München

»Anspruchsvolles Projekt«

Die Synagoge Reichenbachstraße ist nach dem Umzug der Kultusgemeinde in die Ohel-Jakob-Synagoge an den Jakobsplatz kaum noch genutzt worden. In den Herzen vieler Gemeindemitglieder ist sie aber nicht vergessen. Über ihre Zukunft sprachen wir mit Abi Pitum, Finanzdezernent der IKG.

Herr Pitum, was bedeutet Ihnen die Synagoge Reichenbachstraße?
Für mich ganz persönlich ist die Reichenbachstraße die Synagoge, in die mich mein g’ttseliger Vater jeden Schabbat als Kind mitgenommen hat und in der ich meine jüdische Identität fand – durch den jüdischen Jahreslauf etwa und die vielen eindrucksvollen Männer und Frauen dort, die zu meinen Vorbildern wurden. Zudem ist diese Synagoge für mich als Bürger dieser Stadt eine kulturhistorische Besonderheit, ein Baudenkmal der Neuen Sachlichkeit, die letzte Synagoge, die in Deutschland vor dem Holocaust gebaut wurde.

Und sie hat trotz allem die Nazis und deren Zerstörungsversuche überlebt.
Ja, da die Synagoge im Hinterhaus im engen Bauensemble mit den Häusern des Wohnkarrees lag, konnten die Nazihorden sie nicht einfach abfackeln und vernichten, ganz im Gegensatz zu den Menschen. Nach der Befreiung war es deshalb möglich, diese Synagoge mit recht einfachen Mitteln herzurichten. Von da an war sie die Münchner Hauptsynagoge. Die versteckte Hinterhof-Situation spiegelte wohl auch die damalige Befindlichkeit der jüdischen Gemeinschaft in jener Zeit recht gut wider.

Heute befindet sich die Hauptsynagoge am Jakobsplatz. Wie kam es zum Bau einer neuen Synagoge?
Vor sieben Jahren wurde der Traum von Charlotte Knobloch und vielen Gemeindemitgliedern einer neuen Generation wahr: Wir konnten in unser neues, weithin sichtbares Gemeindezentrum im Herzen der Stadt umziehen. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Synagoge in der Reichenbachstraße nur noch selten genutzt.

Hat man sich damals Gedanken über eine zukünftige Nutzung gemacht?
Für eine Fortnutzung der Synagoge sind vereinzelt Vorschläge an den Vorstand herangetragen worden. Da aber aus religiöser Sicht, wie uns Rabbiner Levinger kürzlich einmal mehr bestätigt hat, prinzipiell nur eine Nutzung als Synagoge oder Lehrhaus infrage kommt, hat sich konkret nichts ergeben. Wir waren ja auch allzu sehr damit befasst, unser neues großes Gemeindezentrum mit all den vielen Aufgaben in Nutzung zu nehmen.

Inzwischen hat sich eine private Initiative der Reichenbachstraße angenommen.
Dafür bin ich Rachel Salamander, Ron Jakubowicz und ihren Mitstreitern ganz besonders dankbar. Denn wir als Gemeinde haben eine Verpflichtung gegenüber unseren Gemeindemitgliedern wie auch der gesamten Stadtgesellschaft, dieses kulturhistorische Erbe zu bewahren. Das darf die Gemeinde als Körperschaft des öffentlichen Rechts nicht allein einem privatrechtlichen Verein überlassen. Bei einer so großen Aufgabe muss sie sich auch selbst in die Pflicht nehmen.

Der Verein hat eine Menge an Vorarbeiten geleistet …
... und das ist auch gut so und kann eine Grundlage für dieses anspruchsvolle Projekt sein, zu dem sich der Vorstand in seiner letzten Sitzung Anfang November ausdrücklich bekannt hat. Wir haben bereits einen Facharchitekten eine erste Bestandsaufnahme machen lassen. Dabei wurde festgestellt, dass der Beterraum der Synagoge nicht auf dem Fundament alter Biergewölbe gründet, sodass keine akute Einsturzgefahr besteht.

Wie ist es um die finanziellen Mittel für den Erhalt der Synagoge bestellt?
Selbstverständlich wird die Gemeinde ein solches Bauvorhaben nicht aus eigenen Mitteln stemmen können. Wir rechnen mit der Unterstützung der öffentlichen Hand, darüber hinaus aber auch mit der Hilfe vieler engagierter Bürger. Schließlich handelt es sich bei diesem einzigartigen architektonischen Baudenkmal der Neuen Sachlichkeit um ein Projekt für die ganze Stadtgesellschaft. Es gibt viele Beispiele dafür, dass es gerade engagierte Bürger sind, die den Anstoß dazu geben, dass bedeutende Kulturdenkmäler wieder in neuem Glanz erstrahlen. Das brauchen wir auch in Bezug auf die Synagoge Reichenbachstraße – vom Fundraising bis hin zum kulturhistorischen Sachverstand.

Das Gespräch führte Miryam Gümbel.

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