Gedenken

Auftakt zur Vernichtung

Mit einer Gedenkfeier wurde am Montagabend in der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum der sogenannten Polenaktion der Nationalsozialisten vor 80 Jahren im Oktober 1938 gedacht. Zu der Veranstaltung in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte hatte die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum zusammen mit der Freien Universität Berlin, dem Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin sowie der Organisation Fundacja TRES eingeladen.

Neben Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde nahmen auch Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke), Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Die Grünen), und die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering (SPD), an der Veranstaltung teil. Unter den Gästen waren neben Vertretern der Botschaften von Israel, Polen und Austra­lien auch zahlreiche Angehörige von vertriebenen Familien, die eigens für die Gedenkfeier aus dem Ausland angereist waren.

überlebende
Mit Rita Berger (geborene Adler) war auch eine Zeitzeugin und Überlebende der »Polenaktion« mit ihrer Familie aus den USA nach Berlin gekommen. Aus gesundheitlichen Gründen konnte Berger persönlich aber nicht an der Veranstaltung teilnehmen.

Die Direktorin der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Anja Siegemund, bezeichnete die Gedenkfeier als »Pionierleistung«: »80 Jahre nach den Ereignissen konnte das verloren gedachte Wissen um die sogenannte Polenaktion wiederentdeckt werden.«

Bundestagsvizepräsidentin Pau sagte, dass die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten kein Selbstzweck sein dürfe. »Gedenken ist nicht genug, wir müssen aus der Geschichte Lehren für die Gegenwart und Zukunft ziehen«, sagte Pau. Eine dieser Lehren sei es, dass Nationalismus und Rassismus niemals Mittel der Politik sein dürften.

Pittburgh Staatsministerin Müntefering ging in ihrem Grußwort auf den Anschlag auf die »Tree of Life«-Synagoge im amerikanischen Pittsburgh ein. »Ereignisse wie dieses zeigen einmal mehr, wie wichtig der Einsatz gegen Hass und Hetze gerade auch heute wieder ist.« Für die Opfer des antisemitischen Anschlags wurde im Saal eine Schweigeminute abgehalten.

Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop begründete, warum die Erinnerung an die Schoa immer auch ein Engagement für die Demokratie sein muss. »Dass es nach den Gräueltaten der Vergangenheit heute wieder ein so lebendiges und vielfältiges jüdisches Leben in Berlin und Deutschland gibt, ist ein großes Glück für uns«, sagte Pop.

Am 28. und 29. Oktober 1938 hatten Einheiten der Ordnungs- und Sicherheitspolizei in einer konzertierten Aktion im gesamten Deutschen Reich rund 17.000 Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit verhaftet und über die Grenze in das Nachbarland abgeschoben. In Berlin wurden mehr als 1500 Jüdinnen und Juden in ihren Wohnungen oder auf der Straße verhaftet und in Zügen an die deutsch-polnische Grenze transportiert.

Notunterkünfte Die während der »Polenaktion« Ausgewiesenen mussten zumeist unter Androhung von Waffengewalt zu Fuß die Grenze nach Polen überqueren. Viele von ihnen kamen zunächst in der polnischen Kleinstadt Zbaszyn, das bis 1920 Bentschen hieß, unter. Insgesamt kamen an diesen zwei Oktobertagen mehr als 8000 ausgewiesene Jüdinnen und Juden dort an. Rund zehn Monate harrten die meisten in provisorischen Notunterkünften aus. Viele der Deportierten wurden nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen von der SS erschossen.

Susan Berger, Tochter der Zeitzeugin Rita Berger, sagte in Berlin, dass die Gedenkfeier für ihre Familie eine Genugtuung sei. »Mein Großvater wäre dankbar für eine Veranstaltung wie diese, die sich so deutlich gegen Antisemitismus und Diskriminierung stellt.«

vertreibung Leo Adler, Rita Bergers Vater, war zusammen mit einem ihrer Brüder am 28. Oktober 1938 festgenommen und ins polnische Zbaszyn verbracht worden. Mutter Sabina Adler blieb mit den jüngeren Kindern Fedor und Rita im Berliner Stadtteil Kreuzberg zurück. Im März 1939 wurde sie von der Polizei gezwungen, die Wohnung abzuschließen und das Land zu verlassen. Im Frühjahr 1939 fand die Familie für wenige Wochen im polnischen Flüchtlingslager Zbaszyn zusammen. Wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde Leo Adler von Mitgliedern der SS-Einsatzgruppen in Dynów ermordet.

Alina Bothe, die Kuratorin der Ausstellung Ausgewiesen!, die derzeit im Centrum Judaicum zu sehen ist (vgl. Jüdische Allgemeine vom 16. August und vom 25. Oktober), sagte in einer historischen Einschätzung, dass das Schicksal der Familie Adler-Berger stellvertretend für viele der 1938 Ausgewiesenen steht. »Mit dem 28. Oktober wurden die meisten der betroffenen Familien für immer auseinandergerissen.«

massendeportation Die »Polenaktion« sei zentral für das Verständnis der Schoa, erläuterte Bothe weiter. »Die Maßnahme war die erste große und systematisch angelegte Massendeportation der Nationalsozialisten gewesen.« Die »Polenaktion« könne daher auch als »Auftakt zur Vernichtung« gesehen werden.

Die Ausstellung Ausgewiesen! befasst sich mit der Geschichte der sogenannten Polenaktion. Sie ist noch bis zum Jahresende im Centrum Judaicum zu sehen.

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