder zu dem von Sukkat Schalom gehen. »Das kann ich nicht. Ich gehe nicht zu einem Reformgottesdienst«, betont Ruth Goldstein. Bisher sei sie noch ratlos, wohin es sie am nächsten Freitag zieht.

Auch für Manfred Friedländer, langjähriger Beter und Gabbai der Synagoge Pestalozzistraße und jetziger Bewohner des Seniorenzentrums, kommt das nicht infrage. »Meine Stimmung ist am Boden, ich bin wegen der Synagoge vor einigen Monaten hierher gezogen. Nun hoffe ich, dass wir wenigstens einen Raum gestellt bekommen.«

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