Marburg

Bethaus, Schule, Metzgerei

Das Haus in der Langgasse – im Hinterhaus befand sich einst eine Synagoge. Foto: Kronenberg

Der kleine Willy‐Sage‐Platz mit dem mehr als vier Meter hohen Glaskubus liegt nur wenige Meter vom Trubel des Marburger Marktplatzes entfernt. Doch es ist erstaunlich ruhig auf dem Flecken zwischen den windschiefen Fachwerkhäusern der Oberstadt.

Vor der eigenwilligen Glasinstallation startet der Stadtspaziergang auf den Spuren jüdischen Lebens, den das Kulturamt der Universitätsstadt anlässlich des 700‐jährigen Jubiläums der Jüdischen Gemeinde in diesem Jahr konzipiert hat. Hier lag einst das mittelalterliche Judenviertel der Stadt. Mit dem Flyer in der Hand machen sich Besucher und Einheimische auf den Weg.

Beim Blick in den Glaskubus sieht man einen Fußboden aus Sandstein, Kreuzrippen, eine Toranische und den Gewölbeschlussstein mit dem Davidstern. Der Flyer offenbart die ungewöhnliche Geschichte des Ortes: In den 90er‐Jahren wollte die Stadt Marburg ursprünglich ein unterirdisches Trafohäuschen an dieser Stelle bauen.

Stattdessen stießen die Forscher auf die Überreste einer mittelalterlichen Synagoge von gesamteuropäischer Bedeutung. In ganz Mitteleuropa soll es nur 20 vergleichbare Bauten geben. Vor allem Kinder sind aber auch von den zahlreichen Münzen fasziniert, die auf dem Grund der Ausgrabungsstätte blinken. Besucher werfen sie durch die Ritzen des Glaskubus.

Orgelklänge An der nächsten Station erinnert nichts mehr an eine ehemalige Synagoge: Das zweistöckige, weiß verputzte Gebäude diente der Gemeinde seit 1818 für knapp 80 Jahre als Bethaus. Es liegt an einer der romantischsten Straßen Marburgs, der unterhalb des letzten Anstiegs zum Landgrafenschloss gelegenen, malerisch gewundenen Ritterstraße.

Von der Lutherischen Pfarrkirche dringen Orgelklänge hinüber. Die Kirche ist mit meterlangen Reformationsfahnen geschmückt. Selbst auf dem Stromkasten prangt Luthers Konterfei. Wer an der nächsten Etappe am Lutherischen Kirchhof auf einer Bank zwischen einer alten Linde und der Stadtmauer Platz nimmt, schaut auf das Philipp‐Melanchthon‐Haus, ein Studienhaus der evangelischen Kirche, das auch als Mehrgenerationenhaus dient. Jahrhundertelang wurden in dem schieferbedeckten Gebäude die Kinder der Stadt unterrichtet. Fast unbekannt ist indes, dass es zumindest zeitweise als jüdische Elementarschule diente. Das war selbst für den Pfarrer ganz neu.

Der Weg führt weiter quer durch die Oberstadt in die winzige Langgasse, in der sich eine weitere ehemalige Synagoge verbirgt. Knapp 100 Jahre lang traf sich die Gemeinde in einem Hinterhaus mit geschwungenem Dach. Spätere Eigentümer haben auffällige Terrassen davor gebaut.

Stolpersteine Die nächste Station findet man erst beim Blick auf das Pflaster: Sechs Stolpersteine erinnern an die Familie Katz, die einst in der Untergasse gewohnt hat. Das Haus, in dem heute ein Immobilienmakler sein Büro hat, ist ein ehemaliges »Ghettohaus«. Viele Jahre stand hier die koschere Metzgerei der Familie Katz. Ab 1916 lebte der Vater der bekannten Dichterin Mascha Kaléko für einige Monate im Haus. Nach der Zerstörung der Synagoge 1938 zog zunächst die jüdische Schule ein, dann wurden Juden aus Marburg und Umgebung in dieses und sechs weitere jüdische Häuser zwangsweise eingewiesen. Von den Bewohnern des Hauses hat keiner die NS‐Zeit überlebt.

Nur wenige Meter weiter führt eine winzige Gasse zum »Garten des Gedenkens«. Wer die schmale Treppe hinabsteigt, stößt mitten in der engen Bebauung der Marburger Unterstadt auf eine ungewöhnliche Lücke. Rote Rosen tauchen die Terrassen des Gartens in ein Blütenmeer. Sie erinnern an die Synagoge im romanisch‐byzantinischen Stil, die an dieser Stelle stand. Wie prächtig sie einst aussah, zeigt ein Bronzemodell. Das von einer Kuppel gekrönte Gotteshaus aus rötlichem Sandstein wurde 1897 eröffnet und bot Platz für mehr als 400 Männer und Frauen.

Die Nationalsozialisten stecken sie in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Brand. Die Kosten für den Abbruch der Synagogentrümmer musste die Jüdische Gemeinde zahlen. Gerettet wurden nur die Torarollen. Eine liegt heute im Holocaust Memorial Museum in Washington.

Zettelkasten Der Rasen des Gartens zeichnet den ehemaligen Versammlungsraum der Synagoge nach. Auf den ersten Blick rätselhaft sind die im Gras versenkten Zettelkästen. »Wenn die Synagogen brennen, können wir keine Vorlesungen halten«, ist da zu lesen – ein Zitat des evangelischen Theologen Rudolf Bultmann, der von 1921 bis 1951 in Marburg gelehrt hat. In anderen Kästen haben Studenten ihre Gedanken zum Antisemitismus Luthers, zu Vorurteilen und Worten des Hasses geäußert. Jedes Jahr werden die Zettel erneuert, die sich dem Ort, den Menschen und seiner Geschichte aus immer wieder neuen Blickwinkeln nähern. Und im Reformationsjahr haben Studenten der Evangelischen Theologie das Projekt übernommen.

Junge Leute aus der nahe gelegenen juristischen Fakultät schlendern zu den Bänken des Gartens. Der Platz ist nicht nur ein Denkmal, sondern auch ein Treffpunkt. Er lädt trotz seiner Lage an einer Hauptverkehrsstraße Marburgs zum Ausruhen und zum Blättern in den Infos zum Stadtspaziergang ein: Eigene Kapitel widmet der Flyer dem abseits gelegenen jüdischen Friedhof sowie den jüdischen Gelehrten und Studenten der Philipps‐Universität – Hannah Arendt verliebte sich hier in Martin Heidegger.

Südviertel Geschildert wird auch die Geschichte von Amnon Orbach, dem die Jüdische Gemeinde ihren ungewöhnlichen Aufschwung zu verdanken hat. In den 80er‐Jahren zog der Israeli der Liebe wegen nach Marburg, wo er die Gemeinde neu aufbaute, die heute mehr als 300 Mitglieder hat. Sein Lebenswerk ist die 2005 eingeweihte neue Synagoge im Marburger Südviertel, der letzten Station des Stadtspaziergangs.

Das von Säulen und Rundbögen gekennzeichnete Gebäude aus den späten 20er‐Jahren ist ein »Gebetshaus für alle Völker«, so steht es über dem Eingang. In der mit blauem Samt ausgeschlagenen Vitrine vor dem Gebetsraum liegt mit vertrockneten Olivenblättern und Wurzeln durchzogene Erde vom Tempelberg. Amnon Orbach, heute der älteste Vorsitzende einer jüdischen Gemeinde in Deutschland, hat sie selbst in Plastiktüten von Jerusalem nach Marburg gebracht.

Der Flyer zum Stadtspaziergang »Jüdisches Marburg« ist im Tourismusbüro (Tel. 06421–99120)
und im Internet unter www.marburg.de/juden erhältlich.

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