Milbertshofen

Das Kleid der kleinen Judis

Präsidentin Charlotte Knobloch (l.) bei der Gedenkfeier in Milbertshofen Foto: Marina Maisel

Dass immer mehr Münchner Juden verschwanden, war unübersehbar. Und es ist unvorstellbar, dass dies nicht gesehen wurde.« Das stellte Kulturreferent Hans‐Georg Küppers bei der Gedenkstunde anlässlich der ersten Deportation aus München am 20. November 1941 am vergangenen Sonntag im Kulturhaus Milbertshofen fest. Für Küppers, der als Repräsentant der Stadt München sprach, steht der 20. November 1941 damit auch für das Versagen der Zivilgesellschaft. Die Jüngste der Deportierten, die nur wenige Tage später im litauischen Kaunas ermordet wurden, war die damals einjährige Judis Cohn.

Menschen aller Altersgruppen traten vom Güterbahnhof Milbertshofen aus den Weg in den Tod an – unter ihnen auch die Großmutter von Charlotte Knobloch, »die an mir Mutterstelle vertrat«, an die die Präsidentin in ihrer Rede erinnerte. In ihrer Ansprache bei der Schlusskundgebung am Güterbahnhof Milbertshofen, wo vor 70 Jahren der erste Transport München in Richtung Kaunas verließ, zeigte sie sich »dankbar, dass so viele Überlebende der schrecklichen Katastrophe von damals heute unter uns sind, und ich darf stellvertretend Frau Judith Rosenberg sowie Werner und Ernst Grube von Herzen begrüßen.«

Gedenken Die Erinnerungen an die Ermordeten bleiben bei den Zeitzeugen lebendig. In ganz unterschiedlicher Weise schilderten sie den fast 300 Anwesenden. Zuvor hatte im Kulturhaus nach der Begrüßung durch Kulturreferent Küppers Maximilian Strnad vom NS‐Dokumentationszentrum München über die historischen Fakten gesprochen. Mehr als 250 Gäste waren zu dieser Gemeinschaftsveranstaltung des Dokumentationszentrum und der Israelitischen Kultusgemeinde gekommen. Unterstützt wurde sie von der Evangelischen Dankeskirche, der Gesellschaft für Christlich‐Jüdische Zusammenarbeit, dem Hotel Leonardo Royal, dem Kreisjugendring München‐Stadt, dem Kulturhaus Milbertshofen und der Münchner Volkshochschule, Stadtbereich Nord.

»Die jüdische Gemeinde war aufgrund der radikal antijüdischen Politik der Nationalsozialisten bereits vor dem Beginn der Deportationen auf ein Drittel ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft«, sagte Strnad. Nach dem Vortrag zogen die Zuhörer gemeinsam zum Güterbahnhof – weiße Kerzen in den Händen. Deren Licht leuchtete dann in der hereinbrechenden Nacht über den kahlen Platz, auf dem Hans‐Georg Küppers zur Ehre der Opfer zwischen den ersten Gleisen einen Kranz der Stadt München niederlegte, bevor Kantor Moshe Fishel das El Mole Rachamim vortrug.

An dem Ort, an dem die Ermordeten zum letzten Mal auf Münchner Boden standen, wurde einmal mehr deutlich, welche unersetzbare Rolle die Zeitzeugen haben, besonders wenn es um die emotionale Authentizität der Situationsbeschreibung geht. Für den Bezirksausschuss 11 Milbertshofen/Am Hart sprach deren Vorsitzende Antonie Thomsen, die nicht zuletzt mit Blick auf den am Vortag noch kurzfristig genehmigten NPD‐Aufmarsch betonte, dass »die Wachsamkeit nicht groß genug« sein könne.

Präsidentin Charlotte Knobloch, die als Kind die Entwicklung bis hin zu den Deportationen miterleben musste, stellte in ihrer Rede fest, dass damals »die mörderische Verfolgung und Vertreibung der jüdischen Nachbarn von den meisten Münchnern teilnahmslos und stillschweigend hingenommen – wenn nicht gar begrüßt« wurde. »Bis zuletzt hat das grausame Schicksal der vielen jüdischen Menschen – es waren ganze Familien, die aus dem Leben gerissen wurden – in der öffentlichen Wahrnehmung wenig Widerhall erfahren.«

Gesellschaft Umso mehr galt ihr »tiefer Dank und hohe Anerkennung« denjenigen, die zum 70. Jahrestag der ersten Deportation nach Kaunas gemeinsam an die ermordeten Männer, Frauen und Kinder aus München erinnern. Doch Gedenken dürfe niemals Routine werden und es reiche, ebenso wie Betroffenheit, nicht aus.

»Die alarmierenden Enthüllungen der vergangenen Tage bestätigen uns, was wir seit Jahren ahnen und wovor wir von je her gewarnt haben. Es gibt in Deutschland ein enges und perfekt organisiertes Netz rechtsextremistischer Terroristen, die sich rüsten im Kampf gegen unsere liberale Gesellschaft und bereit sind, für ihre perfiden Ziele über Leichen zu gehen.« Knobloch forderte erneut ein »Verbot der NPD als legale Basis des Illegalen und als Trainingslager für tatkräftigen Rassismus«. Erinnern bedeutet für Charlotte Knobloch: »Sich einmischen – sich nicht abwenden, wenn Menschen in Bedrängnis geraten, nicht geflissentlich weghören, wenn Hass‐Propaganda und rechte Parolen verbreitet werden und nicht abwiegeln, wenn politische Gewalttaten angeprangert werden.«

Auch Judith Rosenberg sowie Werner und Ernst Grube verbanden den Blick zurück mit demjenigen auf die Situation heute. Die Brüder Grube, die ihre Mutter und Geschwister in Theresienstadt verloren, engagieren sich seit Langem in Gesprächen mit jungen Menschen für ein »Nie wieder! Wir müssen zusammenstehen!« war ihre Botschaft an diesem Abend. Zu den Bildern, die sich tief einprägten, gehörte die Erinnerung an den 20. November 1941 von Judith Rosenberg, die eigens zu diesem Gedenken aus Montréal angereist war. Sie gehörte nicht zu den Kindern, die aus einem Heim für die Deportation ausgewählt wurden – aber sie kümmerte sich damals liebevoll um die einjährige Judis.

Sie zog der Kleinen ihr schönstes Kleid an, verpackte die Lieblingsspielsachen in ein kleines Köfferchen. Frühmorgens waren alle Kinder bereit zum Aufbruch – doch es gab noch eine lange, quälende Wartezeit. Wie die anderen wurde auch Judis müde. Die Kinder wurden in ihre Betten gelegt – angekleidet, denn sie konnten ja jederzeit abgeholt werden. Das war dann spätabends.

Judith Rosenberg hat heute selbst zwei Töchter, drei Enkel und vier Urenkel. Sie sagte: »Jedes Mal, wenn ich eines meiner Kinder in den Arm nehme, muss ich daran denken, dass es Judis und den anderen Kindern nicht erlaubt war zu leben.«

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