Frankfurt/Main

Das Beste versuchen

Star aus Israel: Idan Raichel singt bei den jüdischen Kulturwochen in Frankfurt. Foto: Gregor Zielke

Es gibt Nachrichten, die kann Doris Adler im Moment eigentlich gar nicht gebrauchen. »Ralph Giordano musste aus Krankheitsgründen leider absagen«, verkündet die Organisatorin der Jüdischen Kulturwochen in Frankfurt. »Gerade hat der Verlag angerufen.« Alles andere als ein guter Start in den Tag für Adler. Seit rund acht Monaten ist sie damit beschäftigt, die zweiwöchige Veranstaltungsreihe, die am 17. Oktober startet, auf die Beine zu stellen. Und Publizist Ralph Giordano hat bis Montagmorgen zu den ganz großen Namen auf der Liste prominenter Gäste gehört. Der 28. Oktober wäre sein Tag gewesen. Im Museum Judengasse hätte der vermutlich bekannteste jüdische Publizist Deutschlands aus seinen Tagebuchaufzeichnungen, die er unter dem Titel Mein Leben ist so sündhaft lang veröffentlicht hat, lesen sollen. »Einen entsprechenden Ersatz in der Kürze der Zeit zu finden, ist schwierig«, sagt Doris Adler.

prominenz In knapp zehn Tagen beginnen die Kulturwochen. Elf Veranstaltungen sind bis zum 31. Oktober geplant. Und im Programm tauchen bekannte Namen auf: Wladimir Kaminer, der aus Meine kaukasische Schwiegermutter liest, Stefanie Zweig, die ihren Roman Heimkehr in die Rothschildallee vorstellt, oder der israelische Superstar Idan Raichel, der die Kulturwochen mit einem Konzert im Hessischen Rundfunk eröffnen wird.

»Mit Berlin können wir natürlich nicht mithalten«, glaubt Doris Adler. Dennoch sei sie mehr als stolz auf das, was die Frankfurter Gemeinde seit beinahe drei Jahrzehnten auf die Beine stelle.

1981 wurden unter der Ägide des damaligen Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann und Michel Friedmans die Jüdischen Filmtage, eine Vorgängerveranstaltung der Kulturwochen ins Leben gerufen: 29 Jahre später ist das Programm vielseitiger, wartet mit Konzerten, Lesungen und Führungen auf. »In Berlin ist das natürlich größer«, sagt der Kulturdezernent der Frankfurter Gemeinde und Vizepräsident des Zentralrats, Dieter Graumann. »Aber dort verfügt man auch über das elf‐ bis zwölffache Budget. Wir machen aus unseren bescheidenen Mitteln das Beste.«

Mit etwa 30.000 Euro beteiligt sich die Stadt Frankfurt an den Kosten der Kulturwochen. Ein Betrag, der durch die Gemeinde und den einen oder anderen Sponsor in etwa verdoppelt wird, so Graumann. »Alle, die mit einem geringen Budget arbeiten müssen, wissen wie schwierig es sein kann, damit ein gutes Programm auf die Beine zu stellen«, sagt Doris Adler.

Markenzeichen Die Bestätigung dafür, dass es trotzdem gelungen ist, erhält die Gemeinde vom Frankfurter Kulturdezernenten Felix Semmelroth. »Ein qualitativ hochwertiges Programm« sei in diesem Jahr wieder aufgelegt worden. »Damit kann man sich nicht nur sehen lassen, sondern tritt markant hervor.« Hervorzutreten gehört zu den erklärten Zielen der Kulturwochen, auch wenn alle Beteiligten sagen, dass die jüdische Gemeinde längst etablierter Bestandteil der Frankfurter Gesellschaft ist. »Wir leben ja nicht in einer Parallelgesellschaft«, betont Graumann. Doch aufgrund der nach wie vor nötigen Sicherheitsvorkehrungen an allen jüdischen Einrichtungen böten sich wenige Gelegenheiten, sich der breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. »Wir können ja gar nicht so offen sein, wie wir gerne wollen«, so Graumann.

Daher sollten die Kulturwochen die Möglichkeit bieten, das Judentum in seiner ganzen Vielfalt darzustellen. »In vielen Köpfen steckt noch das rein von der Orthodoxie geprägte Bild«, glaubt Doris Adler. »Uns geht es darum, das Facettenreiche des Judentums zu verdeutlichen.« Von einem »Fest der Vielfalt«, spricht Graumann. Die Frankfurter Synagoge, die am 24. Oktober ihr 100‐jähriges Bestehen feiert, sei dafür das beste Beispiel, weil dort die unterschiedlichsten jüdischen Strömungen von Ultraorthodox bis Liberal zusammen kämen.

Kontakt »Wir wollen offen sein für alle Menschen dieser Stadt«, betont Graumann. Dieses Kontaktangebot sei um so wichtiger, angesichts der derzeitigen Integrationsdebatten. »Unterschiede gibt es, Unterschiede bleiben. Aber es geht darum, ein Fundament zu bauen, das auch in der Lage ist, Dissonanzen auszuhalten.« Derweil freut sich Doris Adler vor allem darauf, möglichst viele Frankfurter willkommen zu heißen. Danach geht es schon wieder an die Planungen für das nächste Jahr. »Nach den Kulturwochen ist vor den Kulturwochen«, sagt die Cheforganisatorin.

www.juedischekulturwochen2010-frankfurt.de

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