Hannover

Challe für alle

Auch Männer sind eingeladen: Unter Anleitung von Rebbetzin Sara Rivka Dray wird es dann doch etwas mit dem eigenen Hefezopf zum Schabbes. Foto: Christian Wyrwa

Versucht’s doch», ruft Rebbetzin Sara Rivka Dray und winkt schüchterne Zuschauer lachend zu sich heran. Sie erklärt geduldig, wie die Challe-Zöpfe geflochten werden. Daniel hatte das Prozedere bislang nur beobachtend verfolgt. Doch nun rückt der 19-jährige Schüler näher und fängt an, einzelne Teigrollen miteinander zu verknüpfen. Im Laufe des Abends gelingt es Sara, immer mehr Personen zum Mitmachen zu animieren. Man merkt: Sie hat Erfahrung und sichtlich Spaß. Die Teilnehmer scherzen auf Deutsch, Englisch und Russisch.

Zum Challe-Backen sind am Donnerstagabend 15 Personen in den Festsaal der Jüdischen Gemeinde Hannover gekommen. Neben jungen Leuten wie Daniel mischen auch einige Ältere mit – nebenan befindet sich mit dem Lola-Fischel-Haus das Jüdische Seniorenheim. Das gemeinsame Backen ist die Auftaktveranstaltung zum «Schabbaton» am Wochenende, der vom Bund traditioneller Juden (BtJ) organisiert wird. Erwartet werden etwa 100 vor allem junge Teilnehmer aus ganz Deutschland.

Manifest Im Gemeindesaal haben die Veranstalter Poster mit dem «Manifest» von «The Shabbos Project» aufgehängt. «Wir halten den Schabbat vollständig, in allen seinen Einzelheiten und all seiner Schönheit, so wie er seit uralten Zeiten gehalten worden ist», heißt es dort. «Sein Rhythmus wird uns mit Juden überall auf der Welt und aus allen Zeiten verbinden.»

Die Idee einer weltweit gemeinsam veranstalteten traditionellen Schabbatfeier komme von dem südafrikanischen Rabbiner Warren Goldstein, erzählt Dray, kurz bevor der Teig ausgerollt wird. Zusammen mit dem BtJ-Vorsitzenden Michael Grünberg und der Event-Managerin Daniela Kalmar ist Rabbiner Elias Dray maßgeblich an der Organisation des Schabbatons in Hannover beteiligt.

Weltweit erwarten sie am Wochenende bis zu 1,5 Millionen Teilnehmer. Auch beim Challe-Backen wird per Videokonferenz der Austausch mit anderen Städten gesucht.

YouTube-Channel Nastja kommt aus Erfurt. Sie verbringt das gesamte Wochenende in Hannover. Neben der traditionellen Schabbatfeier ist ihr vor allem die überregionale Vernetzung wichtig. Sie möchte Freunde und Bekannte treffen, die sie von früheren Veranstaltungen des BtJ oder über «Jewish Experience» kennt. Und sie ist gespannt auf neue Leute: «Ich würde gerne Jewish Comedy machen», sagt die 27-jährige Studentin. «Vielleicht treffe ich Gleichgesinnte, und wir beginnen, an konkreten Projekten zu arbeiten. Ich habe Lust, einen YouTube-Channel aufzubauen. Doch allein traue ich mich das noch nicht.»

«Wir möchten vor allem junge Leute an den Schabbat heranführen», erklärt Rabbiner Dray. Zwar gebe es viele Jüdinnen und Juden, die ihn etwa in Form eines gemeinsamen Abendessens mit der Familie feiern. Doch der BtJ will zeigen, dass hinter dem Schabbat weit mehr als das steht. «Es ist wichtig, einen Tag zu haben, an dem wir das Handy und andere elektronische Geräte ausschalten und frei von Termindruck und Alltagshektik Zeit für die Familie haben, zu uns selbst finden können und alles verlangsamen», sagt Dray.

Michael Grünberg, Vorsitzender des BtJ, fügt hinzu: «Mit unseren mehrmals jährlich stattfindenden Schabbaton-Veranstaltungen möchten wir denjenigen, die es wollen, die Möglichkeit geben, den Schabbat so zu halten, wie man es tatsächlich tun sollte. Der Schabbat ist eigentlich das Wichtigste im Judentum.»

Paarbeziehung Neben einer traditionellen Schabbat-Zeremonie mit Gottesdienst und gemeinsamem Abendessen gab es am Wochenende in Hannover auch mehrere Vorträge. So waren Rahel und Ozzie Burnham aus Washington eingeladen. Die beiden Referenten sprachen über Paarbeziehungen und jüdisches Dating sowie über Marketing und Fundraising für jüdische Organisationen. Auch bei anderen Schabbaton-Veranstaltungen seien schon prominente Gäste aufgetreten, berichtet Grünberg begeistert. «In Düsseldorf hatten wir Starkoch Tom Franz zu Gast. Nicht nur die Koch-Show hat mich und die anderen Teilnehmer fasziniert. Allein Franz’ Biografie ist hochinteressant. Als Deutscher ist er nach Tel Aviv gezogen, hat den Giur gemacht und traditionell geheiratet – und gilt heute als der berühmteste Koch Israels.»

Im Türrahmen des Gemeindesaals lehnt Rafael. «Das Dating-Angebot des BtJ ist für mich nicht mehr relevant», sagt er lachend. Der 26-jährige Webdesigner hat sich vor Kurzem verlobt. Zum Challe-Backen sei er vor allem gekommen, um Freunde und Bekannte zu treffen. Gemeinsam mit Mischa, der bei der Veranstaltung zahlreiche Fotos schießt, ist er im frisch gegründeten Verband Jüdischer Studierender Nord aktiv. Als Teil des Schabbaton-Programms hat Mischa eine Party für die Teilnehmer organisiert. Der angehende Lehrer für Mathematik und Geschichte freut sich darüber, dass die Feier in einer von einem Iraner betriebenen Bar stattfinden wird. Er lädt mehrere Challe-Bäcker noch einmal persönlich ein, den Abend mit israelischem und jüdischem Pop ausklingen zu lassen.

«Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man einfach mal was beginnen muss, und dann entwickelt es sich von Jahr zu Jahr», sagt Grünberg. Den BtJ, in dem traditionelle Gemeinden in Deutschland organisiert sind, gibt es seit knapp fünf Jahren. Vor allem gehe es darum, die kleinen und mittelgroßen Gemeinden in Deutschland, die oftmals nur wenige junge Mitglieder haben, personell und finanziell zu unterstützen, sagt Grünberg. So hilft der BTJ etwa bei der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen vor Ort «mit Manpower und durch finanzielle Zuschüsse».

Zudem gibt der BtJ Publikationen zur Barmizwa oder Batmizwa, Gebetbücher und ein Mitgliedermagazin heraus. Dazu kommt nicht zuletzt der Schabbaton, der deutschlandweit in jeweils verschiedenen Städten organisiert wird. «Hier können die Teilnehmer jüdische Gemeinschaft erleben», sagt Daniela Kalmar. «Der Schabbat verbindet. Ebenso wie das gemeinsame Backen von Challe – in Deutschland und weltweit.»

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