Berlin

Blühendes Judentum

Entwarfen das Konzept: die Landschaftsarchitekten Véronique Faucheur und Marc Pouzol Foto: Stephan Pramme

Jurymitglied werden oder selbst einen Entwurf einreichen? Das war die Frage, die Marc Pouzol seinem Team vom »atelier le balto« im Juni 2018 stellte, als er gefragt wurde, ob er beim »Wettbewerb zur Gestaltung eines jüdischen Gartens in den ›Gärten der Welt‹« mitmachen wolle. Es wäre der erste jüdische Garten weltweit in einem Park.

Sein grüner Daumen habe sofort »gekribbelt«, sagt Pouzol; so war die Entscheidung schnell getroffen. Offenbar die richtige Wahl, denn Pouzols Entwürfe haben die Jury überzeugt: Im November 2018 gewann der Landschaftsarchitekt zusammen mit den Künstlern Manfred Pernice und Wilfried Kuehn, der auch für das interreligiöse Gebäude des »House of One« verantwortlich ist, den ersten Preis der Wettbewerbsjury. Spatenstich wird im Herbst 2019 sein.

An diesem Wintermorgen sitzen Marc Pouzol und seine Mitarbeiterin Véronique Faucheur, ebenfalls Landschaftsarchitektin, in ihrem Büro in der Auguststraße. Wenn sie aus dem Fenster schauen, blicken sie auf die von ihnen angelegten Beete im Innenhof: Essig‐ und Feigenbäume, Brombeeren und Himbeeren wachsen dort, eingegrenzt von Staketenzäunen. Das gleiche Prinzip haben die Architekten beim »Young House of One« am Petriplatz angewandt und mit Schülern umgesetzt. Für den Diaspora‐Garten in der Jüdischen Akademie hatten sie sich jedoch auch auf Farne und Sporenpflanzen konzentriert.

Mit einem Griff holt Pouzol das Buch Die Flora der Juden heraus, mit dem sie damals gearbeitet haben – darin sind die Pflanzen von Immanuel Löw (1854–1944) dargestellt, eines ungarischen Rabbiners und Gelehrten. »Jetzt ist es für uns besonders spannend, auch eine Außenanlage auf der Grundlage des Judentums zu gestalten«, sagt Pouzol.

WALDRAND Die Wände seines Büros zieren derzeit Entwürfe und Skizzen. Und so soll der jüdische Garten einmal aussehen: Auf einer Fläche von 1000 Quadratmetern soll er offen liegen, ohne Mauern, und sich in die Landschaft am Waldrand und am Hang einfügen. Abgrenzung entspreche nicht der jüdischen Kultur, begründet Véronique Faucheur die Idee, den Garten zu gestalten. »Der Garten soll ein Ort des Austausches werden«, sagt sie. Inmitten der Fläche laden zwei »skulpturale Pavillons« dazu ein, sich zu informieren und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Die Architekten beantworten die Frage »Was ist ein jüdischer Garten?« mit einem großflächigen Netz eines Nutz‐ und Schaugartens. Eingebettet in ein System aus Wegen und kleinen Platzflächen liegen Felder unterschiedlicher Größe und Form. Dort sollen Pflanzen ihren Platz finden, die zur Geschichte der Juden in Berlin gehören.

Welche das sind, wollen die Architekten in der nun startenden Recherchephase herausfinden. Auf Symbolik und Glaubensinschriften wird verzichtet. Und es soll auch kein israelischer Garten sein. Vielmehr soll die jüdische Kultur mit all ihren Verflechtungen dargestellt werden. Daraus erklärt sich laut den Architekten auch das Wegenetz mit den Pflanzflächen. Die Blumen und Pflanzen dort sollen solche sein, die im jüdischen Alltag üblich und gebräuchlich waren.

STADTKULTUR Neben dem Plan in Pouzols Büro hängt bereits ein Verzeichnis mit den Pflanzen, die in einen jüdischen Garten gehören könnten. Das Problem: Es gibt keine dokumentierten jüdischen Traditionen zur Gartengestaltung. Als Vorgabe sollten sich die Bewerber deshalb mit dem spezifisch jüdischen Naturverständnis auseinandersetzen.

Das Problem: Es gibt keine dokumentierten jüdischen Traditionen zur Gartengestaltung.

»Der jüdische Garten ist in Berlin nicht fremd, sondern zu Hause – die jüdische Kultur ist Teil der Stadt«, betont Véronique Faucheur. Berlin sei heute wie historisch geprägt von Zuwanderungen, zu denen Juden wesentlich beitrugen. Umgekehrt sei es ein historisches Merkmal des Judentums, Teil vielfältiger Stadtkulturen zu sein. »In dieser Teilhabe ist die jüdische Kultur interaktiv: Sie entwickelt das Eigene im Zusammenspiel mit der Teilnahme am Lokalen und prägt so beides zugleich«, meint Marc Pouzol.

»Work in progress«: Den Entwurf eines Wegenetzes als Sinnbild für die Verflechtungen jüdischer Kultur ergänzen intensive Recherchen.Foto: Stephan Pramme

Ein paar Kilometer weiter im Ullsteinhaus in Tempelhof hängen dieselben Pläne im Büro von Christoph Schmidt, Geschäftsführer der landeseigenen Grün Berlin GmbH, Betreiber der »Gärten der Welt«. Der jüdische Garten soll wenige Meter entfernt vom christlichen gepflanzt werden. Denn: »Die Religionen haben gemeinsame Wurzeln.« Mit dem jüdischen Garten schließt sich laut Schmidt der »Kreis der Kulturen«, denn weitere Gärten repräsentieren Islam, Hinduismus und Buddhismus. Konfuzius und seiner Lehre wird der chinesische Garten gerecht.

GREMIUM Die Herausforderung eines jüdischen Gartens ist aus Schmidts Sicht am größten. »Es gibt ja nicht den jüdischen Garten – das Judentum hatte nicht den Garten, einen umfassten Raum, möglicherweise durch eine Hecke, sondern es war schon immer auch ein wanderndes Volk, und das Thema Garten hatte eine ganz andere Prägung und Bedeutung.« Da sei ein hohes Maß an Sensibilität nötig, um auch den verschiedenen Strömungen des Judentums gerecht zu werden. So verwundert es nicht, dass die Vorbereitungen mehrere Jahre dauerten.

»Die erste Aufgabe war es, wie es mit der Grundlage eines hebräischen Gartens aussieht«, erklärt Schmidt. Schon dabei wurde klar, dass eine wissenschaftliche Begleitung dringend nötig ist. Denn es gibt keinen Referenzgarten, keinen europäischen jüdischen Garten.

Ein Jahr allein dauerte es, bis ein Findungsgremium aus jüdischen Vertretern zusammenkam, darunter Rabbiner Andreas Nachama von der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Rabbiner Julian‐Chaim Soussan von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann und die Kulturreferentin des Zentralrats, Hannah Dannel. Ein weiteres Jahr brauchte es, bis die Aufgabenstellung des Wettbewerbs gestellt werden konnte: Der Garten sollte kein »Bild wie im Museum« werden, sondern ein lebendiger Ort, so Schmidt – authentisch, keine Folkore.

Vor Jahren ist Rabbiner Andreas Nachama im Geiste schon einmal das Projekt Jüdischer Garten abgeschritten. Zwischendurch habe er nicht mehr an seine Verwirklichung geglaubt. »Doch diesen Plan finde ich gut gelungen«, sagt Nachama. Vor allem, dass es keine Kulisse werden wird. »Es wird ›work in progress‹.«

Seit Gott im brennenden Dornbusch erschienen ist, gehört die Brombeere zur Symbolik des Judentums.

Das meint auch Christoph Schmidt. Denn eines steht jetzt schon fest: Der Garten wird eine personelle Ausstattung benötigen. Er hofft auf zwei Kuratoren, die ihn inhaltlich betreuen. Das bedeute aber auch, dass diese beiden Stellen finanziert werden müssen. »Wir überlegen, auf welche Art und Weise wir die Besucher am besten informieren können – vielleicht doch mit einer Informationsbroschüre?«, überlegt Véronique Faucheur.

Eine große Herausforderung des jüdischen Gartens seien nämlich die Pflanzen und deren Geschichte. Mittlerweile haben sie recherchiert und vom Jüdischen Museum einige Unterstützung bekommen. »Im Judentum ist es beispielsweise Brauch, dass man nicht alles aberntet, sondern für einen ärmeren oder hungrigen Menschen etwas übrig lässt.« So entstand die Idee, Nutzpflanzen in und um die Beete zu platzieren.

Die Brombeere zum Beispiel. »Seit Gott im brennenden Dornbusch erschienen ist, gehört sie zur Symbolik des Judentums, als Gleichnis für die Sklaverei in Ägypten, für das jüdische Volk oder als König der Bäume in der märchenhaften Erzählung der Jotam‐Fabel«, erklärt Faucheur. Die Bachweide hingegen sei der einzige Bestandteil des Feststraußes an Sukkot, der auch in Mitteleuropa wächst.

HOPFEN Zudem gibt es viele Pflanzen, die in der jüdischen Küche eine Rolle spielen: Kerbel wird am Sederabend des Pessachfestes als Bitterkraut verwendet, die Haselnuss hingegen soll magische Kräfte haben, wie eine hebräische Schrift aus dem 15. Jahrhundert belegt, derzufolge man mit besprochenen Haselstecken Schätze finden kann.

Hopfen spielt in der Diaspora eine wichtige Rolle als Handelsgut, denn seine gelbe Farbe diente beim koscheren Schlachten als Referenzfarbe, um die Reinheit oder Unreinheit der Organe des Schlachttieres festzustellen.

Eine hebräische Schrift aus dem 15. Jahrhundert schreibt der Haselnuss magische Kräfte zu.

Mittlerweile haben sich etliche Interessierte gemeldet, die mitarbeiten und -recherchieren wollen. »Wir können uns gut vorstellen, dass sich eine Gruppe von Menschen um die Pflanzen und Beete kümmert«, sagt Faucheur. Das wäre allerdings etwas ganz Neues in den Gärten der Welt.

SYMBOL Für die Umsetzung stehen eine Million Euro bereit. Nachdem das Land Berlin den Wettbewerb ausgelobt hatte, wurde das Wettbewerbsverfahren durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die Allianz Umweltstiftung sowie die Axel Springer Stiftung initiiert und gefördert.

Auch dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) liegt das Projekt »persönlich sehr am Herzen«. Der Garten setze innerhalb der Gärten der Welt »einen unverzichtbaren neuen Akzent«. Das Ensemble zeige die kulturelle und religiöse Offenheit Berlins. »Der Jüdische Garten steht aber darüber hinaus auch symbolhaft für die besondere Verantwortung, die wir aus der Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust gegenüber dem Judentum und der jüdischen Kultur spüren.«

Die Gärten der Welt in Marzahn gelten als Erfolgsgeschichte. Jährlich ziehen sie mehr als eine Million Besucher an, die dort Gartenkunst aus verschiedensten Ländern, Regionen und Epochen bestaunen können. In der Hauptsaison kümmern sich 25 bis 30 Gärtner um die Gärten, im Winter sind es zehn. Derzeit wachsen in Marzahn Gewächse aus Europa, Südamerika, Afrika, Asien und Australien. In allen Kulturen, teilt Grün Berlin mit, stehe der Garten für »etwas Friedliches, für Ruhe und Schönheit«.

Christoph Schmidt hofft, dass auch jüdische Gruppen sich eingeladen fühlen, hier Feste zu feiern – beispielsweise Tu Bischwat oder das Laubhüttenfest.

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