Frankfurt II

Beste Randlage

Kinder haben die Eigenart, häufig die richtigen Fragen zu stellen. Jaz-Elishewa Patterson-Baysal kann davon ein Lied singen. Unweit ihrer Wohnung im Frankfurter Ostend befindet sich ein alter Luftschutzbunker. Täglich fährt sie mit ihren Kindern daran vorbei. Das Überbleibsel aus der Zeit des Nationalsozialismus steht heute an der Stelle, an der von 1907 bis 1938 die Breuer-Synagoge stand. Ein großformatiges Schwarz-Weiß-Foto an der Wand des Betonbaus bezeugt die einstige Pracht des Innenraums. »Die Kinder denken, im Innern des Bunkers würde es immer noch so aussehen«, erzählt Patterson-Baysal, »und irgendwann wollten sie wissen, warum dort keine Synagoge mehr steht«.

westend Es waren solche Fragen, die die Rechtsanwältin bewogen haben, sich mit der Geschichte intensiver auseinanderzusetzen. Seit fünf Jahren lebt Patterson-Baysal mit ihren Kindern im Ostend. Heute schlägt das Herz der jüdischen Gemeinde am anderen Ende der Innenstadt – im Westend. »Vor 100 Jahren aber«, sagt Patterson-Baysal, »war auch das Ostend ein jüdisches Viertel. Ich war überrascht, wie jüdisch.« Eine Tradition, an die der von ihr mitgegründete Jüdische Kulturverein Ostend wieder anknüpfen möchte.

Mitte Dezember haben sie ihren Verein gegründet. »Am Anfang waren wir fast ausschließlich Mütter. Wir hätten uns auch Jüdischer Frauenverein nennen können«, scherzt die Juristin. Knapp drei Monate später zählt der Verein 25 Mitglieder. Vor einem Monat hat ihm das Finanzamt Frankfurt die Gemeinnützigkeit zuerkannt.

gegenpol Das jüdische Ostend, einst der orthodoxe Gegenpol zum liberalen Westend, existiert heute vor allem in Erinnerungen. Die Zahl der jüdischen Einwohner schätzt Patterson-Baysal heute »auf ein paar Hundert«. Ein kleines Mosaiksteinchen im multikulturellen Panorama, das heute das Bild des Viertels prägt. »Es ist ein sehr lebendiger Stadtteil«, betont die Vereinsgründerin. Die kleine jüdische Gemeinschaft möchte in Zukunft dazugehören. Einen ersten Schritt wollen sie Lag Ba Omer machen. Dann soll mit allen Nachbarn bei einem Straßenfest gefeiert werden.

Daneben möchte der Verein speziell auf Kinder zugeschnittenen Tora-Unterricht anbieten, sowie, wenn möglich, in Zusammenarbeit mit dem jüdischen Altersheim in Bornheim ein Erzählcafé einrichten. »Hier im Ostend gab es mal jede Menge jüdisches Leben«, sagt Patterson-Baysal, »da wollen wir wieder hin: Rein ins Leben.«

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