100 Jahre Fraenkelufer

Beten in Kreuzberg

Gemeinsam feiern und die Tradition fortsetzen: jüdisches Leben in der Synagoge am Fraenkelufer Foto: William Glucroft

Das Gebet fängt pünktlich um 19 Uhr an, dies ist eine deutsche Synagoge.» Mit diesen halb scherzhaft gemeinten Worten beendet der 37-jährige Israeli Dekel Peretz eine kleine Synagogenführung, die er gerade einer internationalen Gruppe gegeben hat.

Und tatsächlich füllen an diesem Freitagabend bereits zahlreiche Beter mit alten wie jungen Gesichtern die Reihen in der Synagoge am Fraenkelufer. Einer Synagoge, die in diesen Tagen ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Einer deutschen Synagoge, zweifellos, aber vielleicht noch viel mehr einer Kreuzberger Synagoge.

Ebenso wie Berlin-Kreuzberg kein ganz gewöhnlicher deutscher Stadtteil ist, spürt auch der Besucher am Fraenkelufer, dass von dieser Synagoge ein besonderer Geist auszugehen scheint. Passend zum Kreuzberger Kiez ist viel von Eigeninitiative der Beter die Rede, vom «Grassroots»-Engagement. Dabei schien es noch vor kurzer Zeit, als überaltere die Beterschaft des 1916 nach vier Jahren Bauzeit eingeweihten Gotteshauses.

«Wir haben eine Zeit gehabt vor vielleicht drei Jahren, wo wir große Sorge hatten, ob die Synagoge noch bestehen könnte», erinnert sich der 73-jährige Michael Joachim, der seit Mitte der 80er-Jahre zum Beten ans Fraenkelufer kommt, wo er sich «familiär aufgenommen» fühlte. Doch dann geschah etwas, womit keiner gerechnet hatte: Mehr und mehr junge Leute entdeckten das Gotteshaus für sich.

«Die Synagoge ist von denen mehr oder weniger gefunden worden», sagt Joachim. Die Jungen erwiesen sich als aktiv, organisierten ein regelmäßiges freitägliches Abendessen, später dann auch Unterricht am Samstagmorgen. Seither wird die Synagoge immer attraktiver für junge Menschen, von denen viele aus Israel, den USA oder anderen Ländern kommen.

Rabbiner Zu denen, die die Synagoge für sich entdeckt haben, gehört auch Nina Peretz, die heute Vorsitzende des Vereins «Freunde der Synagoge Fraenkelufer» ist. Dass die Beter in einem Verein organisiert sind, ist eine der Besonderheiten der Kreuzberger Synagoge. Eine andere Besonderheit ist, dass es keinen festen Rabbiner gibt. «Das war schon immer so am Fraenkelufer», sagt Peretz. «Ich glaube, das hat damit zu tun, dass die Beterschaft hier schon immer einen starken Einfluss darauf hatte, was passiert. Und das widerspricht dann eben dem Konzept, dass ein Rabbiner alles organisiert.»

Anspruchsvoll und «durchaus kritisch» sei die Beterschaft am Fraenkelufer, sagt Michael Joachim. «Nicht immer Exegese von bestimmten Abschnitten, sondern ein bisschen was auf die Gegenwart Bezogenes» wollten die Leute hier hören. Kein einfaches Publikum also für manchen Rabbiner: Wer undeutlich predigte oder die Menschen nicht ansah, bekam das mitunter von den Betern mitgeteilt. Die betreffenden Rabbiner seien dann auch schon bald nicht mehr gekommen, erzählt Joachim. «Wenn sie aber mit Herz kommen und mit dem Gefühl, sie möchten hier, weil sie sich gut aufgenommen fühlen, auch etwas rüberbringen, dann ist da schon eine ganz gute Verbindung.»

Familienalbum
Geschichte und Geschichten der Kreuzberger Synagoge haben aktive Beter anlässlich des Jubiläums zu einer Broschüre und zwei Ausstellungen zusammengefasst. In der Form von Familienalben geben Ausstellungstafeln in den kommenden Monaten Einblicke in das Leben der Synagoge während der vergangenen 100 Jahre.

Zu sehen sein wird die Ausstellung von der Straße aus, am Zaun der Synagoge. «Die Menschen, die sonst von der Synagoge nur Sicherheit und Polizei zu sehen bekommen, sollen einen Bezug zu ihr bekommen», erklärt Peretz. In einer zweiten Ausstellung im Gebäudeinneren sind Bilder des amerikanischen Fotografen Robert Capa zu sehen, die dieser kurz nach dem Zweiten Weltkrieg am Fraenkelufer machte.

Capa hatte dokumentiert, wie Berliner Juden in der Kreuzberger Synagoge 1945 zu Rosch Haschana den ersten Gottesdienst nach dem Holocaust feierten. Ort des Gebetes war ein Seitenflügel der im Krieg beschädigten Synagoge, die bei ihrer Eröffnung 1916 Platz für 2000 Menschen geboten hatte. Dieser Gebäudeteil stellt auch die heutige Synagoge dar, nachdem das Hauptgebäude in den Jahren 1958 bis 1959 abgerissen wurde.

Trotz Verfolgung und Zerstörung: Jüdisches Leben hat es am Fraenkelufer in den vergangenen 100 Jahren ohne Unterbrechung gegeben. Die Hauswartsfamilie Salomon galt den Nazis als «privilegierte Mischehe» und konnte auch in den Kriegsjahren am Fraenkelufer wohnen bleiben.

Dort nahmen sie neben anderen Pflegekindern den zweijährigen Peter aus einem Kinderheim auf. Peter Salomon trägt heute den Namen Iftach Ronen und lebt seit Kriegsende in Israel. Zum Jubiläum der Synagoge wird auch er Anfang September als Gast nach Berlin zurückkehren.

Engagement Rund ein Jahr ehrenamtlicher Arbeit hat die Initiative vom Fraenkelufer in die Organisation des Synagogenjubiläums investiert, hat Interviews geführt mit älteren Betern wie Meir Neumann, der die Kriegsjahre im Berliner Untergrund überlebte und die Synagoge bis heute besucht. «Die Feierlichkeiten haben auch die älteren und die jüngeren Beter noch stärker integriert», ist Nina Peretz überzeugt. «Denn die, die es gemacht haben, sind die jüngeren Beter. Aber die, die die Geschichten zu erzählen haben, sind die älteren Beter.»

Michael Joachim ist voll des Lobes für das Engagement der jungen Leute: «Sie wollen damit die Synagoge wieder so kraftvoll machen, wie sie früher einmal war, vor der Schoa. Das war wirklich eine große Gemeinde, da war jeder Platz besetzt an den Hohen Feiertagen. Das hatten wir noch in den 50er-, 60er-, 70er-Jahren, bröckelte dann ab und kommt aber langsam wieder.» Konflikte zwischen Alt und Jung habe es durchaus gegeben, erinnert sich Michael Joachim – das ist allerdings schon länger her, da gehörte er selbst noch zu den Jungen in der Synagoge.

«Es gab etwa lange Diskussionen darüber, ob die Frauen nur auf der Empore sitzen dürfen. Das haben wir dann behutsam abgebaut und haben unten die Reihen gleich nach dem Eingang für die Frauen reserviert.»

Die heutige junge Generation geht nach einem anderen Motto vor, erklärt Peretz: «Unser Prinzip ist immer gewesen: Wir schaffen Neues, aber wir nehmen nichts vom Alten weg. Alles, was wir machen, sind Add-ons», sagt Nina Peretz.

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