Berlin

»Aus dem Tempel drang die Melodie«

Rabbiner Andreas Nachama sowie Kantorin Esther Hirsch mit Chor Foto: Rolf Walter

»Sitzen die Frauen getrennt von den Männern?«, fragt Antonia Segal‐Delamoelle in der Synagoge Sukkat Schalom in der Charlottenburger Herbartstraße. Sie hatte sich extra dieses Gotteshaus bei der »Langen Nacht der Religionen« ausgesucht, da sie die Bedeutung der Psalmen in jüdischer Tradition interessieren. »Meine Vorfahren vor 500 Jahren lebten in Spanien und waren sefardische Juden, doch im Zuge der Inquisition konvertierten sie.« Und nun interessiere sie sich für das Judentum. Da in der Reformsynagoge Männer und Frauen nebeneinandersitzen können, hat sie freie Platzwahl.

Etwa 40 Interessierte sitzen in der Herbartstraße, um den Vortrag »Psalmen in Liturgie und Andacht neu entdeckt« zu hören. Ein paar Bänke weiter vorn besprechen Kantorin Esther Hirsch und Rabbiner Andreas Nachama die letzten Details. »Ihr fangt an, und dann rufst du mich auf«, sagt der Rabbiner zur Kantorin.

Mit dem 92. Psalm, einem Dankgebet an den Allmächtigen, wird der Abend eröffnet. »Zuerst singen wir ihn in einer Fassung des 20. Jahrhunderts, von der 2011 verstorbenen Amerikanerin Debbie Friedman, dann in einer Komposition von Louis Lewandowski«, sagt Esther Hirsch.

CHOR Gemeinsam mit dem sechsstimmigen Frauenchor der liberalen Synagoge legt sie los. Dabei werden gleich die musikalischen Strukturen deutlich: Mal wird unisono gesungen, mal wird der Solopart von den Chorsängern begleitet. »Es gibt keinen Gottesdienst ohne Psalmen«, erklärt An­dreas Nachama. Insgesamt sind in den Fünf Büchern Mose 150 Psalmen festgehalten. Der 92. Psalm etwa wird zum Schabbatgottesdienst rezitiert. Entstanden seien sie zu biblischer Zeit, erzählt Nachama.

Um die Leute bei Laune zu halten, sind die Wechselgesänge entstanden.

Früher führten Stufen zum Tempel‐Altarraum in Jerusalem, doch es gab nicht genügend Platz. Die Korachiten aus dem Stamme der Leviten waren für den Einlass zuständig und sollten darauf achten, dass nicht zu viele Beter in den Tempel gelangten. Deshalb habe es eine lange Schlange an Wartenden gegeben. Um die Leute bei Laune zu halten, seien die Wechselgesänge entstanden.

»Aus dem Tempel drang die Melodie heraus und wurde von den Instrumentalisten und Wartenden weitergeführt«, erklärt Nachama. Dass es auch damals schon Solisten gegeben haben muss, verrät laut Rabbiner der Text: Mal wird in der Ich‐Form gesprochen, mal in der Wir‐Form. Psalmen gebe es für Feiertage und so ziemlich für jede Gelegenheit im Alltag – für Krankheit, Hochzeit, Tod, zur Buße, Klage, Freude und Hoffnung.

Der Chor stimmt den Psalm 121 an, einmal in einer hebräischen Version von Shlomo Carlebach (1925–1994), danach denselben Text in einer Vertonung von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847). Wie bei den ersten Beispielen an diesem Abend wird deutlich, wie unterschiedlich die Melodien und Harmonien für denselben Text sind. Ein Trauerritus sei übrigens oft nicht besonders traurig, sondern möchte lieber Trost spenden, betont Nachama.

LEWANDOWSKI Als Beispiele erklingen die Psalmen 103 und 16 von Louis Lewandowski (1821–1894). Zum Schluss wird Psalm 150 aufgegriffen, das große Halleluja, mit dem die Gottesdienste ausklingen. »Man muss sich das so vorstellen, dass aus dem Tempel das Halleluja herausdringt, von den Wartenden aufgegriffen und weitergesungen wird und schließlich überall erklingt.«

Antonia Segal‐Delamoelle ist zufrieden – aber ihr Wissensdurst ist noch nicht gestillt. Sie will weiter die »Lange Nacht der Religionen« nutzen, um sich zu bilden, und bricht zur Synagoge Fraenkelufer auf. Dort geben die Musiker des Duos Mudita, Liran Levi (Gesang) und Simon Steffgen (Violoncello), einen Einblick in die Welt der Pijjutim, hebräischen religiösen Texten und Melodien des arabischen Judentums. Die Musiker erzählen ihre persönliche Begegnung mit dieser Musikkultur und stellen verschiedene Traditionen musikalisch vor.

Außer Sukkat Schalom und der Synagoge Fraenkelufer beteiligten sich die Synagogen von Chabad und Bet Haskala sowie das »House of One« an der Langen Nacht der Religionen. Die Veranstalter zeigten sich zufrieden. Insgesamt kamen laut Michael Bäumer, Geschäftsführer des Berliner Forums der Religionen, 6000 interessierte Besucher.

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