Porträt der Woche

Der Fahrrad-Guide

»Kulturell und konfessionell bin ich vom klassischen deutschen Judentum geprägt«: Asaf Leshem (44) lebt in Berlin. Foto: Chris Hartung

Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie ich Radfahren gelernt habe. Als Jugendlicher in Israel bin ich jedenfalls nicht häufig mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Dafür hätte ich auch ein echt gutes Mountainbike gebraucht. Ich bin 1974 in Yuvalim, einem kleinen Ort in den Bergen Galiläas, geboren. Mit einem gewöhnlichen Stadtfahrrad kommt man in dem hügeligen Gelände dort nicht weit. Da ist es schon besser, sich die Wanderschuhe anzuziehen. Ich glaube, irgendwo in Asien oder Afrika habe ich das Fahrrad als Transportmittel kennen- und lieben gelernt.

Nach meinem obligatorischen Armeedienst bin ich in viele Länder in den beiden Regionen gereist. Wie dem auch sei, die Lust am Radfahren war mir quasi schon in die Wiege gelegt worden. Mein Großvater mütterlicherseits war zeitlebens ein großer Sportfan gewesen. Er stammte aus Berlin, aus dem Bezirk Schöneberg. Als Junge ist er im Volkspark sehr viel Rad gefahren. Davon hat er mir immer wieder erzählt.

WEDDING 1938 konnte mein Großvater in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina emigrieren. Zum Glück noch rechtzeitig. Seine Eltern wurden von den Nationalsozialisten in Berlin ermordet. Meine Urgroßeltern liegen auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee begraben. Es ist ein wunderbarer und spiritueller Ort. Ich besuche regelmäßig ihre Grabstätte. Von meiner Wohnung in Wedding ist das mit dem Fahrrad ja nur ein Katzensprung.

Schon als Jugendlicher war ich lieber in der Natur, als im Klassenzimmer zu sitzen und zu büffeln .

2006 bin ich das erste Mal für eine Woche nach Berlin gekommen. Vorher war ich zwar schon in Deutschland, aber noch nie in der Bundeshauptstadt gewesen. Ich wollte die Stadt meines Großvaters, von der er mir seit frühester Kindheit an so viel erzählt hatte, kennenlernen. Schon nach kurzer Zeit in Berlin stand für mich fest: Hier möchte ich leben. Im April 2007 bin ich dann wiedergekommen, um dauerhaft hier zu bleiben. Kurzentschlossen hatte ich mich an der Humboldt-Universität für den Masterstudiengang Environmental Economics eingeschrieben. Das Studium hat mir großen Spaß gemacht.

STASI Aktuell schreibe ich gerade an meiner Doktorarbeit an einer Universität in England im Bereich »Dark Tourism«. Dabei geht es im Prinzip darum, wie man als Stadtführer die historisch schwierigen Epochen einer Nationalgeschichte gegenüber Besuchern möglichst sensibel thematisiert. Dass man sich als historisch-kritischer Stadtführer einmal Gedanken über die Art und Weise der Vermittlung von Geschichte an Orten wie einem ehemaligen Konzentrationslager oder einem Stasi-Gefängnis macht, halte ich bei meiner Arbeit für sehr wichtig.

Als Stadtführer sollte man Geschichte kritisch vermitteln.

Zum Beispiel hat mich ein Besucher bei einer Tour durch einen ehemaligen SA-Folterkeller einmal gefragt, wo denn nun genau die Inhaftierten verprügelt wurden und ob die originalen Schlagstöcke und Peitschen noch irgendwo zu sehen sind. Dass die Sensationsgeilheit größer ist als das historische Interesse, kommt bei solchen Touren immer wieder einmal vor. Ich versuche, mich darauf vorzubereiten und mit Fakten cool und gelassen darauf zu reagieren

Die Tourismusbranche hat mich schon immer interessiert. Meine Eltern arbeiten in einem Reisebüro, da lag das irgendwie nahe. Ich war in China und Neuseeland an Hotelfachschulen. Das hat mir aber nie wirklich gefallen. Generell war Schule nie so richtig etwas für mich. Schon als Jugendlicher bin ich lieber in der Natur gewesen, als im Klassenzimmer zu sitzen und zu büffeln.

FAMILIE Meine Eltern kommen mich regelmäßig in Berlin besuchen. Meine Mutter spricht sehr gut Deutsch, mein Vater kann sich einigermaßen verständigen. Er hat als Junge Jiddisch gelernt, seine Familie stammt aus Vilnius in Litauen. Allerdings bin ich nicht wirklich mit den beiden Sprachen aufgewachsen. Das bedaure ich heute natürlich sehr. Hätte ich schon mehr Vorkenntnisse gehabt, müsste ich mir die deutsche Sprache jetzt nicht so mühselig an der Volkshochschule erschließen. Im Israel der 70er-Jahre war Deutsch aber nun einmal nicht sehr populär.

Mein Großvater hat die deutsche Kultur immer sehr geliebt.

Nur mein Großvater hat mir als Kind ein paar Wörter beigebracht. Er hat die deutsche Kultur immer sehr geliebt. Ich glaube, wenn er heute sehen könnte, dass ich in Berlin lebe und Deutsch lerne, wäre er stolz auf mich. Nachdem ich meinen Master abgeschlossen hatte, habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen soll. Einen Doktor wollte ich eigentlich gar nicht machen. Diese Idee kam mir erst später. Ein Freund gab mir in dieser Zeit den Tipp, mir ein bisschen Geld mit Stadtführungen dazuzuverdienen. So kam ich zu meinem Job als Berliner Tourguide.

STADTGRENZEN Angefangen habe ich mit klassischen Sightseeing-Touren durch die historische Innenstadt auf Hebräisch und auf Englisch. Nach und nach habe ich mich dann auf bestimmte Aspekte wie »Jüdisches Leben« und »Kalter Krieg« spezialisiert. Später kamen auch noch andere Städte wie Leipzig und Hamburg dazu. Am meisten Spaß machen mir aber die Touren mit dem Fahrrad durch Brandenburg, die ich über meine Website »Cycling Berlin Brandenburg« individuell für Interessierte organisiere.

Egal, in welcher Himmelsrichtung man in Berlin die Stadtgrenze überquert, landet man immer in einer fantastischen Naturlandschaft mit Flüssen, Seen und Wäldern. Das wunderschöne Umland ist einer der vielen Gründe, warum ich mich in Berlin so wohlfühle. Für dieses Frühjahr plane ich eine ganz besondere Geschichtstour. Da sich 2019 der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal jährt, möchte ich gemeinsam mit einem befreundeten Stadtführer eine Tour entlang des historischen Mauerwegs in Berlin und Brandenburg anbieten.

Da es sich hier um rund 160 Kilometer handelt, soll es selbstverständlich eine geführte Radtour sein. Die Themen »Mauer«, »DDR« und »Friedliche Revolution« sind für viele Deutsche und internationale Gäste äußerst sensible historische Ereignisse. Daher werde ich mir sehr genau überlegen, wo ich Stopps mache und was ich jeweils sagen werde. Mit diesem Tourformat kann ich meine Erkenntnisse aus dem Forschungsgebiet des »Dark Tourism« gleich praktisch umsetzen. Darauf bin ich genauso gespannt wie auf die Menschen, die an der Tour teilnehmen wollen.

Wo könnte ich mich enger der deutsch-jüdischen Tradition verbunden fühlen als in Berlin?

Zu meinem Heimatland Israel habe ich eine enge Beziehung. Neben meinen Eltern und meinen beiden Geschwistern leben viele gute Freunde dort. Mindestens zweimal im Jahr besuche ich sie. Für meine Neffen und Nichten, die ich inzwischen habe, will ich ein guter Onkel sein. Wieder dauerhaft in Israel zu leben, kann ich mir aber derzeit nicht vorstellen. Allerdings bin ich auch erst 44 Jahre alt, und wer weiß, wie ich in zehn oder mehr Jahren darüber denke. Aktuell habe ich mich jedenfalls bewusst für Berlin und Deutschland als Wohnort entschieden, und damit fühle ich mich gut.

Immerhin bin ich hal
ber Deutscher. Ich habe sowohl den israelischen als auch den deutschen Pass. Große internationale Metropolen wie Berlin haben ihren ganz eigenen Charme. Hier gibt es so viel Vielfalt und Kultur an einem Ort. Das liebe ich. In Israel gibt es so etwas nicht. Höchstens ein bisschen in Tel Aviv, aber dort ist alles viel kleiner und beengter.

VERBUNDENHEIT Kulturell und konfessionell bin ich vom klassischen deutschen Judentum geprägt. Damit meine ich, dass ich zwar die Hohen Feiertage oder Chanukka feiere, sonst aber säkular lebe. Ich habe einige jüdische Freunde in Berlin, die sich in ihrer Synagogengemeinde engagieren. Die meisten von ihnen gehen in die Synagoge am Fraenkelufer in Kreuzberg. Die Gemeinde dort ist jung und international. Die Leute kommen von überall her. Hin und wieder nehme ich auch mal an einem Gottesdienst teil, aber das ist, ehrlich gesagt, nicht sehr häufig. An den Feiertagen finde ich es viel schöner, mit Freunden oder mit der Familie zu Hause zusammen zu sein, wenn das möglich ist.

Mein Judentum bedeutet für mich vor allem Kultur und Tradition, obwohl ich von der Seite meines Vaters her auch die religiöse Komponente kennengelernt habe. Wo könnte ich mich enger der deutsch-jüdischen Tradition verbunden fühlen als in Berlin? Auf Schritt und Tritt begegnet einem hier jüdische Geschichte. Ich wohne in der Heinz-Galinski-Straße in der Nähe des jüdischen Krankenhauses. Wenn das kein lustiger Zufall ist!

Auch in Brandenburg findet sich viel jüdische Geschichte. Diese lebendig zu halten und auch für zukünftige Generationen erfahrbar zu machen, sehe ich als meinen ganz persönlichen Beitrag zum jüdischen Leben.

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