Erinnerung

»Apathisch, dicht an dicht«

Kinder des Jugendzentrums Neshama und der ZJD rezitierten Texte. Foto: Miryam Gümbel

Unter dem Motto »Gedenke und erinnere!« hat die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern zum 69. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto und 67. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager am Erew Jom Haschoa der Opfer gedacht.

Den Auftakt machte der Synagogenchor »Schma Kaulenu« unter Leitung von Yoed Sorek mit dem 16. Psalm. Kinder der Sinai‐Grundschule und Jugendliche des Jugendzentrums Neshama und der ZJD‐Snif München verdeutlichten die Eindrücke und Leiden der Schoa mit rezitierten Textpassagen und Liedern, um »das Gedenken im Herzen zu bewahren« und die Opfer zu ehren.

Rabbiner Arie Folger verwies anschließend in einem gemeinsamen Mischna‐Lernen darauf, dass Mischna und Neschama die gleichen vier hebräischen Buchstaben enthalten. Das Gebot »Du sollst den Ewigen, Deinen G’tt, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und aus allen Kräften« umfasse diese Haltung auch bei einem schweren Schicksal. Wie schwer das für die Opfer der Schoa war, zeigte im Anschluss der Zeitzeuge und Schoa‐Überlebende Georg Heller auf. Den Titel seines Vortrags »›Mensch bleiben‹ wollen wir als Auftrag und Hoffnung begreifen, wie man sich in allen Situationen des Lebens verhalten soll«, betonte Rabbiner Folger zum Abschluss des Vortrags.

Flucht Georg Heller, geboren am 8. Juni 1923 in Budapest, war von Juni 1944 bis Januar 1945 in Auschwitz‐Birkenau. Der Todesmarsch begann für ihn am 18. Januar 1945 und endete in Dachau und seinen Außenlagern. Anfang September 1945 nach Budapest zurückkehrt, studierte Heller Mathematik, Romanistik und Slawistik und arbeitete als Übersetzer. 1956 floh er nach Deutschland und lebt seither in München. Heller lehrte Ungarisch an der Ludwig‐Maximilians‐Universität.

»Im Schutze dieses wunderbaren Zeltes und vor dieser wachen Gemeinde sollte ich Worte finden, die mir während eines biblisch langen Lebens noch nie auf die Lippen gekommen sind; und hier werde ich Bilder heraufbeschwören müssen, die ich krampfhaft vergessen wollte«, begann er den Vortrag. Was er zu sagen hatte, machte betroffen. Die Eindringlichkeit seiner Rede, die präzise Wahl der Worte des Überlebenden, der sein späteres Leben mit Sprache und deren Ausdrucksmöglichkeiten verbringt, ließen den Inhalt seines Vortrags noch lange nachklingen.

»Ich habe gesehen, wie Menschenleben vernichtet worden sind; ich habe gesehen, ich habe am eigenen Körper erlitten, wie versucht wurde, im Menschen das Menschliche abzutöten«, leitete er seine Schilderung ein und fuhr mit dem bewussten Zeugnis fort: »Hört jetzt! Ich bezeuge, so verlief mein erster Tag in Birkenau. Als unser Zug in Birkenau angekommen war, schien noch die warme Junisonne. Jetzt aber verwandelte ein Platzregen die ganze Barackenstadt in einen Schlammsee. Durchnässt betrat ich einen riesengroßen Holzbau.«

Die genaue Beschreibung machte Hellers Schilderung noch eindrücklicher: »Da gab es in der Mitte, entlang der Räumlichkeit, eine circa 40 Zentimeter hohe Einrichtung – wahrscheinlich die Ummantelung der stillgelegten Heizung. Links und rechts sah man die Schlafflächen: Drei Etagen beherbergten die Häftlinge. Die lichte Höhe zwischen den einzelnen Schichten betrug etwa 120 Zentimeter. Die nackten Bretter waren mit Stroh bedeckt; es fiel nicht schwer zu erkennen, dass es geraume Zeit nicht gewechselt worden war. Die Baracke war überfüllt; von Zeit zu Zeit öffnete sich der Eingang, und ein neuer Schwall von Männern strömte herein. Ohne auf die Nähe der Freunde zu achten, suchte ich mir verbissen einen Liegeplatz zwischen den wildfremden Körpern. Häftlinge verschiedenen Alters, Lieferungen aus früheren Transporten, lagen apathisch, dicht an dicht auf den Pritschen, die Augen mit entrücktem Blick in die Höhe gerichtet.«

Schilderung Die Beschreibung fehlenden Mitleids untereinander brachte wichtiges historisches Wissen für die Zuhörer: »Meine zerlumpten Bettnachbarn nahmen meine Anwesenheit äußerst unfreundlich auf. Ihre Antipathie war unverhohlen: Sie beschuldigten uns, ungarische Scheinjuden aus Budapest, sie den Deutschen ausgeliefert zu haben. Und als sie erfuhren, dass ich, wie auch meine Kameraden, unverheiratet und sogar ohne jegliche Verwandtschaft hier angekommen war, erreichte der Hass den Höhepunkt. Sie wussten bereits, welches Schicksal ihre Frauen und Kinder erlitten hatten: Der Rauch aus den Krematorien durchdrang die ganze Baracke.«

Georg Heller verharrte aber nicht nur im Gestern. Er stellte auch die Frage, wie es gelingen konnte, möglichst lange am Leben zu bleiben. Seine Antwort: »Wir wollten, ja, wir mussten weiterleben, weitermachen – nicht nur, um Rache zu nehmen; wir sehnten uns nach all dem Schönen, Feinen und den Freuden, was das Schicksal als Kompensation für das Erlittene uns bereitstellen sollte.«

Dass auch nach dem Ende der Schoa nicht alles vergessen war, das betonte der Überlebende auf eindringliche Weise: »Unbekannt, ungezählt die Zahl derer, die an ›Folgeschäden‹ litten und jämmerlich endeten; auch die vermeintlich Gesunden hatten die liebe Not, sich im neuen Alltag zurechtzufinden, zwischenmenschliche Kontakte ohne Argwohn anzuknüpfen, den Nachbarn nicht mit schiefem Blick anzuschauen. Die wenigen Lichtgestalten der Überlebenden, wie Elie Wiesel oder Imre Kertész, bleiben glückliche Einzelfälle; doch sie lassen mich die seelisch und körperlich verkrüppelten Wracks im Siechenhaus bei Nacharia nicht vergessen.«

Nach diesen Worten klang das El Mole Rachamim, vorgetragen von Kantor Moshe Fishel, auf ganz besondere Weise nach.

Franz Memelsdorff und Georg Heller: »Im KZ – Zwei jüdische Schicksale 1938/1945«. Fischer, Frankfurt 2012, 160 S., 9,99 €

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